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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-26 · Heft 17 (26.4.1895) · p. Seite 204

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 17 (26.4.1895)
Date
1895-04-26
Page
Seite 204 (sequence 14)
Language
German
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204 die Quellen über das geistige Leben und Streben der Juden des Mittelalters in Deutschland nicht so reichlich wie in Spanien, was schon Grätz zum Ausdruck brachte, indem er schrieb: „Während über die Träger der jüdisch-spanischen Kultur eine Fülle von Nachrichten vorhanden ist, muß sich die Geschichte der nordfranzösischen und deutschen Juden mit dürftigen Angaben begnügen; eine Tatsache, die Mauchen wobl entmuthigt, an die Erforschung dieses Litteraturzweiges heranzugehen." Jndeß Fleiß, Liebe und Begeisterung, die jede litterarische Arbeit bedingt, überwinden gewöhnlich auch die größten Schwierigkeiten, die sich einem Autor in den Weg st ll n. Auch Herr Dr. Back hat mit seiner Arbeit über Rabbi Meir den Baruch bewiesen, was Liebe und Begeisterung für eine Sache zu Stande zu bringen vermögen. Möge nur die Zunz-Stiftung, der alle Litleraturfreunde für die Subveutionirung gerade dieses Werkes Dank wissen, fortfahren, derartige litterarische Unternehmen zu unterstützen; dann wird schon die Zeit kommen, wo man neben der jüdisch-spanischen auch von einer jüdisch-deutschen Epoche sprechen wird. Albert Katz Spvechsaal. (^R\te Vermuthung des Herrn Fritz Ctier-Sorulo in Nr. 16 „d. A. Z. ryi d. I.", daß Feust und Grünsfeld Juden waren, ist richtig. An beide Namen knüpft sich ein Stück Geschichte der Juden in Baiern, die dem gegenwärtigen Geschlecht ein leuchtendes Beispiel giebt, was seine Vorgänger wegen ihrer Religion zu kämpfen hatten wie sie diese Leiden in Ueberzeugungstreue überstanden. Unter König Ludwig 1. wurde den Rechtskandidatcu, welche eine aufgegebene Preisfrage lösten, die Anstellung als Rechtsanwalt zugesagt. Grünsfeld löste die Preisfrage, eine Bedingung wegen der Konfession war nicht gestellt, und so mußte man ihn 1864 als ersten jüdischen Anwalt in Baiern ernennen. 15 Jahre war er aber auch der einzige Jude in dieser Eigenschaft, erst im Jahre 1848 trat ein Umschwung ein. Feust, der es als Jude bis 1848 nicht weiter als zu einem Hilfsarbeiter in verschiedenen Fächern bei Gericht bringen konnte, bekam 1826 die Anlage der Hypothekenbücher der Landgerichte Baireuth und Stadtsteinach übertragen und fand 1831 eine Anstellung als Sekretär der jüdischen Gemeinde in Fürth. Die Petitionen zu Gunsten der Gleichstellung der Juden in Baiern, die fast alle von der hiesigen Gemeinde ausgingen uud sich durch schlagende Wiederlegung und würdevolle Gesinnung auszeichneten, hatten Feust zum Verfasser. Feust, der jede Hoffnung auf Anstellung aufgegeben, wurde im öl. Lebens- und 25. Kandidatenjahre 1849 neben Andern als zweiter jüdischer Anwalt in Baiern mit dem Sitze in Fürth angestellt. Manche spätere Auszeichnung verschaffte ihm Genugthuung für die erlittene Zurücksetzung, ihm, den die Vielseitigkeit seiner Studien — Jurisprudenz, Philologie, Geschichte, Botanik — zu einem unersättlichen Wissenstrieb drängte. Er starb im 74 Lebensjahre am 10. August 1872, sein Sohn Philipp, Advokat hier, hat ihm in einer Broschüre das schönste Denkmal seines Wirkens gesetzt. Fürth, 21. April. Sigmund Heu mann. 68>em aufmerksamen Leser der Festberichte über die unzähligen Bismarck- <33 ehrungeu, wird es nicht entgangen sein, daß das stolze Bismarckwort: „Wir Deutschen fürchten Gott, sonst Nichts auf der Welt", dabei eine große Rolle spielte. Die Autorschaft dieses geflügelten Wortes wurde seiner Zeit viel umstritten und schließlich einem französischen Dichter zuerkannt. — Welches Wuthgeheul werden die Herren Ahlwardt, Liebermann und Konsorten austimmen, wenn sie vernehmen werden, daß mit Fug und Reckt nicht nur die alten Deutschen, sondern auch die uralten Juden die Autorschaft des Bismarckwortes in Anspruch nehmen könnten. Der Schlußsatz des täglich zweimal zu verrichtenden Gebets: „Du Herr der Welt" (im Urtext: Adon olam) lautet wörtlich: „Gott ist bei mir und ich fürchte Nichts". (Im Urtext: „Adonai li, weJau iro). Warmbrunn, den 5. April. Julius Reich. * Sehr geehrter Herr Doktor! meiner Korrespendenz aus Bad Homburg in Nr. 15 der „Allgem. <33 Ztg. des Judenthums", Gemeindebote S. 3, heißt es vornherein: „am 27. v. M.", während es richtig heißen muß: „am 27. Dezember vorigen Jahres", was Sie gefl. berichtigen wollen. Damit diese Sendung nicht ganz leer erscheine, berichte ich Ihnen noch eine neue Anekdote Ein vom Antisemitismus erfüllter Lehrer erwähnte in einer Rede, daß er Gelegenheit habe zu sehen, wie die Juden schon in der Jugend betrügen: Er habe einen jüdischen Schüler, der sein Schulgeld nur für sich zahle, aber für Zwei lerne. Mit aller Hochachtung Homburg, 19. April. Ihr Louis Lehmann. * Geehrter Herr Redakteur! Au der letzten Nummer veröffentlichte Herr Alexander Müller das <33 „Märchen vom Dalles nach einer jüdischen Legende aus Galizien". Im vorigen Jahre suchte ich in der hiesigen Stadtbibliothek nach kleinen interessanten Pieeen aus der jüdisch-deutschen Litteratur behufs Vervielfältigung. llnter Anderm fand ich ein kleines aus 16 Seiten bestehendes Buch unter folgendem Titel: „Geld und kein Geld regiert die ganze Welt eines diesem gefällt, dem andern der Bauch darvon geschwellt; Liebe Brüder und Schwestern, thut hierin lesen, so werd ihr die Wahrheit befinden was vor uns is geschehen und gewesen, so werd ihr wissen darnach zu thun und bekommen sein verdienten Lohn — ich habe auch gestellt dabei ganz hübsche drei, eins von einem 3^1!) der hat bei seinen: Leben keinem Armen nix gegeben, das andere wie sich einer in Armut hat gethan quälen, endlich hat man ihm gethan zum König erwählen, das dritte wie einer hat gehat Unglück im Haus, wie er es mit List hat gebracht heraus." Das Büchelchen ist den Bibliographen unbekannt Steinschneider erwähnt es weder in seiner im Serapeum mitgetheilten Bibliographie der jüdisch-deutschen Litteratur, noch auch in seinem Katalog der Bodlejana. Es ist sine loco — unzweifelhaft in Deutschland — im Jahre 1733 gedruckt. Es beginnt mit einer launigen, 1 heilweise derben Abhandlung über die Segnungen des Besitzes und den Fluch des Dalles. Die dritte Erzählung, auf die es hier ankommt, enthält in kurzen Umrissen Folgendes: Zwei Brüder, der eine reich, der andere arm, der reiche hart und geizig gegen den armen. Im Hause des Armen wohnt das „Schlimm-massel". Es ist Winter. Der Arme friert. Er geht in den Wald, um Holz zu fällen, und nimmt Vas Schlimm-massel, weit es stark ist, mit, die Last nach Hause zu schleppen. Er fällt einen Baum, doch es fehlt ihm der Keil zum Spalten. „Aso sagt er zum Schlimm-massel, ich will ahn haben zu spalten, aso steck Du Deine Händ in die Spalt, daß ich lveiter spalten kann. Wie nun das Schlimm-massel die Hand darein steckt, aso ließ er den Baum zusammen schnappen und sagt: ich Hab mich lang genug mit Dir geplagt, bleib nun im Baum stecken, bis ich Dir heraus helf." Wie nun der Arme das Schlimm-massel los ist, wird er bald zum reichen Mann. Der Bruder, dem das Ernporblühen des andern umheimlich wird, erfährt bald aus des Bruders eigenem Munde die Ursache seines Glückes. Des Bruders Reichthum ist jedoch dem Geizigen zuwider. Er geht in den Wald, befreit das Schlinnn-massel, auf daß es wieder in das Haus seines früheren Beherbergers zurückkehre. „Das Schlimm-massel", so schließt das Original, „geht mit ihm zu die Stadt. Wie sie nach die Stadt knmmten, also ging das Schlimm-massel mit dem Neichen nach sein Haus. Also sagt der 3tPü*: In der andern Gaff wohnt der Mann, der Dich hat in dem Baum gefangen, dahin mußt Du gehen. Also sagt das Schlimm-massel: Meinst Du denn, daß ich zu dem ^^32 gehen will? Ich mag ihm sein nit ansehn; Du bist ein guter Mann, Du hast mir los geholfen, also will ich nit von Dir abweichen und will auch mein Logement in Deinem Haus nehmen. Also ging das Schlimm-massel mit dem Reichen heim und macht ihn 73^32 und sein Bruder war bald ein - Zwischen den beiden Legenden die Parallele zu ziehen, überlasse ich Ihren Lesern. Hamburg. S Goldschmidt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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