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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-28 · Heft 26 (28.6.1895) · p. Seite 304

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 26 (28.6.1895)
Date
1895-06-28
Page
Seite 304 (sequence 6)
Language
German
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304 Hat er das immer so gehalten? Nein — »ach der Vermuthung von Michael Sachs. Vor mehr als einem Jahrtausend, nach einem Siege der Bilderstürmer, dichtete ein Jude in klassischem Hebräisch: „Und sie kommen Alle, Dir zu dienen und sprechen: immerdar groß ist der Ewige! Sie verwerfen ihre Götzen und erröthen mit ihren Bildern und lehren Irrende Vernunft, sie jauchzen Deiner Weltregierung und reichen Dir die Herrscherkrone" u. s. w. u. s. w. Und Sachs bemerkt hierzu: „Ton und Ausdruck ist so frei von jedem feindseligen Zuge, so rein und hingebend ist blos der Triumph der religiösen Wahrheit geschildert, daß darin die Erklärung für das unangetastete Fortbestehen dieses Stückes trotz Inquisition und Censur liegt." Wir aber wollen schweigen; wollen uns solcher Poesie freuen') und wollen fortfahren, jeden Fortschritt, auf welchem Gebiete er auch geschehen mag, als einen Schritt der Annäherung des Himmelreiches anzusehe», und wollen jubelnd ausrufen: „Immerdar groß ist der Ewige!" Mag der Arier von der Nähe eines Juden-Reiches faseln; wir erwarten still und freudig das herannahende Himmel-Reich. *** Br. Moritz Grünrvaid. Von Dr. R. Vierer. Sofia, 18. Juni. M^m 11. d. M. erhielt der Vorstand der spagnolischen Gemeinde die erschütternde Kunde von dem jähen Ableben ihres geist- 0 3 lichen Oberhauptes, des Großrabbiners Dr. Moritz Grünwald, in London. Wer nnsern Oberrabbiner sah, konnte in ihm eher eine zu langem Dasein prädestinirte Natur erkennen. Blühend wie eine Mairose; in allen seinen Körperdimensionen Ebenmaß und doch mit Fülle gepaart, ergriff ihn eine Art Wandertrieb. Einige Wochen vor seiner Londoner Reise zog es ihn nach der Weltstadt am goldenen Horn, wohin er sich auch in Begleitung eines befreundeten Paares Namens Buttler-) begab und vom Kamakhan Effendi Schnsig-Lewi mit großer Herzlichkeit empfangen wurde. Im Hause des jüdischen Großwürdenträgers verbrachte Grünwald den Freitag und Sabbath, um Sonntag nach Adrianopel sich zu begeben. Auch dort bereitete ihm der Chacham-Baschi und die jüdischen Notable» einen würdigen Empfang. Er blieb daselbst einen Tag. Mit dem Bildniß dieses Chachams und einer Widmung, natürlich in hebräischer Sprache, beschenkt, verließ er den türkischen Boden, auf welchem er so werthvolle Bekanntschaften gemacht hatte. Nach Sofia angelangt, hielt es ihn hier nicht lange; bald schnürte er seinen Reisekoffer, um seinen vierlvöchentlichen Urlaub anzutreten. Noch sprach er am zweiten Schabuothtage in der nenerbauten „deutschen" Synagoge, als der erste von fünf Rednern, über die Gründung des dritten Kolonisationsvereins in Sofia unter dem Namen Karmel mit über 500 Mitgliedern, noch einmal wies er auf die Nothwendigkeit der Vereinigung aller Parteien und Schattirungen zu gemeinschaftlichen großen Zielen hin, und dieses in einer ebenso formvollendeten spagnolischen wie in einer herzerwärmenden deutschen Sprache. — Leider sollten wir aus seinem ') Welche Quasi-Reformer konnten es über sich gewinnen, diesen schönen Gesang aus unserem Gebetbuch zu streichen! (In dem neuen Gebetbuch der Berliner Reformgemeinde ist der in Rede stehende Gesang enthalten. Die Red.) 2) Beide, Mann und Frau, nahmen unter ihm das Judenthum an. Munde nichts mehr vernehmen — es waren dies seine letzten öffentlichen Worte, die er sprach. Am 2. Juni verließ er nun Sofia, wohin er nicht mehr zurückkehren sollte. — Am 10. ereilte ihn der Tod, nachdem er den Samstag noch in London mit verschiedenen Persönlichkeiten verkehrt hatte. Daheim beweint eine junge Frau, die erst vor drei Jahren in die Ehe trat, den heißgeliebten und hingebungsvollsten Gemahl, und mit ihr zwei Söhne, neben welchen noch vier andere, aus der ersten Ehe, ihren Vater und Ernährer beweinen. Die Kürze seiner Amtsdauer, wie der Tod, der ihn außerhalb des Berufes im Auslande ereilte, benehmen die Vorbedingung der Erlangung einer Pension, sei es seitens der Regierung, wie nicht minder der Gemeinde. Auch scheinen die sehr ungünstigen jüdischen Gemeindeverhültnisse Sofia's nicht dafür zu sprechen, daß der Wittwe und deren Kindern eine Jahrespension zugesichert werde. Allein die jüdischen Gemeinden Bulgariens werden wohl bei ihrer Assemblee generale, welche zur Besetzung der Vakanz einberufen werden muß, die Mittel und Wege finden, um ihrem Mitgefühl zum Durchbruch zu verhelfen — und bei seiner Beliebtheit bei den Gemeinden der Provinz, wie nicht minder in der Hauptstadt, dürfte die Annahme als gerechtfertigt erscheinen lassen, daß man Viel für die Hinterbliebenen thun wird. In der That versprach man Ihrem Korrespondenten, diese Angelegenheit circulando zu erledigen und eine Abfertigungssumme dafür aufzubringen. Wichtig wäre es auch, wenn sich die Gemeinde entschlösse, die große Bibliothek an sich zu bringen, welche nunmehr auch alte Manuskripte besitzt, die vom seligen Großrabbiner aufgesucht und ausbewahrt wurden. Nach Eintreffen der Londoner Depesche wandte sich der Gemeindevorstand an den Grandrabbin d’Angleterre Dr. H. Adler wie an Dr. Gaster mit dem Ersuchen, um Veranlassung eines würdigen Begräbnisses mit den ihm gebührenden Ehren, ferner um Angabe näherer Umstände und Todesursache. Auch wurden alle bulgarischen jüdischen Gemeinden von dem Ableben ihres Oberhirten verständigt und zur Abhaltung von Seelenandachten aufgefordert, was auch unter Betheiligung aller Juden, ja sogar Nichtjuden stattfand. In Sofia wurden alle jüdischen Läden von 2 Uhr bis 6 Uhr Nachmittags gesperrt, und Alles begab sich zur Trauerfeier. Die Aschkanasim-Synagoge und der Vorhof wurden schwarz drapirt, schwarze Fahnen aufgehißt, der Rabbinatssitz nüt Trauerflor umwunden, das Bildniß des Dahingeschiedenen, ebenfalls umflort, ward von Lichtern umstrahlt. Um zwei Uhr begann man Kinoth zu rezitiren, wie die sonst üblichen sephardischen Gebete zu verrichten, worauf der Daja» Chacham Abraham Aschkanasy eine dreibiertelstündige Trauerrede hielt, welche bei allen Anwesenden einen tiefen Eindruck machte. Der Vorstand veranstaltete alsbald auch eine Trauerfeier. Und in der ausgezeichneten Persönlichkeit des Herrn Prof. Belkowski, Vortragenden Professors des römischen Rechtes an der hiesigen Welcka skola (Hochschule), wurde der Redner erwählt, die Trauerrede in bulgarischer Sprache zu halten; die Minister und der Fürst waren miteinander „unglücklicher Weise" beschäftigt beim „Rapport" und sandten den Kanzleidirektor des Ministers des Aeußern und des Kultus, Dr. Sarmadziew, als Regierungsvertreter, der Stadtkimet, Herr Grossem, kam kurz vor Schluß, als litterarischer Freund erschien noch Dr. Schuschmanow, ehemaliger Inspektor aller bulgarischen Schulen, gegenwärtiger Professor der Hochschule, und von allen eingeladenen Kulten erschien der römisch-katholische Pater Kosma, ferner die deutsch-griechische Gemeinde.

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