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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-25 · Heft 4 (25.1.1895) · p. Seite 44

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 4 (25.1.1895)
Date
1895-01-25
Page
Seite 44 (sequence 8)
Language
German
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44 Seele htiften und wird zu einem neuen Antrieb entsprechenden Handelns. Ist Maybanm in seinen Predigten positiv und praktisch, so weiß er auch in seinen Schrifterklärungen zwischen philologischer Exegese und homiletischer Betrachtung die rechte Mitte zu haltern Durch geistvolle Deutung versteht er es, selbst unscheinbare Bibelstellen fiir die erbauliche Betrachtung fruchtbar und ergiebig 311 machen. Der kleinen, aber erlesenen Schaar der jüdischen Gelehrten, die sich in den Berliner Gemeindesynagogen fast regelmäßig als feine Zuhörer einfinden, bereitet Maybaum mit seinen iu der Form natürlicher Weise zwanglosen, inhaltlich aber immer werthvollen Schrifterllärnngen ein wenn möglich noch größeres Vergnügen als mit seinen Predigten. Maybaum schöpft auch hier aus dem Vollen, er zeigt auch hier einen klaren Blick für das Naheliegende und Volksthiimliche, auch hier versteht er es, alle Kräfte der Menschenseele in wohlthuender Abwechselung anznspannen und zu beschäftigen. So kann die gefährliche Langeweile, bereu Vermeidung nach einem jüngst in dieseiii Blatte erwähnten Ausspruch des unvergeßlichen Meisters deiitseh - jüdischer Kanzelberedtsamkeit, Michael Sachs, die Hauptallfgabe aller Honiiletik ist, iu dem Hörer oder Leser gar nicht anjkoniiiieii. Deii trockenen Lehrton üermeibet Maybaum auch dann, wenn er euunal eine Detailfrage der Exegese zu behaiideln hat, dagegeii sichert die Wärnie der Begeisteruiig, mit welcher der freisinnige Prediger von bem unvergänglichen Werth des altehrwürdigen Gottesbuches spricht, und die Feinheit des Verständnisses, mit dem er sich in die Ideenwelt desselben vertieft, seinen Schrifterklärnngen eine beifällige Aufnahme bei allen denen, die in der Bibel das Erziehnngsbnch der Menschheit verehren. Tie Form der Maybaum'schen Predigten und Schrifterklärungen ist nach unserm Dafürhalten über jedes Lob erhaben. Jeder Gedanke erhält hier den knappsten und bezeichnendsten Ausdruck. Der Styl ist glatt und fließend, lebendig und eindringlich. Die Sprache ist keusch und edel, die Darstellung schlicht und abgerundet. So macht jede einzelne dieser Sabbathreden den Eindruck eines Kunstwerks, das gleichsam aus einem Guß entstanden. Text und Thema, Form und Inhalt bedingen und stützen einander. Es ist nicht möglich, auf den reichen Inhalt aller dieser Sabbathreden im Rahmen einer Anzeige näher eiuzugehen; wir müssen die Leser dieser Zeitung auf das vom Verleger geschmackvoll ausgestattete Buch verweisen und uns hier darauf beschränken, einige Reden dieser Sammlung als besonders beachtenswerth hervorzuheben. Wir nennen als solche zunächst die Predigt über „Die Freundschaft" (S. 90—99). Die Einleitung spricht, anknüpfend an den Prophetenabschnitt, der von der Freundschaft zwischen David und Jonathan berichtet, über den Werth eines guten Freundes, „auf ^dem wir bauen in allen Nöthen und Gefahren", „mit dem wir uns Eins fühlen in unserem Denken und Empfinden", „durch den wir uns gefördert wissen in allem Guten und Edlen", und findet „den Kern und das Wesen aller wahren Freundschaft" ausgedrückt in dem Satze: „Die Seele Jonathans lvar verknüpft mit der Seele Davids." An der Hand des biblisches Berichtes wird dann im e r st e n Theile der Ausführung nachgewiesen, daß die Freundschaft zwischen David und Jonathan sich auf „Gleichgestinuntheit der Seelen" gründet, daß sie „ein Seelenbnnd" ist. Jonathan liebte bereits den frommen, tapferen Hirtenknaben, die Liebe zum Freunde siegt im Konflikt mit dem Gehorsam gegen den Vater, neidlos drückt er dem Freunde die ihm selbst gebührende Krone aufs Haupt. Und David — beklagt den Tod des geliebten Freundes in einem ergreifenden Lied und fühlt sich ohne Jonathan als Köllig vereinsamt. Im zweiten Theil der Ausführung wird nun die Gleichheit der Seelenstimmung, die Bedingung wahrer Freundschaft, als eine Gleichheit im (Stilen und in der Selbstlosigkeit näher bestimmt, woraus die Seltenheit wahrer Freundschaft zu erklären sei. Nunmehr warnt der Prediger vor der Täuschung durch falsche Freundschaft, die kein Seelenbund, sondern nur eine Huldigung an Reichthum, Macht, Ehre und Einfluß ist, und die durch süße Worte und zärtliche Händedrücke ungefestigte Gemüther nur zu leicht berückt, und ermahnt, den Freund auf reine, selbstlose Liebe zu prüfen und den treubefundenen festzuhalten. Die Predigt schließt mit einer Verherrlichung der wahren Freundschaft (Deutung des Schriftworts 1. B. Samuel 20. 42). Schon diese kurze Inhaltsangabe zeigt alle Vorzüge Maybaum'scher Kauzelberedtsamkeit. „Welches ist das Haus, das ihr mir bauen wollet?" so lautet das Thema einer andern Predigt dieser Sammlung (S. 206—212). Nach einer kurzen Charakteristik des Exilspropheten, dem dieser Text entnommen ist (Jesaja 66, 1, 2), wird die Abneigung desselben gegen einen geplanten Tempelbau auf Grund des folgenden Satzes: „Auf den nur schaue ich, der bescheiden ist und gebeugten Gemüthes und der in Liebe meinem Worte entgegenbebt" damit motivirt, daß der babylonischen Gemeinde Bescheidenheit, Denutth, Durst nach dem Gotteswort gefehlt, dagegen Ruhmsucht und Ehrgeiz den Gedanken eines Tempelbaues eingegeben haben, der nicht sowohl ein Bethaus für die Menschen, als vielmehr ein Wohnhaus für Gott sein sollte. Mit Leichtigkeit ergiebt sich die Anwendllng auf die Gegenwart. Auch unsere Gotteshäuser sind nur an drei Tagen des Jahres Bethänser für die Glaubeusgemeinde. Der Einwand, daß man heute nicht so viel Muße und Sammlung zur Andacht hat wie früher, wird zurückgewiesen; aus einem Mangel an Demuth und Durst nach dem Gott es wort wird der seltene Tempelbesuch erklärt. Hoch und Niedrig, Gemeine und Große, Alles lehnt sich auf gegen den sogenannten Wahn einer übersinnlichen Weltordnung und wendet sich von Gott und Religion hochmüthig und starkgeistig zu irdischem Besitz und schamlosen! Sinnengenuß. Je mehr ferner in unserer Zeit das schmeichlerische, zerstreuende, belehrende Menschenwort an Werthschütznng gewonnen, desto mehr hat das rauhe, sammelnde, unpraktische Gotteswort — man beachte die feine Ironie! — an Anziehungskraft verloren. Die Mahnung, trotz der trüben Zeichen der Zeit die Hoffnung auf einen baldigen Aufschwung festzuhalten, bildet den Schluß dieser Predigt, die für die Kunst Maybaum's, Zustände der Gegenwart durch ein uraltes Schriftwort hell und scharf zu beleuchten, charakteristisch genannt werden darf. Von den in dieser Sanrmluug enthaltenen Schrifterklärungen heben wir zunächst die hervor, welche die Frage: „Was erzählt uns die Salzsäule?" beantwortet (S. 51—56). Der biblische Bericht über die Verwandlung der nach Sodom zurückblickenden Frau Lot's in eine Salzsäule befriedigt das Gerechtigkeitsgefühl des Lesers nicht, darum will der Prediger im Geiste der heiligen Schrift ihn durch amplisizirende Deutung ergänzen. Nicht Mitleid für die untergehende Stadt, sondern der Unglaube, der die drohende Botschaft Gottes in Zweifel zog, und die Liebe zu der Sündenstadt, der Reiz der Snmenlnst zog Lot's Weib zur Stätte ihrer Laster zurück. Beides wird aus dem Verhalten ihrer Söhne und Töchter geschlossen. Der Ertrag der Schrifierklärnng, die Warnung vor Gewaltthätigkeit und Schamlosigkeit, vor Halbheit und Bedenklichkeit, die Mahnung zum Ausharren in der Vermeidung des Bösen und in der Bethätignng des Guten, wird den Hörern oder Lesern zur Beherzigung anheimgegeben. — Kurz und gut! — „Die Nothlüge", so wird im Jnhaltsverzeichniß die Schriftertlärung zur Sidra Wajjechi bezeichnet, die wir auf S. 178—184 lesen. Es ist im Großen und Ganzen eine ansprechende Charakteristik Joseph's im Verhältniß zu seinen Brüdern

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