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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-20 · Heft 38 (20.9.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 38 (20.9.1895)
Date
1895-09-20
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Vereine informiren wollten. Am Sonnabend Nachmittag -begann die Delegirtenkonferenz, zu deren Vorsitzenden Mr. I. Brandslead aus Leeds gewählt wurde, mit den Reden der einzelnen Delegirten, die die Wünsche ihrer Vereine wiedergeben und einstimmig dafür eintreten, die sännntlichen Vereine durch eine Federation zu einigen. Abends folgte der Konferenz eine öffentliche Versammlung der jüdischen Schneider in Leeds, die übrigens auch von den englischen Arbeitern stark besucht wurde. Am Sonntag wurde in der zweiten Sitzung der Konferenz zunächst ein Beschluß gefaßt, die Federation of Jewisli Tailors Unions zu begründen. Die Ziele der Vereinigung sollen sein: 1. Die jüdischen Schneider in England zu vereinigen und Vereine in denjenigen Städten einzurichten, wo zur Zeit keine bestehen. 2. Die Versuche energisch zu bekämpfen, die Inden am Sonnabend zur Arbeit zu zwingen. 3. Den Neun-Stundentag zu erreichen. 4. Stückarbeit und Ueberstunden sind abzuschaffen. 5. Annahme der Trade-Union-Statuten. Die Verhandlungen wurden musterhaft geleitet und verliefen in größter Ordnung, obwohl im Anfang vielfach der Zweifel geäußert wurde, ob sich die Juden der strengen Versammlungsdisziplin unterwerfen würden. Mit großer Sympathie verfolgten die englischen Arbeiter die Versammlung und nahmen in dem öffentlichen Meeting Gelegenheit, dies kräftig auszudrücken. Tie Konferenz bedeutet hoffentlich für die armen russischen jüdischen Arbeiter in England einen großen wirthschastlichen Fortschritt. Kon Nah und Fern. — Zur Ergänzung unserer Kriegserinnerungen theilt man uns mit, daß die beiden Musikstücke, die bei der Siegesfeier von 1871 entstanden und damals allseitig die lebhafteste Aufnahme fanden: der Berliner Einzugsmarsch und der Deutsche Triumphmarsch, von dem bekannten Komponisten A. W. Blumenfel dt verfaßt, Kaiser Wilhelm I. gewidmet wurden, der die Dedikation annahm. — Das Komitee der „Kreuzzeitung" veröffentlicht folgende Erklärung: „Das Komitee hat am 1. Juli den Freiherrn v. Hammerstein von seiner Stellung als Chefredakteur der Kreuz-Zeitung suspendirt. Seitdem haben sich Thatsachen herausgestellt, die uns genöthigt haben, alle Beziehungen zum Freiherrn v. Hammersteiu definitiv 51t lösen und die Angelegenheit der königlichen Staatsanwaltschaft zu übergeben." Auch hat Freiherr v. Hammerstein seine Mandate für den Reichstag wie für das preußische Abgeordnetenhaus unterm 11. d. M. niedergelegt. Ervertratim Abgeordnetenhause seit 1876 den Wahlkreis 1 Köslin: Stolp-Lauenburg-Bütow; im Reichstag zuletzt den Wahlkreis 2 Minden: Herford-Halle. 810transit. Zu derAffaireHammerste in wird der „Nation" u. A. folgendes charakteristisches Histörchen mitgetheilt: „Jedenfalls werden einige Leute ans Tageslicht gezogen werden, welche es geschmackvoll fanden, daß dieser Herr einen Hund hatte, der darauf dressirt war, die Haare zu sträuben, wenn man ihm einen Bissen vorhielt und sagte: „Vom Juden". — In Spandau ist am 15. d. die neuerbaute Synagoge feierlich eingeweiht worden. Dem festlichen Akt wohnten u. A. der Oberbürgermeister Koeltze, der Stadtverordnetenvorsteher Neupert sowie andere angesehene Bürger nichtjüdischer Konfession bei. Der von den Frauen daselbst gespendete, in reichster Goldstickerei auf schwerem, blauem Seidenplüsch ausgesührte Tempel- Vorhang ist in dem Atelier von Jenny Bleichrode hergestellt worden. — Einen hübschen Erfolg hat die Ahlemsche Erziehungsanstalt bei Hannover zu verzeichnen, indem ihr bei einer in Hannover veranstalteten Gartenbauauausstellung ein Preis für die von ihr gezogenen Gemüsearten zuerkannt wurde. Die allgemein beifällig aufgenommene Ausschmückung der Synagoge anläßlich des 25jährigen Jubiläums war auch von dem Gärtner der Anstalt, Herrn Siegfried, hergestellt. — In der Anklagesache wider Dr. Sch nutz in Hannover ist die Untersuchung beendet und auf gerichtlichen Beschluß das Hauptverfahren wegen Unterschlagung und Unterschlagung öffentlicher Urkunden gegen ihn eröffnet; die Anklageschrift umfaßt ca. 100 Seiten. Herr Schnutz war ebenfalls eine Leuchte des Antisemitismus. So geht Einer nach dem Andern hin. — In Danzig ist Herr Dr. Posner vom jüd.-theol. Seminar zu Breslau mit der kommissarischen Verwaltung des Rabbinats auf ein Jahr betraut worden. In der Zwischenzeit will sich der Vorstand über die definitive Besetzung der Stelle schlüssig machen. — Im israelitischen Waisenhause zu Dinslaken betrug die Zahl der Pfleglinge im vergangenen Jahre 22, jedoch hat die 'Anstalt noch die Fürsorge für eine größere Zahl der Kinder, die sich noch in der Lehre befinden, übernommen. Einnahmen und Ausgaben gleichen sich mit ca. 25,500 M. aus. — In Gelsen-- kirchen kam es zu wüsten Szenen vor dem Hause des israelitischen Bürgers I. Block, dessen Tochter ihren Hochzeitstag feierte. Hunderte von Menschen hatten sich vor dem Hause eingefunden und bombardirten es mit allen möglichen Gegenständen, so daß bald keine einzige Scheibe der der Straße zugekehrten Fenster mehr ganz war. Sogar die Rolljalousien der Schaufenster wurden zerschlagen, und die werthvollen Spiegelscheiben zertrümmert. Dabei wurde' die Menge durch antisemitische Hetzrufe angefeuert. Da die Polizei viel zu schwach war, um gegen den Pöbel etwas ausrichten zu können dauerte der Tumult bis gegen 2 Uhr Nachts. Gegen 15 Personen ist Anklage wegen Landfriedensbruch erhoben worden. Die Untersuchung hat bereits ergeben, daß der von den Antisemiten bereitete Skandal möglichst viel Unheil anrichten sollte. Eine Anzahl Flaschen, welche nach den Fenstern re. geworfen wurden, enthielten ätzende Flüssigkeiten. — In der Villa des Barons Willy v. Rothschild in Königstein im Taunus fand am 8. d. Mts. Mittags große Galatafel statt, zu welcher die Kaiserin Friedrich mit Gefolge und der Prinz von Wales eingetroffen waren. Nach der Tafel pflanzten die hohen Herrschaften im Rothschildschen Park je einen Baum. — Das Oberlandesgericht in München hat sich den Vorinstanzen angeschlossen, durch deren Spruch die Antisemitensührer Wengg und Geißler wegen Verleumdung des israelitischen Kaufmanns O. Tietz zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt worden waren. Sämmtliche Gerichtsinstanzen sprechen aus, daß die Angeklagten keinen Beweis für ihre im antisemitischen „Deutschen Volksblatt" hartnäckig festgehaltene Behauptung erbringen könnten, Tietz habe „eine Ladnerin zur Erhöhung des angeblich unzureichenden Einkommens auf unsittlichen Nebenerwerb verwiesen". — Mit Rücksicht auf den bekannten Grazer Gemeindebeschluß haben sich die Prager israelitischen Tuchhändler und Konfektionäre dem in Wien, Brünn und Reichenberg beschlossenen gemeinsamen Vorgehen der dortigen Tuchhändler und Konfektionäre angeschlossen und sich mit Ehrenwort verpflichtet, die Verbindung mit den Grazer Fabrikanten insolange abzubrechen, als der erwähnte Gemeinderathsbeschluß besteht und gehandhabt wird.' Bravo! — Am 4. d. M. starb in Pilsen der emer. Rabbiner Herr Kohn Steiner im 88. Jahre seines Lebens, ein Schüler des berühmten Preßburger Rabbiners Moses Sofer. — Ein Schäfer hatte jüngst Frau Rabbiner Fuchs auf dem Wege nach dem Bade in Groß-Wardein in brutalster Weise mißhandelt. Er erhielt dafür 10 Monate Gefängnißstrafe. — Der Verfasser des in der Staatsdruckerei in Bukarest eben erscheinenden rumänisch-deutschen Wörterbuches, Dr. Tiktin, ist zum Professor der deutschen Sprache an dem neukreirten Staats-Liceum in Jassy ernannt worden. Diese, einem Juden in Rumänien zu Theil gewordene, ganz ungewöhnliche Auszeichnung bietet einen Beweis der außerordentlichen Werthschätzung, deren der gedachte Gelehrte sich in den dortigen Regierungskreisen erfreut. — Der Maler Max Liebermann, dem die Berliner Akademie noch immer die Aufnahme verweigert, hat auch in Venedig den ersten Preis für Nichtitaliener, den die Provinz Venedig im Betrage von 5000 Francs gestiftet, für sein Portrait Gerhard Hauptmanns erhalten. — In Nancy fand am 12. d. M. eine antisemitische Versammlung statt, in der Marquis de Mores eine Rede hielt. Nachher kam es zu Ruhestörungen vor dem Polizeikommissariat. Zwanzig Verhaftungen wurden vorgenommen, doch nicht aufrecht erhalten. — In London ist der bekannte Lustspieldichter Arthur Benham im 25. Lebensjahr gestorben. Seine Stücke waren Zeugnisse einer außerordentlichen Begabung. — Die jüdische Centralkommission in Amsterdam hat, wie uns mitgetheilt wird, den Herrn Dr. Leewenstein ohne Gutachten einer Rabbinerkommission als Rabbiner von Leeuwarden bestätigt. Hiermit ist der Streit erledigt. — In New- Jork erscheint seit Kurzem ein neues, den jüdischen Interessen gewidmetes Blatt in deutscher Sprache unter dem Titel „Der Jude". Herausgeber ist Dr. Michael Singer. Die erste Nummer enthält zahlreiche interessante Artikel und Berichte aus allen Ländern. — In Kapstadt ist am 18. August eine russisch-jüdische Gemeinde gegründet worden, an deren Spitze Rev. A. F. Ornstein steht. Die Mehrzahl ihrer Mitglieder verstehen noch kein Englisch und sind in den allerletzten Jahren eingewanderte, aus Rußland vertriebene Juden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlick für die Redaktion: Max Bauckwitz in Berlin.

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