Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1895)
- Date
- 1895-04-26
- Page
- Seite 202 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228112--51726-3272486- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
202 beginnt, zu sein schienen. In diesem Sinne habe ich die Arbeit ausgeführt. Das Beste dabei ist, daß sie unter den Umständen, unter welchen sie das Licht erblickt, keinesfalls schaden kann; denn wenn das etwanige Gute, was sie enthalten möchte, immerhin benutzt werden könnte, wird ja nichts leichter sein, als das, was ein Fremder in der Fremde schreibt, zu ignoriren oder zu desavouiren, wenn es für die politische Lage des Augenblicks nicht passend erscheinen sollte. Darum habe ich denn auch trotz der unerhörten Censurfreiheit, die bei Ihnen herrschend geworden ist, keinen Versuch machen wollen, in Preußen selbst anzukommen. Uebrigens habe ich den Unsinn an seiner ersten Quelle angegriffen, so daß kein Unschuldiger Anlaß finden kann, sich verletzt zu fühlen; zugleich habe ich aber meine Polemik direkt nur gegen Zeitungsartikel gerichtet, so daß auch über Indiskretion keine Klage geführt werden kann. Ich glaube Ihnen, lieber Freund, diese Art von Apologie schuldig zu sein, da ich Ihren wohlmeinenden und dazu noch ausdrücklich erbetenen Rath nicht befolge. Falls ich nach Ihrer Ansicht dieses Mal das Rechte in dem Schritte selbst, oder in dessen Ausführung verfehlt habe, so wollen Sie es meinem guten Willen zu Gute halten." Im September 1843 war Rießer in Berlin. Während dieses Aufenthalts traten sich die Freunde näher. Ein Zeichen dieser engeren Verbindung wurde das trauliche Du, das von nun an in ihren Briefen herrscht. Während des Berliner Aufenthalts hatte Rießer noch manche andere Mitglieder des Beitschen Kreises theilS kennen gelernt, theils ältere Beziehungen zu ihnen gefestigt. Grüße an sie, Lehmanir, Lehfeldt, Schönberg, Zunz, finden sich von nun au häufiger in seinen Briefen. (Fortsetzung folgt.) 0_ m mwm w TT ll^PTTiiL/,1;-:^ iiltnluiU'mil&mj 1 ü FEUILLETON 1 3 m. " ' ' --sfr«— ' ' ' I -1 .n^inrmai'iivv MlillfftlÜZS I-» Snfgegangene Kaat. Ein Zeitbild von Jenny Hirsch. (Fortsetzung.) ie hätten nicht zu überlegen brauche», ob sie dem Vater ihre Erlebnisse nrittheilen wollten oder nicht. Herr May las in den Mienen seiner Kinder wie in einem aufgeschlagenen Buche und sah, als er an den Wagen kam, um die Heimkehrenden in Empfang zu nehmen, sofort, daß ihnen Unangenehmes widerfahren sein müsse. „Ihr kommt früher zurück, als ich Euch erwartet habe," redete er sie in seiner milden, gelassenen Weise an. „Wären wir gar nicht fortgefahren!" antwortete Rofy finster, und Lina fügte unter hervorbrechenden Thränen hinzu: „Es war Niemand sür uns zu Hanse." „Still, still!" mahnte der Vater und schaute sich um, ob Jemand in der Nähe sei, der die Aenßerung gehört habe» könnte. Er reichte jeder Tochter einen Arm, um sie ins Hans und nach dem Gartensaal, dein bevorzugten Aufenthalt der Familie, zu führen. „Legt Eure Sachen ab und erzählt," sagte er, während er selbst an das Fenster trat und mit schmerzvollem Gesichte auf das sich vor ihm ansbreitende schöne Landschaftsbild schaute. „Welche Ruhe, welcher süße Frieden, warum müssen die Menschen ihn stören!" imitmette er, und eine Thräne rollte langsam aus seinen sanften, dunklen Augen in den ergrauenden Bart. „Vater, Du weißt schon!" rief Lina, die leise hinzngetreten war und sich nun an seinen Arm hängte. „Ich kan» es mir denken, nach Allem, was ich heute selbst erfahren gemußt," entgegnete er. „Doch erzählt." Sie thaten es; Lina unter heißen Thränen, Rosy mit glühende» Wangen, blitzenden Augen und im grollenden Ton. Während Beide Alles, was ihnen widerfahren war, nochmals an sich vorüberzieheu ließen und es in Worte kleideten, fühlten sie doppelt und dreifach die tiefe Demüthiginig, die grausame Härte, die sie erlitten halten. Emanuel May hörte ihnen mit gesenkter Stirn schweigend zu. Als sie geendet, zog er Beide gleichzeitig in seine Arme, küßte sie und sagte leise: „Meine armen Kinder! Ich hätte Euch dem nicht aussetzen sollen!" Die jungen Mädchen schauten verwundert auf. „Ja, wußtest Du denn darum, Vater?" fragte Rosy. „Ich hätte es wissen sollen, lvissen können aus allerlei Anzeichen, ans manche» Bemerkungen, welche die guteFrau Schmidt hinwarf," seufzte er auf, indem er die Töchter aus seinen Armen entließ und sich wieder von dein Stuhl erhob, auf dem er Platz genommen halle, „aber ich verschloß Auge und Ohr dagegen, ich gebot Frau Schmidt, Euch nicht zu beunruhigen, es war mir ja undenkbar, unfaßbar, daß man ein solche Rohheit und Grausamkeit gegen Euch verübe» könnte." „Und was gedenkst Du zu thun, Vater?" fragte Rosy. May sah sie mit einem Blick an, dessen traurige Hilflosigkeit sie nie, nie zu vergessen vermochte und antwortete: „Nichts. — Oder soll ich etwa den Herrn Amtsrath oder den Lieutenant fordern?" fügte er mit bitterem Scherz hinzu. „Wer weiß, ob sie mich für satisfaktionssähig halten. Ich kann diese Leute nicht zwingen, mit Euch zu verkehren, und könnte ich es, ich thäte es wahrlich nicht." „Nie, nie würde ich je wieder den Fuß über eine der Schwellen setzen, von denen man uns heute so schmählich gewiesen!" rief Rosy und erhob stolz das Haupt. „Wir können sehr gut hier allein mit Dir, unfern Büchern unserer Musik, im Garten und im Walde leben," sagte Lina, man hörte es jedoch an ihrem Ton, wie schwer ihr die Entsagung ward. „Vielleicht erlaubst Du uns auch, im Kindergarten und in der Handarbeiisschule mit zu helfen, lieber Vater." Er machte eine hastig abwehrende Bewegung, besann sich aber und sagte einlenkend: „Das können wir noch überlegen. Zuvor will ich Euch einen andern Vorschlag machen: Möchtet Ihr nach Berlin zurückkehren?" „Würdest Du mit uns kommen?" fragte Lina. „Nicht sogleich, ich habe hier nothwendiqe Geschäfte; später würde ich Euch folgen, um mit Euch eine Reise zu machen." „So bleiben auch wir," erklärte Lina mit einer Entschiedenheit, die sie bisher nicht gezeigt hatte. „Wir lassen Dich hier nicht allein." „Jene Menschen sollen nicht den Triniiiph feiern, uns von hier vertrieben zu haben!" rief Rosy. „Wir bleiben wie sonst den Sommer über hier und wollen ihnen beweisen, das; wir ihrer nicht bedürfe»." May betrachtete mit Wohlgefallen seine in ihrer Erregung doppelt hübsch aussehenden Töchter, doch schnell verdüsterte seine Stirn sich wieder und er sagte: „Auch darüber wolleii wir heute in der erste» Aufregung noch nicht bestimmen. Ihr müßt Euch allerdings daranf gefaßt machen, hier noch mancherlei zu erfahren, was Euch tief schmerzen muß. Aber iveiß ich, ob ich in Berlin Euch ferner noch davor bewahren kann? Vermag ich vorauszusehen, was Euch auf der Reise begegnen kann?" „Furchtbar! Empörend!" riefen die Mädchen. „Was haben wir verbrochen?"