Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-26 · Heft 17 (26.4.1895) · p. Seite 203

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 17 (26.4.1895)
Date
1895-04-26
Page
Seite 203 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228112--51727-3272487
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

203 „Ihr tragt an einem Jahrtausende alten Leid!" seufzte May. „Aber wir stehen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts! Wie ist es nur möglich, daß durch einige Hetzer eine solche Bewegung angefacht werden konnte?" rief Lina. May wiegte den klugen Kopf und erwiederte mit leisem, überlegenem Lächeln: „Das wäre nicht möglich gelvesen, hätte der Stoff dazu nicht in der Volksseele gelegen. Wir hatten eine Periode, da galt es für ungebildet, Vorurtheil und Haß gegen die Inden zu zeigen, also geschah es in gewissen Kreisen nicht; gegenwärtig ist es zeitgemäß, da thnt man sich keinen Zwang an und erhebt sich gegen die Fremdlinge." „Fremdlinge?" wiederholte Rosy. „Wie kann man uns so nennen? Sind wir nicht Deutsche nach Sprache, Sitte, Lebensweise? Sind wir nicht aufgegangen —" „Seit wie lange," unterbrach sie der Vater, „ist ^en Inden gestattet worden, in das Deutschthnm aufzugehen? Und selbst, nachdem das Gesetz ihre Gleichberechtigung ausgesprochen, hat man Mittel und Wege gefunden, die ihnen geöffneten Thüren wieder zu schließen." „Ich will nicht in Abrede stellen," fuhr er nach einer Pause fort, „daß im jüdischen Wesen mancherlei liegen mag, was abstoßend wirkt." „Wodurch sind aber diese üblen Eigenschaften, sowie der Hang zum Wucher, zum Betrüge, und was man ihnen sonst noch vorwirft, hervorgernfen, als durch die langjährige Bedrückung?" siel Rosy heftig ein. „Und findet man alle diese Fehler nicht auch bei den Christen? Warum redet man nur davon und nicht auch von den vielen Tugenden, welche die Juden auszeichnen?" „Es wäre besser, man redete überhaupt nicht von jüdischen und christlichen Borziigen und Schwächen, sondern von menschlichen," sagte May, „all' dieses Abwägen ist vom Uebel. Ach, daß ich mit Euch zu solchen Ecörterimge» kommen muß!" rief er, die Hände vor das Gesicht schlagend, „ich habe Alles anfgeboten, um Euch in Berlin dem Antisemitismus fern zu halten, hier glaubte ich Euch davor geborgen, imd gerade hier —" Seine Stimme brach, schwer sank er auf seinen Stuhl zurück. „Härme Dich nicht zu sehr darüber, lieber Vater," bat Lina, indem sic zu ihm trat und seine Hände streichelte. „Das Vorhandensein der Bewegung war uns ja nicht völlig unbekannt, wir sind davon nur bis jetzt nicht persönlich berührt worden und waren so hochmüthig, zu wähnen, daß wir hoch darüber erhaben wären." „Das sind wir auch!" versetzte Rosy stolz. „Wo giedt es einen zweiten Mann wie unfern Vater? Wären alle Juden wie er, dann gäbe es keinen Antisemitismns." May lachte kurz auf und sagte mit einem Anfluge seiner gewöhnlichen guten Laune: „Wie kommst auch Du zu der Phrase, mein Töchterchen?" Die habe ich bis zum Ueberdruß hören müffen, auch von Solchen, die wirtlich nicht ganz unschuldig am Antisemitismus sind, und sie hat mich immer sehr peinlich.berührt. Statt sich zu fragen: „Ist wirklich Alles aufs Beste bei uns bestellt? Haben wir gar nichts an uns zu bessern?" tritt man nüt so viel Selbstgerechtigkeit auf. Ich habe oft Lust verspürt, Plutarchs Epistel: „Was ivir von unsern Feinden lernen können" zur fleißigen Lektüre zu empfehlen." „Doch.jwohin gerathe ich," unterbrach er sich. „Was halte ich Euch, arme Kinder, diese Standrede? Euch ist ohnehin weh genug ums Herz." „Und Dir nicht minder, guter Vater," sagte Lina, den Arm um seinen Nacken legend, „ich müßte inich sehr täuschen, wenn nicht auch Du heute schwere Erfahrungen gemacht hättest." Er schob sie sanft von sich. „Genug für heute, iverdet erst mit Eurem Kummer fertig und versprecht mir Eins: Was Ihr auch noch erfahren müßt, laßt Euch nicht verbittern." „Ach, Vater, das wird nicht leicht sein!" seufzte Rosy. Lina sagte aber mit einem Lächeln, das ihre Aehnlichkeit mit dem Vater recht stark hervortreten ließ: „So lange ich glauben darf, daß Du und Bernhard Euch fern von Verbitterung haltet —" „Das darfst Du!" rief der Vater mit freudiger Zuversicht, und küßte sie auf die Stirn. „Du aber, Rosy, merke Dir Goethes Worte: „Vor Allem keinen Menschen hassen und die Zukunft Gott überlassen!" (Fortsetzung folgt.» Litterarische Mittheilungen. Professor Dr Julius Fürst: Jllustrirte Volksausgabe der fünf Bücher Moses. Prag, Jacob W. Pascheles. Die bekannte illustrirte Ausgabe des Pentateuch liegt hier in einem neuen und beispiellos billigen Bande vor, so daß die Erwerbung desselben Jedem leicht fällt. Das Werk enthält den massorethischen Text der Bibel, eine gute deutsche Uebersetzung und fortlaufende Erläuterungen ethnographischen, geschichtlichen, archäologischen und kritischen Inhalts, welche durchaus dem Verständniß weiterer Kreise angepaßt sind und einen im besten Sinne des Wortes populären Charakter tragen. Deshalb ist auch mit Recht das Gebiet der höhern Bibelkritik sorgsam vermieden worden, und das Werk, das sehr viele und zum Theil recht gut ausgeführte Illustrationen enthält, kann jedem gläubigen Bibelleser warm empfohlen werden. — Dr. Samuel Back: Rabbi Meir ben Baruch aus Rothenburg. Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1893. Der Verfasser entwirft in acht Kapiteln ein interessantes Lebensbild des von allen Kennern der jüdischen Litteratur hochverehrten Rabbi Meir aus Rothenburg, der vor Beginn des sechsten Jahrtausends unserer Zeitrechnung einer leuchtenden Sonne gleich Helles Licht in die Hallen der damaligen jüdischen Lehrhäuser in Deutschland und weit darüber hinaus verbreitet hat. Der Name dieses Rabbi in Israel wurde von seinen Zeitgenossen mit der höchsten Verehrung genannt, und seit mehr als sechs Jahrhunderten gehört er zu den meist zitirten und populärsten Männern in der halachischen Litteratur. Leider theilte Rabbi Meir ben Baruch bis jetzt das Schicksal so vieler hervorragender Lehrer in Israel, deren Schriften zu den bekanntesten und geschätztesten gehören, während über deren Lebensgang wenig oder nichts bekannt ist. Selbst in den neuesten jüdischen Geschichtswerken sucht man vergebens nach ausführlichen Mittheilungen über das Leben dieses Gelehrten. Man weiß nur, daß die Lage der Juden in Deutschland zu seiner Zeit eine äußerst traurige war, und daß er selbst auf seine alten Tage, der Freiheit beraubt, abwechselnd bald in einem Gefängniß zu Wasserburg, bald im „Thurm von Ensisheim" schmachtete. David Gans erzählt uns zwar, er habe aus dem Munde des Chajim Cohen, des Herausgebers der Prager Responsen, iw Jahre 1608 gehört, daß er unter den Büchern des Pinchas Horowitz aus Krakau ein altes Buch gefunden, in dem der Grund und die Geschichte der Verhaftung des Rabbi Meir ben Baruch angegeben sind, allein Genaueres theilt auch er bedauerlicher Weise nicht mit. Man muß es daher Herrn Dr. Back als großes Verdienst anrechnen, daß er uns in der vorliegenden Schrift eine vollständige Biographie des Rothenburger Rabbiners bietet, die Ursache seiner Verhaftung, den Ort und die Dauer der Hast angiebt und somit eine schmerzlich empfundene Lücke in der jüdischen Litteraturgeschichte ausfüllt. Wir können auch dem Verfasser hierin freudig zustimmen, wenn er in seinem Vorwort darauf hinweist, daß es endlich an der Zeit sei, auch die jüdischen Gelehrten des Mittelalters in Deutschland dem Grabe der Vergessenheit zu entreißen. „Die Namen Speier, Worms, Mainz, Köln, Würzburg, Nürnberg können in der jüdischen Litteratur neben ben Namen: Cordova, Toledo, Barcelona, Saragossa in Ehren genannt werden." Schreibt doch der Spanier Jsak bar Schescheth im 14. Jahrhundert: „Denn von Frankreich geht aus die Lehre und das Wort Gottes von Deutschland; von ihrem Wasser trinken wir, sie erklären uns alles Verschlossene, ohne sie wäre der Talmud ein versiegeltes Buch geblieben." Allerdings fließen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.