Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1891)
- Date
- 1891-12-25
- Page
- Seite 615 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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viele Gymnasien und Realschulen. Und nur die jüdische Gemeinde, gerade sie sollte sich der Pflege der Wissenschaft entziehen? sollte sich mit Schule und Kanzel begnügen, «urbekümmert um die Grundbedingung ihres Gedeihens, um die Wissenschaft selbst? Die alte Form des Rabbinats als Hochschule (die Jeschiwah) ist — unwiderbringlich verschwunden; tuüffen wir nicht für eine neue Form sorgen, wie auch die Wissenschaft des Judenthums und ihre Methode eine neue geworden ist? Sollen wir dabei auf die zufällige Gunst und Wirksamkeit von Privatleuten angewiesen bleiben? — Wir lieben es, von unserer jüdischen Gemeinde als der ersten in Deutschland zu reden; auch heute ist es geschehen; und gewiß, eine so große Gemeinde Haies — seitJerusalem — selten gegeben. Aber worin sind wir denn die erste, die große Gemeinde? In der Wohlthätigkeit, das ist sicher; und in einer über alles Lob erhabenen redlichen und pünktlichen Verwaltung. Aber was haben wir denn in dieser Generation für das Judenthum, das diese Gemeinde so vorbildlich represäntiren soll, für den innersten Kern und Bestand desselben, für seine Wissenschaft gethan? Herr Makower hat es schon gesagt: gar nichts! Stellen wir uns einmal vor, was man über 100 Jahre vor uns denken wird. Dabei müssen lvir die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums, die nur der freien Wohlthat Einzelner von hier und außerhalb angehört, aus dem Bilde der Gegenwart weglassen. Auch das orthodoxe Rabbinerseminar kommt nicht in Betracht. Es liegt in der Gypsstraße, aber nicht in Berlin; es verhält sich nicht zu unserer Gemeinde, nicht zu Lieb und nicht gu Leide; es gehört zu einer Separatgemeinde. Welches Andenken werden wir denn der Zukunit hinterlassen? Wir haben die Schule und Predigt: aber das Fnnd iwent für beide fehlt; würde fehlen, wenn die Lehranstalt für die Wiffenschaft nicht da wäre. Wir thun viel für die Juden, aber wir thun nichts für das Judenthnm. Wir haben Häuser für Kranke, Pflegestätten für Sieche; aber wir vergessen— unser Etat zeigt es — wir vergessen, daß das Judenthum krankt und hinsiecht, wenn seine Wissenschaft nicht gepflegt wird. Wir haben Häuser für Waisen; aber wir vergessen, daß das Judenthum verwaist, wenn nicht seine Wissenschaft erhalten, verbreitet wird. Wir haben Häuser für die Alterversorgung, gewiß eine edle Einrichtung; aber wir vergeffen, daß das Judenthuin veraltet, wenn es es sich nicht, wie es allezeit gethan, in seiner Wissenschaft, in seiner Forschung und Fortbildung sich verjüngt. — Man hat hier die Befürchtung ausgesprochen, daß, wenn die Gemeinde die Lehranstalt übernimmt, die Beiträge und Stiftungen der Privaten für dieselbe aufhören werden. Ohne allen Grund. Bedenken Sie doch, daß wir zur Kranken- und Siechen-- zur Waisen- und Alterversorgungsanstalt Alles aus Gemeindemitteln hinzugeben, was ihnen fehlt. Dennoch vergeht kaum eine Sitzung, in welcher wir nicht von einem neuen Legat, einer neuen Stiftung für die eine oder andere der wohlthätigen Anstalten hören. Also gerade umgekehrt; weil die Gemeinde dafür sorgt, weil sie mit dem entscheidenden Beispiel vorangeht, fließen ihr von allen Seiten Mittel zu. Wird die Gemeinde für die Lehranstalt eintreteu, wird sie auch hier mit dem Beispiel vorangehen, dann werden die Beiträge und Schenkungen auch zu Gunsten der Wissenschaft sich vermehren. Wir müssen den alten jüdischen Geist der Anhänglichkeit an die Wissenschaft, der hingebungsvollen Verehrung für sie auch von Seiten der llnkundigen, erst wieder beleben. Große, erhebende Denkmale hat die Gemeindeverwaltung der Gegenwart allerdings auch gesetzt durch den Bau gewaltiger und schöner Synagoge». Aber blicken Sie um sich, meine Herren; ein schöner prächtiger Saal, in dein wir tagen, und oben darüber die mächtige Kuppel, die weithin glänzt. Denken Sie sich aber, wir hätten diese Synagoge ganz so, wie sie ist, gebaut, aber den großen Schmuck- Vorbau iveggelaffeu, dauit konnte man zwei Lehranstalten dafür errichten, und lvir brauchen nur eine. Auch in der Lindenstraße, und wenn wir künftig bauen, kan» man helle Räume mit eben so viel Plätzen mit wenigen Mitteln bei größerer Einfachheit erzielen. Die Schönheit ist eine schöne Sache; aber sie ist das Letzte dessen, was man nöthig hat, und man soll nicht, um die Schönheit zu besitzen, das Erste, das Nothwendigste für die Gemeinschaft des Judenthums entbehren. t Uebrigens verglichen nicht nur mit diesem Aufwand, sondern mit unserem Etat überhaupt, ist die Forderung, welche die Erhaltung der Lehranstalt an die Gemeinde stellen würde, geradezu geringfügig. Bei aller genauen Sorgfalt lind wohlbedachteil Sparsamkeit in der Aufstellung des Etats müssen wir doch darauf sehen, daß spätere Ueberschreitungen vermieden werden. Daraus folgt, >vie der vor mir liegende Haushalt für 1890 ergiebt, daß Ueberschüsse in den verschiedenen Zweige» im Betrage von rund 49,000 M. gemacht sind. Sie hätten auch ausgegeben werden dürfen; sie sind erspart. Dies allein würde auf 5—10 Jahre jedes Bedürfniß an Zuschüssen für die Lehranstalt reichlich decken. Herr Sanitätsrath Blumenthal hat die Befürchtung ausgesprochen, die Hochschule könnte ihren Lehrplan sehr erweitern und deshalb viel mehr Mittel in Anspruch nehmen. Er kennt das nicht. Die Lehranstalt ist zur Seite der Universität errichtet; Alles, was diese Nährmutter allgemeiner Wissenschaft den Hörern für ihre Allsbildung darbietet, das sollen sie dort schöpfen; selbst die orientalischen Sprachen und vollends sonstige philologische und philosophische Studien. Wenn unsere Hochschüler Syrisch und Chaldäisch bei Herrn Prof. Barth auf der Universität höreil — obgleich dieser zugleich Lehrer am separatistischen Rabbinerseininar ist — so ist uns das vollkommen recht und wird uns immer recht sein; Herr Prof. Barth ist ein ausgezeichneter Lehrer, und unsere Lehranstalt läßt keine Vorträge über Syrisch halten. — Eine etwaige größere Anzahl von Hörern verändert den Lehrplan nicht; dieser ist durch die spezifischen Inhalte der Wiffenschaft des Judenthums einerseits und durch die Beziehung zur Universität anderseits in bestimmter Weise beschränkt. Wie sind wir in der Lehranstalt zu unserem Lehrplane gekommen? Vor der Errichtung derselben haben wir bei zehn der größten Gelehrten auf diesem Gebiete (in lind außer Deutschland und von verschiedenster Richtung!) einen Entwurf erbeten; auf Grund der eingelaufenen 7 oder 8 Entwürfe einen mit unserem spätereil Lehrerkollegium vereinbart; nach etwa 12jähriger Erfahrung wurde eine Reform desselben beliebt und festgestellt. Eine wesentliche Aenderung also wird für lange Zeit nicht wieder nöthig sein. Ich habe auf die Geschichte der jüdischen Gemeindesitte Hingelviesen; auch von der Gegenwart können wir lernen, Andere große Gemeinden haben die veränderten Verhältnisse der Wissenschaft beachtet, und Hochschulen oder Seminarien eingerichtet. Paris, London, Pest, Cincinnati; neuerdings sind mich New-Nork und Wien in der Errichtung begriffen. In Wien hat die Genieiilde einen Jahresbeitrag von 4000 fl. beshpilint, obgleich vo>l Gönnern 200,000 fl. aufgebracht sein sollen. Das für eine Anstalt, deren Charakter und Beschaffenheit unbestimmt in der Zukunft liegt. Wir dagegen, in. H., sind in der glücklicheil Lage, einem fertigen, durch den Bestand von 19Jahrenbewährten, in seinem Charakterscharf und bestimmt ausgeprägten Institut unsere Gunst und Leistung zuzuwenden. Bei der Errichtung ging man mit vollen« Recht und mit allen« Nachdruck davon aus, daß die Lehranstalt eine durchaus freie, wiffenschaft - liche sein solle. Für die ganze Anstalt und für dieWahl eines jeden Lehrers galt der Grundsatz: nicht die dogmatische Richtung, sondernder Höhengrad der Wissenschaftlichkeit entscheidet. Jeder Lehrer sollte sein Wissen nach seiner Ueberzeugung Vorträgen, dann kann und wird sich