Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1891)
- Date
- 1891-12-25
- Page
- Seite 614 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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614 Symbol des Lichts und des Friedens auf Erden — wir aber freuen uns unserer Menorah und singen beim milden Lichte ihrer Flammchen begeistert die alte Hymne auch in neuer Zeit: Schirm und Schutz in Sturm und Graus, Dir erschall' ein Jubellied; Schütz', o Herr, dem heilig Haus, Drin dir Lob und Preis erblüht. Doch wenn einst verstummt der Feind, Dem dein Volk als Spott erscheint. Dann erschall' allüberall, Liebessang, der uns vereint! U Wie Berliner Gemeinde und die Lehranstalt für die Wissenschaft des Iudenthrrms. Von Professor Dr. M. Lazarus. Verehrter Herr Doktor! Sie haben recht, daß der Debatte des Repräsentantencollegiums mit dem dürftigen Bericht in Nr. 50 kein Genüge geschehen, und auch der Leitartikel darüber zur Aufhellung der Frage nicht ganz ausreicht. Denn diese ist von großer Bedeutung, auch abgesehen davon, daß sie neu ist; alle die laufenden Fragen der Verwaltung, auch die wichtigsten, stehen nicht auf gleicher Linie mit ihr. Darum haben alle Ihre Leser nicht nur hier, sondern überall ein Recht und ein Bedürfniß nach voller Aufklärung über das, was am grünen Tisch verhandelt ist und werden wird. Gern entspreche ich deshalb Ihrem Wunsche, was ich dort vorgebracht, aus dem Gedächtniß, so gut es gehen will, zu wiederholen. Vielleicht folgt dann auch Herr Justizrath Makower meinem Beispiel. Schade, daß die große Rede desselben nicht stenographirt ist. In lichtvoller Weise hat er alle die praktischen Gesichtspunkte erörtert, aus denen die hiesige Genieinde ein Interesse an dem Bestände der Hochschule hat. Bei vier, bald vielleicht fünf Synagogen, bei weiteren fünf Gebethäusern an hohen Festtagen, wie auch für den Religionsunterricht ist ein lebendiges Bedürfniß vorhanden, junge Hilfsprediger zur Hand zu haben, welche dadurch zugleich ihre Uebung und Ausbildung befördern. Diesen und allen anderen praktischen Erörterungen konnte man nur! beipflichten. Etwa Folgendes aber glaubte ich noch hinzufügen zu müssen, j Die Frage ist eine prinzipielle. Wie verhält sich die Gemeinde zur Wissenschaft des Judenthums? Hat die Verwaltung für die Pflege derselben zu sorgen? Manche glauben diese Frage verneinen zu dürfen. Sie meine», wir hätten hier nicht mit der Wissenschaft, sondern nur mit der Verwaltung der Gemeinde zu schaffen. Sie vergessen die Hauptsache: daß es eine jüdische Gemeinde ist, eure jüdische Großgemeinde. Das Judenthum legt der Gemeinde vcstimmte Pflichten auf; Religion und Tradition, Lehre und Geschichte des Judenthums aber betrachten die Pflege der Wissenschaft als die erste und höchste aller Pflichten. In die Ordnung des täglichen Frühgebets haben unsere Weisen mit edlem Bedacht Stücke aus dem Talmud ausgenommen, welche keine Gebete sind, aber Grundgedanken des Jridenthums aussprechen, die uns allezeit gegenwärtig sein sollen. Da heißt es: Dies sind die Dinge i^x 121 welche dem Menschen hienieden und jenseits zrnn Heile gereichen. Da werden nun die sittlichen und religiösen Forderungen ausgestellt: Verehrung der Eltern, Wohlthätigkeit, Krankenpflege, Leichenbestattung, Andacht im Gebet, Friedenstiftung u. s. w. Sie sehen, meine Herren, die Grundpfeiler des sittlich-religiösen Lebens. Der Schluß des Ganzen aber lautet: d*?2 N333 min 'llöSfll „Das Studium der Wissenschaft aber wiegt das Alles auf." — Im Talmud wird erzählt'. Rnba, das bekannte Schulhaupt, sagte zu —* ich glaube — einem Sohne Papas, der; wegen seiner schönen Sentenzen berühmt war: gieb mir doch einen der -erhebenden Sprüche mit Bezug auf das Gotteshaus; und was antwortete dieser? „Gott liebt eine Stätte, welche dem Studinm der Wissenschaft gewidmet ist, mehr als alle Synagogen." Das, meine Herren, ist echt jüdischer Geist; danach zu handeln, war von jeher jüdische Sitte. Immer haben es die großen Gemeinden als ihre Ehrenpflicht betrachtet, hervorragende Gelehrte an ihre Spitze zu stellen, welche die Wissenschaft des Judenthums repräsentirt und fortgepflanzt haben; nicht Prediger, sondern Lehrer waren sie iir erster Linie; und die Gemeinden haben, von der Besoldung der Rabbiner abgesehen, sich freiwillig die große Steuerlast auferlegt, eine zahlreiche, aus aller Welt zusammenströmende Schaar von Jüngern zu erhalten. Immerwährenden Ruhm haben im 14. und 15. Jahrhundert die Gemeinden Spaniens erworben: gepriesenes Barcelona; Männer wie Nachmanides, Aderet, Ascher den Jechiel und sein gesegneter Sohn Jakob, der Bal Haturim, der scharfsinnige Rabbenn Nissim u. A. lehrten; und aus vielen Ländern zogen die Schüler herbei. Auch aus Deutschland; damals eine lange, beschwerliche und gefährliche Reise, mehr als heute dreimal um die Erde zu fahren. — Am rührendsten aber ist mir immer dieses erschienen: 1492 wurden die Juden aus Spanien vertrieben; die meisten ziehen nach Navarra und Portugal; hier haben sie Ruhe gefunden, aber nur für kurze Zeit; nach sechs Jahren werden sie wiederum vertrieben. In dieser Zeit, was hören wir von ihnen? Nicht, daß sie Synagogen, daß sie Krankenhäuser gebaut, aber mirb DTD 133 »Häuser für die Wissenschaft haben sie gebaut", hohe Schulen haben sie aufgerichtet, und in der kurzen Spanne Zeit wird Lissabon zum Sammelpunkt der Studenten aus allen Ländern Europas und Nordafrikas, wie vormals Barcelona. — Diese Sitte des Gemeindelebens aus dem echt jüdischen, dem Wissen und der Erleuchtung zugewendeten Geiste, hat sich durch alle Jahrhunderte bis zu dem unsrigen erhalten. Sobald Ruhe, Licht und Luft gegönnt war, blühte das Studium. Selbst kleinere dürftige Gemeinden wetteiferten darum. — Hier unter uns, glaube ich, sind noch Männer, welche, wenn nicht sie selbst, doch deren Väter aus Märkisch Friedland gekommen sind; zu Anfang des Jahrhunderts hat die kleine Genieinde mit einen: einzigen Lehrer großen Ruhm erworben. Schwerlich iverden dort 200 Familien gelebt haben; aber Hunderte von Schülern zogen herbei, tim zu den Füßen des berühmten Rabbi Akiba Eger, nachmals in Posen, zu sitzen. Man darf sicher annehmen, nicht fünf unter hundert dieser Schüler haben einen Wechsel mitgebracht, sie wurdöA i fast alle von der Gemeinde eriiährt; solche Steuerlast hat sie mit Stolz und Freude getragen. Vielleicht beivährt sich noch heute der Segen jener Tage an denen, die aus Friedland stammen.- Aber sehen wir eine Weile ab von dem specifischen Geist des Judenthunis. Blicken wir etwa auf die protestantische Kirche; die Religion wird den Kindern in der Schule, den Erwachsenen von der Kanzel gelehrt. Auf den theologischen Fakultäten aber wird die Grundlage für Schule lind Kanzel gelegt. .Würden die Fakultäten auch nur für zwei Generationen verschwinden, die Wissenschaft nicht hier gepflegt und von hier verbreitet werden, dann ivürde auch die Kirche in ihrer Leberiskraft verkümmern. Nun, für die Fakultäten sorgt der Staat; er thut es nicht für die Wissenschaft des Judenthums. Wer soll hier dafür sorgen? ist es nicht ' nothwendig lmd zweifellos die Gemeinde? — Aber selbst die Stadti gemeinden, sehen Sie doch, wie die sich zur Wissenschaft verhalten. 1 Fakultäten brauchen sie nicht zu erhalten. Aber verpflichtet ist die Gei meinde nur zum elementaren Unterricht der Kinder, zur Kommunalschule. Alle großen Städte aber, Berlin an der Spitze, unterhalten