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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-02-02 · Heft 5 (2.2.1894) · p. Seite 54

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 5 (2.2.1894)
Date
1894-02-02
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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54 möchten wir die in der Verwaltung der jüdischen Gemeinde Hannover stehenden Männer darauf Hinweisen, daß der Umfang der pädagogischen Gebiete, die ausgedehnte Thätigkeit, die das verantwortungsvolle Direktorat selbst in sich schließt, keine Nebenämter zulaffen, die leicht eine Kollision der Pflichten bewirken könnten. Wir halten es für einen Mißgriff, wenn das Direktorat, die Leitung der Religionsschule, die Vertretung des Rabbiners in einer Person — und sei sie noch so hervorragend befähigt — vereinigt sind. Wir erinnern daran, daß zur Zeit des sei. Professor Frensdorfs nicht dieser, sondern der sel. Dr. Wiener Oberlehrer der Religionsschule war. Auf diesen Umstand zurückgreifen, heißt fortschreiten. Wohl sind pekuniäre Opfer erforderlich, um diese Frage in zweckdienlicher Weise zu lösen, aber in der jüdischen Gemeinde Hannover waren stets Intelligenz und Opferwilligkeit miteinander verschwistert, und so dürfen wir mit Sicherheit annehmen, daß Mittel und Wege gefunden werden, um einen befähigten Seminardirektor und eine besondere, nicht minder tüchtige Kraft als Dirigent der Religionsschule, der zugleich den Rabbiner vertreten kann, zu erwerben. M. Sp. Wiener Briefe. XXVI. (cpMpTciS ich als Furcht hegte, das kam über mich, und was ich besorgte, das trat an mich heran." Mit dieser Klage des j 0 biblischen Dulders leite ich diesen Brief ein. Wenn auch nicht die Eventualität in ihrer weittragenden Bedeutung, so doch die Thatsache, daß Dr. Jellinek nicht voll und ganz seiner Berufsthätigkeit obliegen könne, schwebte mir vor, als ich wiederholt und abermals in diesen Blättern auf die Nothwendigkeit hinwies, daß das Plmt des Predigers so rasch als möglich in einer Weise zu besetzen sei, wie sie der Bedeutung der größten Gemeinde des Kontinents entspricht und der Weihe der Kanzel angemeffen ist, die Mannheimer vier Jahrzehnte und Jellinek eine nicht viel kürzere Zeit zur Verherrlichung der Lehre des Judenthums beschritten. Die vielen Räthsel, welche der hiesige Kultusvorstand dem aufmerksamen Beobachter zu lösen giebt, wurde jedoch um eines vermehrt: man fand sich nicht veranlaßt, auf meinen Ruf zu hören. Jetzt, da es im Rathschluffe der Vorsehung lag, den ausgezeichneten Meister der Kanzelberedtsamkeit, Jellinek, abzuberufen, steht die Kanzel des Bethauses verwaist da. „Wer unterweist in der Erkenntniß (Gottes), wer macht verstehen die Kunde (Lehre)?" — Vielleicht war es der größte Fehler, den der Kultusvorstand in dieser Beziehung beging, daß er seinerzeit einen Aushilfsprediger bestellte; hierdurch wurde die Aufnahme eines wahrhaften Ersatzpredigers für Dr. Jellinek auf die lange Bank geschoben. Welche Konsequenzen sich daraus ergeben mußten, ist in meinen früheren Briefen sattsam dargethan worden. Ich halte aber den Gedanken für ausgeschloffen, daß der Vorstand sich noch weiter in der Fabius Cunctator-Rolle gefallen wird. Mit eiserner Faust klopft die Dringlichkeit an die Pforten unserer Rathsstube; sie wird und muß Einlaß finden. Zu Oeftern habe ich in diesem Korrespondenzen-Cyklus die Bedeutung der Predigt in heutiger Zeit berührt, und es hieße, Axiome demonstriren wollen, wenn ich noch ein Wort darüber verlöre. Ich kann es nur als ein Lueterum censeo hinstellen, daß der Vorstand ungesäumt Veranlaffung treffen möge, die Predigerstelle, welche durch den Heimgang Jellineks vakant wurde, zu besetzen. Selbstverständlich muß es seinem Ermeffen überlasten bleiben, welche Kanzel der beiden Gemeinde-Bethäuser des alten Wien zur Besetzung gelangen soll. Hierin werden Recht und Billigkeit auch ein maßgebendes Wort mit zu sprechen haben. Ich möchte ober auch die Gelegenheit ergreifen, um Einiges in unmaßgeblicher Weise über Kanzelberedtsamkeit vorzubringen. Es soll nicht geleugnet werden, daß ein spezieller Anlaß mich hierzu bestimmt. Wenn überhaupt, hat hier die Sentenz des deutschen Dichterfürsten: Grau, theurer Freund, ist alle Theorie Und grün des Lebens gold'ner Baum seine vollgiltige Berechtigung. Derjenige Kanzelredner, der sein Genüge bei der Konzeption seiner Predigt darin fände, daß sie sich genau den Regeln der Homiletik akkomodire, würde seine Aufgabe nur schlecht verstehen. Vielmehr müssen Form und Inhalt den Forderungen entsprechen, welche die jeweiligen Verhältniffe, der Charakter und die Eigenart der Zuhörerschaft stellen. Der Prediger des jüdischen Alterthums, welcher eine Mutter 600,000 Kinder im Leibe haben läßt, und Abraham a Santa Clara, welcher in Ausdruck und Darstellung, so zu sagen, kein Blatt vor den Mund nahm, haben sicher den beabsichtigten Eindruck hervorgerufen. Sie kannten die Verhältnisse und ihr Auditorium und richteten darnach ihre Reden ein. Hierin lag aber auch die mächtige Wirkung der Reden Mannheimers und Jellineks. Beide sprachen aus dem Vollen der Gemeindeverhältniffe und der Eigenthümlichkeit der Zuhörer oder derjenigen heraus, auf die es abgesehen war. Das Wort des großen Rabbi Moses Sofer: „Wer da meint, daß ich ihn meine, den nieine ich," kam auf diese Weise, wenn auch unbewußt, zur Geltung. Auf diese Weise ist es vollkommen irrelevant, ob die hierbei in Anwendung gebrachten Bibelstellen an und für sich den Sinn in sich schließen, welchen der Prediger zum Ausdrucke zu bringen beabsichtigt. Die Hauptsache ist, daß sie fest wie Quadern im Gedankenbau, den die Rede aufführt, sitzen. Besagen denn die im Midraschim citirten Bidelstellen das, was dort aus ihnen abgeleitet wird? Decken sich immer die aus den Klassikern so oft geholten und angewendeten Citate mit den Intentionen, die ihre Verfasser mit ihnen allsdrücken wollten? — Vollends die Art des Vortrages läßt sich nicht nach Normen regeln. Das Meiste hierbei ist wohl auf Rechnung der Individualität des Redners zu stellen. „Zum Redner muß man geboren sein," ist ein altes Wort. „Vom Ewigen ist der Zunge Beredtsamkeit." Aber Vieles wird hierin von der Umgebung bestimmt, in der der Redner sich zu bewegen gewohnt ist. In einem und demselben Volksstamme variiren Dialekt und Vortragsweise, und Verkehr und Umgang üben hier ihren gestaltenden Effekt. Mit einem Worte: Jene Kanzelberedtsamkeit ist die richtige, welche wirkungs- und eindrucksvoll ist. Die Homiletik als solche kann nur propädeutische Hilfe leisten, „des Lebens gold'ner Baum" allein bietet hierin „die Erkenntniß des Guten und Bösen". Bei Besprechung der ins Leben getretenen Lehranstalt zur Heranbildung von Rabbinern und Religionslehrern dürfte sich der Anlaß ergeben, noch einmal auf dieses Thema zurückzukommen. Noch immer waltet der hiesige Vorstand nur provisorisch seines Amtes. So lange das neue Gemeindestatut seine endgiltige Erledigung nicht gefunden hat, kann an die Neuwahl des Vorstandes nicht gegangen werden. Ob es ein „gut Ding" ist, das „Weile" braucht, wird die Folge lehren. In der Gemeinde selbst herrscht darüber eine gereizte Stimmung. Der Entwurf des Statuts, welcher seiner Zeit der Oeffentlichkeit überantwortet wurde, gab den verschiedenen Bethausvereinen, sowohl orthodoxer als moderner Richtung, Anlaß, mit ihren Desiderien heranzutreten. Sie mochten sich hierzu um so

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