Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1891)
- Date
- 1891-12-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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55. Jahrgang. Ar. 58. Berlin» 25. Dezember 1891. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von derExpedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von " Nabdrner E*- Ludwig Philtppson-Vonn Verlags-Expedition: Lerlin» Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel r „Es war in jenen Tagen." — Die Berliner Gemeinde und die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums. Von Prof. Dr. M. Lazarus. — Das Zehn-Gebot, insbesondere das Verbot des Meineides. Von Prof. Dr. H. Steintbal. — Wissenschaft und Litteratnr: Wir Sprachverderber. Von Heinrich Simon. — Olymp und Sinai. Von Dr. Heinrich Groß (Schluß). — Feirilletorrr Der heilige Herr. Roman von Ferdinand Di essen back (Fortsetzung). — Heimaths-Erinnerungen. Von Wilhelm Goldbaum. — Für unsere Kleinen znm Chanukafeste. Von Gustav Jacobsohn. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin. Könicisberg. Hannover. Eisleben, Darmsladt. Crefeld, Elberfeld. Bonn. Butzbach, Ans Prag, Raab. Paris, London. Buenos-Ahres. New-Pork, Jerusalem. — Bon Nah und Fern. — Miscellen. — Geschäftliche Notizen. ..Es war in jenen Tagen". Berlin, 23. Dezember. „Es war in jenen Tagen, es war um diese Zeit!" So schließt das Chanukagebet, in dem Juda seinem Gotte für die Rettungen und Großthaten, für die Hilfeleistungen und Kämpfe dankt, die er in seiner Gnade für unsere Vorfahren geführt hat. Mit inniger Begeisterung hat der Jude zu allen Zeiten dieses Dankgebet gesprochen und darin Gott für alle die unzähligen geschichtlich bezeugten Rettungen gepriesen, die er Israel in allen Ländern und unter allen Völkern hat angedeihen kaffen. Und dann hat er seine .Menorah angeziindet und ihr freundlich mildes Licht hat ihm auch das Dunkel seiner Erdentage erhellt. Das ist nun Alles anders geworden in dieser neuen Zeit. Wenn Der Prophet Elin am nächsten Abend unerkannt seine Erdenwanderung antreten wollte, so würde er ein seltsames Schauspiel gewahren. Seltsam freilich nur für uns, für ihn nicht — denn er hat es eigentlich schon in den Tagen der Königin Jsebel gesehen. Freilich in anderen Formen — aber was thut's? Die Sache war dieselbe, der Geist war derselbe und — Israel war dasselbe! Was aber würde der Prophet Elia in den jüdischen Häusern der Gegenwart sehen? Nun denn: In dem einen den Chanukalenchter, in dem andern den Weihnachtsbaum! In dem einen würde ihmdas inilde Licht der Menorah freundlich zuwinken und wehmüthig heiter würde er einstimmen in den Erinnerungsrus: „Es war in jenen Tagen, es war um diese Zeit!" Und freudig wurde er-die Chanukahymne mitsingUl, dem Hort des Heils, den unser altes Danklied in innig frommer Weise preist. Und in dem andern Hause würde ihm der strahlende Weihnachtsbaum entgegenleuchten und fremde Lieder, fremde Klänge würden an sein Ohr dringen! Freilich der Baum selbst wird i h m kein Fremdling sein. Denn bibelkundig, wie der Prophet ja nach der Versicherung des Midrasch ist, würde er sofort erkennen, daß auch dieses Reis aus dem Boden Israels hervorgesproßt ist, und er würde das Wort des Propheten Hosea wiederholen: „Ich will dir sein wie eine grünende Tanne, an mir soll man deine Frucht finden!" Aber die symbolische Darstellung dieser Verheißung würde im israelitischen Hause doch kaum seinen Beifall finden. Und bewegt würde er in das erste Haus zu der alten Menorah zurückkehren. Ach, wenn doch Alle, die fremden Ehren und fremden Sitten nachjagen, mit ihm den Weg in das alte jüdische Haus zurückfänden und dankerfüllt sprächen: „Es war in jenen Tagen, es war um diese Zeit!" Aber auch in diesen Tagen und in unserer Zeit hat sich ja das alte Channkawunder erneuert. Und so wie damals, so hast du auch heute, o Gott und Hort, aus den Händen unserer Feinde uns errettet, die wider dein Volk Israel ausgestanden, dahin trachtend, sie deine Lehre vergessen zu machen und sie von den Gesetzen deines Willens zu entfernen; du aber in deinem großen Erbarmen standest ihnen bei zur Zeit der Drangsale, du führtest ihren Streit, du entschiedest ihre Sache, bit unterwarfst die Helden der Gewalt der Schwachen, ihrer Viele dem Geiste Weniger, die Unreinen den Reinen, die Ungerechten den Gerechten, die Uebermüthigen denen, die deiner Lehre treugeblieben, und dir schufst du einen großen und heiligen Namen in dieser Welt, und deinem Volke Israel verliehst du großen Sieg und Hilfe, sowie in diesen Tagen!" Oder könnten etwa die Söhne und Töchter Israels nicht also heute sprechen, Wort für Wort, Satz für Satz? Und sollten auch sie nicht heute, wie einst die Ahnen, „in das Heiligthum seines Hauses ziehen und seinen Tempel wiederherstellen und sein Heiligthum reinigen und Lichter anzünden in den Vorhöfen dieses Heiligthums, und diese Chanukatage feiern, uni Gottes großen Namen zu preisen und zu loben!" Müßten sie es nicht, wie einst in jenen Tagen um diese Zeit? Allerdings sollten und müßten sie es — aber sie thun es eben nicht. Sie zünden in blöder Nachahmung fremder Sitte ihren Kindern vielmehr den Weihnachtsbaunl an, und wenn sie diese fragen: „Was soll Euch dieser Brauch?" dann, nun, dann bleiben sie die Antwort schuldig, oder sie geben eine Antwort, die solchem Thun entspricht. Um es kurz zu sagen: Die Menorah im jüdischen Hause ist ein Symbol von Licht und Frieden, von Selbstachtung und Dankbarkeit, von Pietät und Treue, von Wahrhaftigkeit und Glaubensinnigkeit. Der Weihnachtsbanm im jüdischen Hause aber ist ein Zeichen der Charakterschwäche, der Unwissenheit und der Pietätlosigkeit! Und nun gehet hin und wählet! Wir aber wollen nach frommer Väter Weise, wie einst „in jenen Tagen um diese Zeit" unsere alte Menorah anzünden und den Hort des Heils preisen, der Israel aus allen Nöthen, aus Syrerhänden und Antisemitenverfolgungen, errettet hat lind auch ferner befreien wird. Mit inniger Zuversicht sehen wir unsere nichtjüdiichen Menschenbrnder den Weihnachtsbanm anzünden als ein