Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1895)
- Date
- 1895-02-22
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Ottolengh i von Neapel zum Divisions-General und Kommandanten von Turin ernannt worden ist. Wir lesen nun in italienischen Blättern einen interessanten Bericht über die Abschiedsfeierlichkeiten, welche das Offizierkorps von Neapel seinem allgemeinen beliebten Chef gegeben hat, der eine Zeitlang unter seinen Offizieren auch den Kronprinzen von Italien gehabt hat. Aber noch viel interessanter für unsere Leser wird die Thatsache sein, daß General Ottolenghi ein glaubenstreuer Jude ist, dessen intimster Freund ein bekannter italienischer Rabbiner, und daß er an zedem jüdischen Feiertage in der Synagoge erschienen ist, wo er stets einer der andächtigsten Beter war. Cin nachahmenswerthes Beispiel für unsere Großen! Rußland. ri. Warschau, 18. Februar. Der „Krim Wiestnik" meldet man aus Sebastopol, daß am 27. er. eine Deputation der im Kreis Tiberia wohnenden russischen Juden nach Petersburg reisen wird, um im Austrage der jüdischen Gemeinden des genannten Kreises dem Kaiserpaar die tiefempfundensten Glückwünsche anläßlich der kürzlich stattgefundenen Vermählungsfeier zu übermitteln. Wir glauben, diesen Fall um so mehr registrirenswerth erachten zu müssen, als das Geschenk, welches die Deputation dem Kaiserpaar überreichen wird, in einem Sepher Thora (Thorapergamentrolle), die sorgfältigst und kostbarst zu diesem Zweck in Simpropol angefertigt worden ist, bestehen wird. An die Spitze der Deputation ist der Leiter der in Sebastopol befindlichen Filiale der Moskauer Bank, unser allgemein beliebter und verehrter Glaubensgenosse, H. C. Kamenka, gewählt worden. — Am Neujahrstage (13. Januar) sind unter den Männern, die vom jungen Zaren mit Orden beehrt worden sind, auch eine Reihe von unfern Glaubensgenossen bedacht worden. So haben Seine Majestät allergnädigst geruht, die Mitglieder der Steuerverwaltung zu Kowno, die Herren Nathan Nathansohn, Gerson Werblowski und Jsak Kaplan zu Ehrenbürgern zu ernennen. Den Kaufleuten erster Gilde, Herren Aron Zuckermann in Mohilew am Dniepr und Israel Benjamowitz in Wilna, und den Kaufleuten zweiter Gilde, den Herren Jacob Cohn in Theodosia, Bär Goldberg in Minsk, Samuel Bruker in Schedlitz, sowie dem Kaufmann erster Gilde Herrn Abraham Ozan in Kischinew wurden goldene Medaillen verschiedener Orden als Allerhöchste Auszeichnung verliehen. Ten Kaufleuten D. Halpern in Warschau, David Cohn Lembeck in Jeletz, Abraham Oderfeld in Tschenstochow, Chaim S. Rheinwein in Radom, Chaim Rosenblum in Bendin, David Wigmann in Waldowo, Wolf Zibuli in Tschelabin, Josef Hirsch Schatz in Nowa Radom, Hirsch Wechselmann in Awrotsch und Jsak Nubinstein in Lottin wurden silberne Ehren Medaillen zu Theil. — Graf Schuwalo w empfing vorgestern die Vorsteher der jüdischen Gemeinde, sowie des Rabbinats huldvollst. — Dieser Tage besuchte der Gouverneur das jüdische Krankenhaus und sprach, hocherfreut über die in demselben herrschende Ordnung, den Leitern und Gründern der Anstalt seine Anerkennung und seinen Dank aus. Don Nah und Fern. — Dem Fabrikbesitzer Bernhard Loeser in Berlin ist der Charakter als Kommerzienrath verliehen worden. — Unter dem Titel „Talmudische Täuschungen" hat der antisemitische Reichstagsabgeordnete Frhr. von Langen eine Broschüre veröffentlicht, um die Nothwendigkeit einer staatlichen Prüfung und Uebersetzung der jüdischen Geheimgesetze und einer autoritativen Feststellung darüber, inwieweit die Gesetze für das Judenthum heute noch bindende Kraft haben, nachzuweisen. Den Anlaß zur Herausgabe dieser Schrift hat dem Verfasser der Umstand gegeben, daß die Petitionskommission des Reichstages, deren Mitglied der Verfasser ist, die dahinzielenden Petitionen in der vorigen Session als ungeeignet für das Plenum befunden hat. Wir kommen auf dieses seltsame Opus noch zurück. — Die WahlprüfungHkonnnission des Reichstages beschloß einstimmig, dem Plenum die Ungiltigkeitserklärung der Wahl des antisemitischen Abg. Dr. König- Witten (Hofgeismar-Rinteln) zu empfehlen. — Eine Säule des Antisemitismus war, der „Volksztg." zufolge, der Dieb des Geldfasses in Spandau, der Postsekretär Städtke. Er saß neben dem Hauptmann a. D. Herter im Vorstand des dortigen Antisemitenvereins. - Die „Deutsche Ostwacht", das täglich erscheinende Organ des deutschsozialen Provinzialverbandes für Schlesien, ist am 15. d. zum letzten Mal erschienen. — Die Vorgänge in Memel anläßlich der Reichstagswahl des Jahres 1893 haben einen langwierigen Prozeß zur Folge gehabt, welcher mit der Verurtheilung der Redakteure des liberalen „Memeler Dampfboots", der Herren Rabbiner Dr. Rülf und Sochaczewer, wegen Beleidigung, begangen durch die Presse, zu einer Geldstrafe endete. Nunmehr hat der Kaiser durch Kabinetsordre vom 9. Jan. d. I. beiden Redakteuren ihre Strafe erlassen. — Zum Inspektor der Knaben- Waisenanstalt in Posen ist Herr Lehrer Katzenstein aus Wetzlar gewählt worden. — „Professor" F. A. Geißler aus Zittau, ein Mitbegründer und Oberagitator des dortigen antisemitischen Reformvereines, wird von Innsbruck aus wegen Betrugs steckbrieflich verfolgt. — In Jena hat eine Straße den Namen „Judengraben". Die Anwohner richteten ein Gesuch an den Gemeinderath um andere Benennung der Straße, „da der gegenwärtige Name in keiner Weise zu den durchweg christlichen Bewohnern der Straße passe." Der Gemeinderath ging auf das Gesuch ein und taufte den „Judengraben" in „Hainstraße" um. - JnWürzburg wurde ein akademischer Verein für jüdische Geschichte und Litteratur begründet, mit der Bestimmung, daß auch Nichtakavemiker als außerordentliche Mitglieder ausgenommen werden können. Der junge Verein hat bereits die Rektorats-Genehmigung erhalten und wurde am 4. ds. durch den ersten Vortrag eröffnet. — Der Kaiser von Oesterreich hat dem Präsidenten des Verwaltungsraths der böhmischen West-Bahn, Max Ritter v. Gompertz in Wien, den Stern zum Komthurkreuz des Franz-Joseph-Ordens, und dem Chef der Central-Direktion der genannten Bahngesellschaft, Reg.-Rath Dr. A. Ritter von Kuh, Vorsteher der israelitischen Gemeinde in Wien, den Titel eines Hofraths verliehen. — Im Rabbiner-Seminar zu Budapest wurden jüngst acht Zöglinge zu Rabbinern promovirt. Rabbiner Moses Bloch, Professor derselben Anstalt, wurden anläßlich seines 80. Geburtstages zahlreiche Ovationen dargebracht. — In Gaya hatten die czechischen Antisemiten einen Aktienverein gegründet, der den Zweck haben sollte, alle Schuster von Gaya mit billigem nationalen Leder zu versorgen und sodann die Mitglieder an den Dividenden participiren zu lassen. Der Geschäftsführer Otto Bittner ist am 5. Januar nach Kontrahirung bedeutender Schulden — er führte das Geschäft noch immer unter der alten Firma — durchgebrannt. — David Hirsch, der berühmte Direktor der Taubstummenschule in Rotterdam, einer der um das Unterrichtswesen der Taubstummen verdientesten Männer, ist vor Kurzem gestorben. Hirsch wurde 1813 in Müntz (Rheinpreußen) geboren. Er war in Holland sehr angesehen, besaß zwei niederländische Orden, war Offizier der Akademie und gehörte verschiedenen gelehrten Gesellschaften als Ehrenmitglied an. — Ein Leipziger Blatt hat sich aus Petersburg telegraphiren lassen: „Nach neuester Verfügung des Ackerbauministers dürfen Juden, welche eine landwirthschaftliche Schule absolvirt haben, in ganz Rußland ohne jegliche Beschränkung Grund und Boden erwerben Diese Nachricht gehört leider in das Bereich der Erfindungen. — In Sambor ist im Alter von 45 Jahren Abraham Meißels gestorben, Verwalter des israelitischen Spitals der Ozuas Gotthels'schen Stiftungen, gewesener Religionslehrer, k. k. gerichtlich beeideter Dolmetsch für die hebräische Sprache und Gemeinderathsstellvertreter. — Lueien Dreyfus, Attache im franz. Ministerium des Innern, ist zum Vize-Residenten für Anam und Tonking ernannt worden. — Mr. Robert Drummont Hay, bis jetzt englischer Generalkonsul in Tunis, ist zum General in Beyrut ernannt worden. Diese Ernennung verleiht ihm die Jurisdiction über ganz Palästina. M. Hay ist als eilt aufrichtiger Freund der Juden bekannt. — Der preußische Major a. D. Pauli, der in Lima verhaftet war, weil er mit den Aufständischen in geheimen Beziehungen gestanden haben soll, ist der bekannte Zeuge im Prozeß gegen Paasch und einer der schlimmsten Antisemiten. Aus der Haft ist er auf Verwendung der deutschen Vertretung entlassen worden, soll aber das Versprechen abgelegt haben, Peru schleunigst zu verlassen. — Herr Th. Jppen in Jerusalem ist zum österreichisch-ungarischen Konsul ernannt worden. Es geschieht zum ersten Male, daß von einer europäischen Macht ein Jude mit dein Konsulat in Jerusalem betraut wird. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.