Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1895)
- Date
- 1895-09-20
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Herrn Landrabbiner Dr. Gronemann folgte ein einmaliger Umzug mit den Thorarollen, die von den Vorstehern und Repräsentanten getragen wurden. Zur Thora wurden die ältesten Gemeindemitglieder aufgerufen, und nach Einheben der Thorarolle begann die eigentliche Festfeier mit dem deutschen Gesänge: Heilig, heilig u. s. w. Alsdann bestieg Herr Landrabbiner Dr. Gronemann die Kanzel und sprach in wohldurchdachter, geistreicher Rede über die Bedeutung dieser Stunde. Den Schlußgesang bildete der deutsche Gesang: „Alles was Odem hat, lobe den Herrn" in der Komposition von Mendelssohn-Bartholdy — für eine orthodox geleitete Gemeinde ein beachtenswerthes Zeichen der Zeit! Die deutschen Gesänge wurden unter Leitung des Chordirigenten Herrn A. Rose von dem, durch Schüler der Ahlem'schen Erziehungsanstalt verstärkten Chor, besonders aber durch die Mitwirkung des Sängers Herrn Julius Verggrün, des stimmbegabten Sohnes unseres verdienten seligenOberkantors Berggrün, sehr gut ausgeführt; der liturgische Theil, von Herrn Oberkantor Lenhardt, wurde in bekannter vortrefflicher Weise vorgetragen, und so vereinigte sich Alles, die Feier zu heben und würdig zu gestalten. Die Betheiligung an dem am folgenden Sonntag stattgehabten Festbankett war nicht so allgemein, wie es zu wünschen war, dasselbe, noch unter dem Eindruck der Synagogenfeier stehend, verlief in recht animirter Stimmung, die in Toasten in gebundener und ungebundener Rede zum Ausdruck kam. — Wir wollen nicht unerwähnt lassen, daß von den jetzigen Vorstehern Herr Rechtsanwalt Benfey der Einzige ist, der dieses Ehrenamt bei der Einweihung der Synagoge bereits bekleidete, sowie Herr Gemeindesekretär I. Hoffmann der einzige in der Synagoge wirkende Beamte ist, der damals bereits in seiner verantwortlichen Stellung stand und wirkte. Erfreulich ist es, daß der Geist der Verwaltung und der Leitung der Gemeinde bei allem Wechsel der Personen, mehr oder minder derselbe geblieben ist, und es liegt hierin eine Bürgschaft für die Zukunft, daß in ruhiger Entwickelung unsrer Gemeinde auch ferner gedeihen und einen würdigen Platz unter den Gemeinden unseres Vaterlands einnehmen wird. Oesterreich -Ungarn. □ Wien, 17. September. Die kommenden Gemeinde rathswahlen werfen bereits ihre Schatten voraus. In den Wählerversannnlungen geht es derart turbulent zu, daß das Justizministerium die Staatsanwaltschaft angewiesen hat, bei ähnlichen Exzessen und Ueberfällen, wie sie derzeit Vorkommen, Amts zu handeln; und das wird nothwendig werden, wenn man den Ausspruch Luegers im Gedächtniß hat, den er vor einigen Tagen im Saale des „Reiterbund" gethan: „Besuchen Sie liberale Wählerversammlungen nur dann, wenn Sie in derselben Ihr Recht geltend machen wollen. Und das können Sie auf zweierlei Weise: Entweder prügeln Sie die Liberalen durch oder Sie verschaffen sich auf andere Weise die Majorität in der Versammlung." — Diese Knüppeltheorie des Herrn Lueger, der Bürgermeister von Wien werden will und seinen Anhängern räth, die Liberalen tüchtig durchzuprügeln, ist geeignet, Besorgnisse wachzurufen, ob es denn am Wahltage friedliebenden Wählern, welche ihr staatsbürgerliches Recht ohne Zuhilfenahme der Fäuste ausüben wollen, möglich sein werde, dies zu thun. — Ir: Khuners Restauration fand eine außerordentlich stark besuchte Versammlung des Vereins „Oesterreichisch-israelitische Union" statt. Der Vorsitzende, Dr. Marcus Spitzer, wies in einer kurzen Ansprache auf die allgemeine Wichtigkeit der bevorstehenden Gemeinderathswahlen und die besondere Bedeutung derselben für die soziale und staatsbürgerliche Stellung der Juden hin. Dr. Heinrich Steger führt aus: Die heutigen Verhältnisse seien so arg, daß sie nicht schlimmer werden können. In einem Theile der Bevölkerung ist das Gerechtigkeitsgefühl dem Juden gegenüber vollständig verloren gegangen. An die Echtheit eines Liberalismus, der sich hinter den Coulissen und in den Wählerversammlungen zeigt, während er sich in den Vertretungskörpern nicht hervorwagt, glaube er nicht. Trotzdem bittet er, für die liberalen Kandidaten diesmal einzutreten. — In einer sehr wirkungsvollen Rede brandmarkt Dr. Hermann Fialla, Präsident des „Politischen Volksvereins", den Antisemitismus und seine verderbenbringenden Folgen für den Staat, für das Gesetz, wie für jeden Einzelnen. — Die hiesigen christlich-sozialen Antisemiten unternehmen sogar seit einiger Zeit Wallfahrten zum Gebet für einen antisemitischen Wahlsieg nach dem Wallfahrtsorte Enzersdorf, wo sich m der Kirche unter vielen Bildern auch die bildliche Darstellung einer Rettung Dr. Luegers bei seinem Unfall mit durchgehenden, scheuen Pferden befindet. Das Bild ist unmittelbar unter der Kanzel angebracht. Gestern war der Andrang der antisemitischen Wallfahrer so stark, daß in der Kirche ein lebensgefährliches Gedränge herrschte. — Ich Hab ihnen jüngst über die neuesten Erfindungen berichtet, mit denen gegen die fortschrittliche Bürgerschaft Wiens der Kampf tagtäglich geführt wird; diese sind nun gebührend an den Pranger gestellt. Die Erzählung von den 20,000 fl., welche die Liberalen den Czechen in Wien für den Komensky-Verein zur Verfügung gestellt haben sollen, mußte von den antisemitischen Führern nachträglich als „Wirthshaustratsch" bezeichnet werden. Die Abgeordneten Geßmann und Schneider hatten mit dieser „Enthüllung" sehr viel Furore gemacht, nun ist aber die Lüge an ihren kurzen Beinen zu Grunde gegangen. Die antisemitischen Biedermänner wollten die Sache freilich anders entriren. Die Bestechungsgeschichte sollte erst unmittelbar vor der Wahl verbreitet werden. Dann hätte — soll Dr. Geßmann geäußert haben — deren Verbreitung „wie eine Bombe gewirkt". Das sind die Waffen, mit denen von Leuten, die nicht laut genug über Korruption und Bestechung klagen können und die sich als die einzig Ehrlichen geberden, gekämpft wird. Der Ausschuß des Komensky-Vereines hat in einer kurzen Berathung einstimmig beschlossen, gegen die Verbreiter der Behauptung, daß der Komensky-Verein von den Liberalen bestochen worden sei, das ist gegen die Reichsrathsabgeordueten Dr. Lueger, Schneider und Dr. Geßmann, unverzüglich die Verleumdungsklage einzubringen. Entsprechend diesem Beschlüsse, wurde der Rechtsvertreter des Vereins beauftragt, die Klage zu überreichen. — An der ersten medizinischen Klinik im Allgemeinen Krankenhause wurde Dozent Dr. Julius Mannaberg zum ersten Assistenten befördert. Rußland. St. Petersburg, 13. September. Ueber eine neue Blutbeschuldigung in Sibirien, die zweite im Laufe weniger Monate, wird aus Irkutsk berichtet: Am 17. Juli saß dort ein etwa neunjähriges christliches Mädchen auf der Straße und hielt ein wenige Monate altes Kind im Arm. Da näherte sich ihr eine unbekannte Frau und wußte sie zu bewegen, ihr das Kind auf einige Minuten zu überlassen und in ein Haus zu gehen. Als das Mädchen wiederkam, war die Frau mit dem Kinde verschwunden. Sofort verbreitete man in der Stadt das Gerücht, daß „die Juden ein christliches Kind gestohlen haben, nur sein Blut zu rituellen Zwecken zu gebrauchen." Sämmtliche jüdische Frauen, welche auf der Straße aufgegriffen werden konnten, wurden zur Polizei sistirt und dem Mädchen vorgeführt, welche jedoch in keiner derselben die Kindesräuberin wiedererkennen konnte. Bei den niederen Polizeiorganen scheint es jedoch ausgemacht gewesen zu sein, daß nur eine Jüdin den Raub begangen haben könne, denn die Sistirung jüdischer Frauen dauerte auch noch während der folgenden Tage an. Mittlerweile begann der Pöbel die Juden auf der Straße zu mißhandeln und in den jüdischen Wohnungen die Fenster zu demoliren, ohne daß die Polizei es hindern konnte. Die Aufregung der Massen legte sich selbst dann noch nicht, als die Polizei vier Tage später durch einen Zufall eine christliche Frau als die Kindesräuberin ermittelte und verhaftete. Letztere gestand nach anfänglichem Leugnen auch ein, das Kind gestohlen zu haben, um es als ihr eigenes zu erziehen, und zwar weil sie, einem alten Volksglauben zufolge, hierin ein Mittel erblickte, das frühzeitige Absterben ihrer eigenen Kinder zu verhüten. Gewissenlose Hetzer kolportirten das Märchen vom Ritualmorde immer weiter und reizten den Pöbel auf, an einem gerade bevorstehenden russischen Feiertage einen Judenkrawall in großem Maßstabe zu inszeniren. Zum Glück ließ.der Gouverneur durch öffentlichen Anschlag den wahren Sachverhalt bekannt geben und stellte den Ruhestörern zugleich die strengste Bestrafung in Aussicht; die befürchteten Exzesse sind denn auch wirklich unterblieben. Großbritannien. 8s. Leeds, im September. Hier hat am 2. und 3. September ein Delegirtenlag der jüdischen Schneider stattgefunden, die in der „Jewish Tailors Society“ organisirt sind. Dieser Delegirtentag nahm einen glänzenden Verlauf und hat die Achtung vor den jüdischen Arbeitern bei ihren Glaubensgenossen wesentlich erhöht. Außer den von den jüdischen Vereinen gesandten Delegirten waren eine große Anzahl englischer Führer der Gewerkvereinsbewegung anwesend, die sich über die jüdischen