Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1895)
- Date
- 1895-06-28
- Page
- Seite 303 (sequence 5)
- Language
- German
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303 Religionsunterricht ertheilt. Daß das ein die Gefühle auf beiden Seiten verletzender Vorfall ist, bedarf keiner Ausführung, die Schlußfolgerung, welche das Provinzialschulkollegium daraus zieht, ist aber nicht den Thatsachen entsprechend. Gegen die hierauf bezügliche Verfügung des Provinzialschulkollegiums will der Magistrat eine Remonstration an eine höhere Instanz nicht erlassen, weil er sich zur Zeit Erfolg davon nicht verspricht. Er hält es für besser, die Kräfte zu konzentriren auf die Frage der Anstellung der jüdischen Lehrerinnen überhaupt. Uns muß es darauf ankommen, daran festzuhalten, daß unsere Gemeindeschulen allen Konfessionen dienen und keiner unterthan sind (Beifall). Stadv. Meyer I: Nachdem der Magistrat die durch den Antrag gewünschte Auskunft ertheilt hat, ziehe ich den Antrag zurück Er kann ja von jedem Mitglieds der Versammlung wieder ausgenommen werden. Stadtv. Kalisch nimmt den Antrag wieder auf. Stadtv. Pretzel: Bei dem in dieser Versammlung herrschenden Bestreben, nichts zu thun, was die jüdischen Mitbürger übel nehmen könnten (Unruhe), werde er sich kurz fassen. (Bravo!) Nach seiner Meinung sei die Behandlung dieser Frage gar nicht dringlich, denn sie gehe doch in erster Reihe den Magistrat an. Es scheine so, als ob die Lorbeern des Hrn. Niemer hier einzelne Leute nicht ruhen lassen. (Unruhe.) Er und ein sehr großer Theil der Berliner Bevölkerung stehen der Verfügung des Provinzialschulkollegiums durchaus sympathisch gegenüber, und wenn die Beschwerde dagegen auch nur einen kleinen Erfolg haben sollte, würde dies zahlreiche christliche Gemüther arg bedrücken. Unsere Schulen seien nicht bloße Unterrichtsanstalten, sondern Erziehungsanstallen, die jüdische Erziehung sei eine andere wie die christliche, und es wäre Gewissenszwang, christliche Eltern zu zwingen, ihre Kinder wider ihren Willen von jüdischen Lehrkräften unterrichten zu lassen. Die Verfiigung des Provinzialschulkollegiums sei durchaus berechtigt. Die jüdischen Lehrkräfte könnten durchaus Verwendung finden, wenn man ebenso wie katholische auch jüdische Schulen einrichtet. (Ruf: Das möchten Sie wohl haben!) Gegen eine solche Maßregel würde er nichts einzuwenden haben. (Ruf: Sie werden dann Direktor! Heiterkeit.) Jedenfalls werde die staatliche Aufsichtsbehörde sich durch die in diesem Saale gemachten Ausführungen nicht davon abhalten lassen, pflichtgemäß dafür zu sorgen, daß in christlichen Schulen christliche Kinder auch eine christliche Erziehung erhalten. Stadv. Vogtherr: Das innere Schulwesen solle jetzt in einem direkt einseitigen Geiste ausgebildet werden, anknüpfend an ein einzelnes Vorkommniß, bei welchem man bei dem Rektor sowohl, wie bei der betreffenden Lehrerin etwas mehr Takt hätte voraussehen dürfen. (Sehr richtig!) Die Anschauungen des Stadtverordneten Pretzel gehen dahin, daß das Schulgebiet per Ordre de Mufti regiert werden müsse und die Bevölkerung selbst darauf gar keinen Einfluß ausüben dürfe. Die Versammlung werde diesen Standpunkt schwerlich theilen. Sie würde sich ein Verdienst erwerben, wenn sie sich nicht mit der Aufnahme des vorliegenden Antrags begnügt, sondern mit dem Magistrat dahin wirkt, daß alle Mißhelligkeiten auf diesem Gebiete durch Ausscheidung des Religionsunterichtes von den Schulen vermieden werden. (Beifall.) Stadtv. Cassel: Die Ausführungen des Stadtschulraths und des Stadtv. Virchow entsprechen ganz der Lage der Gesetzgebung. Er wolle ausdrücklich Einspruch gegen die Behauptung des Stadtv. Pretzel erheben, daß die jüdische Bevölkerung — mit Aufnahme der Religion — anders erzogen werde als die christliche. Sie werde ebenfalls erzogen auf der Grundlage des deutschen Volksthmns, in Liebe und Treue gegen das Vaterland und seine gesetzlichen Institutionen, sie habe auf den Schlachtfeldern für dieses Vaterland gekämpft und dabei seien keine Unterschiede gemacht worden. (Beifall.) Die Debatte wird hierauf geschlossen und die Anfrage durch die ertheilte Auskunft für erledigt erklärt. Wir haben den Bericht in extenso wiedergegeben, glauben aber nicht, daß derselbe in der freisinnigen Bürgerschaft große Befriedigung Hervorrufen wird. Vor Allem wird man sich darüber wundern, daß es zu einem thatkrüstigen Widerspruch gegen die Anordnung des Pwvmzialschulkollegiums nicht kam und keinerlei Resolution gefaßt wurde, die den Standpunkt der Mehrheit der Stadtverordneten, wie er in der beifälligen Aufnahme der Rede Virchows zu Tage geerbten war, auch nach außen hin kundgegeben hätte. Die Behörde wird sich durch „(Ltimimmgen" kaum beeinflussen und von dem einmal eingeschlagenen Wege abbringen lassen. * In Oesterreich ist die Koalition den Weg alles Fleisches gegangen und das Ministerium mit ihr. Die Inden werden beiden keine Thrüne nachweinen. Der neue Ministerpräsident des provisorischen Beamtenministeriums, Graf Erich Kielmannsegg. ist als ein vorurtheilsloser, einsichtiger Mann bekannt, der schon lnanchen Strauß mit den Antisemiten als Statthalter im niederösterreichischett Landtage ausgefochten hat, und den diese deshalb grimmig hassen. Das ist jedenfalls ein sehr gutes Zeichen! Die Enthüllung des Lnther-Benkmals. Von Professor Dr. H. Steinthal. ei Gelegenheit der Enthüllung des Luther-Denkmals in Berlin auf dem Neuen Markt sprach der Vorsitzende des Komiiee's und dann auch der Oberbürgermeister von Berlin „die Ueberzeugung" aus, „daß, was der Pflege und Förderung des religiösen Empfindens auch nur der einen Konfession recht zu diene» berufen ist, mit Nichten die religiösen Empfindlingen anderer Konfessionen zu verletzen aiigeiha» ist". Was sagt der Jude hierzu? Was sagt er von Luther? Er schweigt! — Warum schweigt er? Ist ihm Luther oder sein Denkmal gleichgiltig? oder hasst er sogar beides? So ist es nicht. Sein Herz könnte anfjnbeln im Gedanken an Luther; sein Mund schwiege dennoch. Der Jude muß schweigen. Jede ausgesprochene Stellung zwischen den christlichen Konfessionen würde ihm bei jeder schaden. Was er auch sagt — der Arier glaubt ihm nicht; er hört den Inden nur höhneil, er sieht ihn nur hassen, er kennt in ihur mir Neid. Der Knltlirkampf hat den Antisemitismus, wenn auch nicht geboren, doch groß gezogen und iliächtig gemacht. Wenn sonst Zwei miteinander kämpsen, so freut sich ein Dritter als Zuschauer. Den Juden läßt man niemals zuschauen; mtf ihn wird zuerst gehauen, bevor man so weit ist, auf den Gegner zuschlagen zu können. Beweis: die Geschichte der Juden in den Zeiten der Kceuzzüge. — Die Jesuiten haben die alte Feindschaft der Katholiken gegen die Inden verschärft, der Protestantismus hat dieselbe nicht gemildert. Der Bancrnkrieg ging gegen Junker und Inden. Wo nur inimec geschlagen wird, bekommt der Jude seine» Antheil an Hieben, welcher oft nicht gering, im Allgemeinen ui» so größer ist, je weniger der Gegner getroffen werden kann. Der Jude, sagt der Arier, ist gemüthlos; er kennt nur ein Streben — nach Weltherrschaft. Da er nun diese nicht hat und j z» jeder etwelchen Schöpfung ohinnüchtig ist, so ist er, sagt der! Arier, voll Neid, voll Gift und Galle gegen jede anfkeimende Blüthe; darum ist der Verfall des Bestehenden feine einzige Freude. Wer nur immer vernichtet, der gewinnt seinen Beifall. Luther ist groß unter den Juden —warum? weit er den Katholizismus zerstört hat. Größer als Luther ist David Sirauß — warum? weil er das gesammte Christenthuin zersetzt hat. Der Jude ist nicht revolutionär: dazu, sagt der Arier, hat er die Kraft nicht; aber der Jude liebt die Revolution, weil sie zerstört. Solch ein Wesen ist der Jude in den Augen des Ariers! Partiknlaristisch, engherzig, enggeistig! Und der Jude „sitzt einsain und schweigt".