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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-25 · Heft 4 (25.1.1895) · p. Seite 43

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 4 (25.1.1895)
Date
1895-01-25
Page
Seite 43 (sequence 7)
Language
German
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43 Hinweise, „daß die katholische Kirche die Verdienstlichkeit guter Werke nicht in jüdisch - pharisäischer Weise auffaßt". „Jüdischpharisäisch" ist so ein Wort, auf das man Goethes Diktum anweudeu kann: „Denn eben, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zu rechter Zeit sich ein." Znm Kriterium der Wissenschaft gehört Objektivität. Hätte sich der Redner in das Studium der jüdischen Geschichte vertieft, je würde er zu einen! andern Ergebniß gekommen sein. Es ist eine Verkennung der geschichtlichen Thatsachen, die Pharisäer für Scheinheilige und Heuchler zu halten, sie als „Krenzzeituugsleute von Jerusalem" hinzustellen, oder sie mit den Jüngern Loyolas zu vergleichen. Religiöse Anzapfungen würden unterbleiben, wenn unsere Gegner sich die Auffassung zu eigen machen möchten, die ein berühmter christlicher Theologe, Dr. Schwarz, in seinem Werke „Das Christenthum in seiner Wahrheit und Göttlichkeit betrachtet" (Heidelberg 1808) Theil I, S. 419, mit folgenden Worten vertritt: „Nunmehr können wir Jndenthnm und Christenthmn bestimmter vergleichen. Offenbar ist es, dasi das letztere keinen anderen Gott aufstellt, als den Einigen Wahren, und daß es sich auch in der Lehre von der Frömmigkeit und Sittlichkeit nicht von dem ersteren unterscheidet. Nicht etwa eine neue Summe von Sittenlehren haben Jesus und die Apostel gelehrt, auch wollen sie nicht, daß mctu anderswo Seligkeit und ewiges Leben suche, als in Gott. Ueberhanpt dürfte es schwer fallen, hier irgend eine einzelne Lehre zu finden, die nicht einzeln und oft in einer andern Beziehung sich bei Philo oder irgend einem andern geistvollen jüdischen Lehrer fände." Wenden wir uns nun einer an Fanatismus grenzenden Behauptung zu, die sich Professor Bogt in seiner Abhandlung: „Ottokar Lorenz über den Geschichtsunterricht" (Jahrbuch des Vereins für w. P., 26. Jahrgang, 1804) leistet. Professor Lorenz in Jena fordert nämlich, daß die Fachleute das Wisseusziel zu bestimmen haben, dagegen weist Bogt nach, daß Fachgelehrsamkeit ohne Rücksichtnahme auf Pädagogik in der Zielsetzung irre. Er bespricht u. A. auch die Frage, wie das Nationalgefühl befördert wird, und dabei heißt es wörtlich: „Ich sage übrigens Beförderung des Nationalgefühls durch die Geschichte, nicht Weckung desselben. Ware sie Quelle, dann müßten gar viele Tausende von Menschen, welche ohne Geschichtskenntniß sind, auch ohne Nationalgefühl sein. Sonst müßten auch die Juden ebenso gute deutsche, französische u. a. Patrioten sein, wie die Deutschen und Franzosen u. s. w., in deren Schulen sie die Geschichte kennen lernten, was doch nicht der Fall sein kann. Denn die Quelle des Patriotismus, welche seiner ersten Bedeutung nach s. v. a. Liebe zur Nation ist, ist gar nicht die Geschichte, sondern bei ackerbautreibenden Völkern das Heimathsgefühl, bei den Juden die Genieinde." Mit einer Kühnheit, die einer bessern Sache werth ist, wird es gewissermaßen als ein Axiom hingestellt, daß die Juden keinen Patriotismus besitzen. Wir sehen hier, wie der Vorsitzende des Vereins für wissenschaftliche Pädagogik sich bemüht, künstliche Gegensätze zu schaffen, daß er denen zuzuzählen ist, die „zwischen der tobten Vergangenheit und der lebendigen Gegenwart stehen, nicht um zu heilen, gleich dem jüdischen Propheten, sondern, um im Gegentheil das Weh des sozialen Kampfes noch grimmer zu machen." (Professor Huxley in der „Zukunft" Nr. 80 vom 7. April 1894, Seite 21). In Treue und Gehorsam, in Liebe zum König und Vaterland können die Juden ebenso gut wetteifern mit den Glaubensgenossen des Herrn Vogt, den Katholiken, wie mit den Protestanten. Mit den übrigen Söhnen des Vaterlandes haben die Inden auf allen Schlachtfeldern ihr Blut geopfert für die deutsche Nation, und in Friedenszeiten bethätigten sie nicht minder patriotische Begeisterung für die Wohlfahrt nationaler Einrichtungen, für die Blüthe deutscher Kunst und deutscher Wissenschaft. Doch ist es zweifelhaft, was Vogt unter deutsch-national versteht. Versteht er darunter, wie cs den Anschein hat, Haß gegen religiöse Gemeinschaften, gegen Glaubens¬ und Gewissensfreiheit, gegen Rechtschaffenheit und Sittlichkeit, nun, dann theilen wir seine deutsche Gesinnung nicht. Wie er denn überhaupt aus denn Studium der Geschichte, die doch uach Herbart die „Lehrmeisterin der Menschheit" sein soll, keine Gerechtigkeit gelernt hat, man merkt das an seinem blinden Borurtheil gegen die jüdische Konfession, au seiner Ungerechtigkeit gegen Andersdenkende. Ist sich denn der Prof. Vogt nicht bewußt, zu welchen Konsequenzen seine Anschauungen führen? Sie führen zur Vergewaltigung einer konfessionellen Minderheit, dahin, daß den Juden Bürger- und Menschenrechte, die ihnen noch gesetzlich verbrieft sind, entzogen werden. Wir protestireu mit aller Entschiedenheit dagegen, als ob die deutschen Juden Fremde, ohue Heimath und ohne Vaterland, wären. Diese Behauptung des katholischen Professors Vogt bewegt sich in derselben Wellenlinie mit der seines Glaubensgenossen Dr.Aug. Rohling: „Vandalismus und Protestantismus sind identische Begriffe." Zum Schluß können wir nur unser lebhaftes Bedauern aussprechen, daß ein Mann tute Vogt, dessen engherzige Gesinnung wir charakterisirt haben, an der Spitze des Vereins für wissenschaftliche Pädagogik steht, der einer spezifisch konfessionellen Tendenz nicht huldigen sollte. Maybanm's Predigten und Pchrifterülärnngen. Von Dr. L. Blumenthal, Rabbiner in Frankfurt a. O. 14. Ms den Mahbaum'schen Predigten ihren eigenartigen Reiz verleiht, das ist in erster Reihe die oft überraschend glückliche 5 Wahl unb Behandlung des Stoffes. Das ganze menschliche Leben mit seinen mannigfaltigen Beziehungen zur Religion und Sittlichkeit, das Familien- und Erlverbsleben, das Leben in Staat und Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst, dies Alles überschaut Maybamn mit kundigem Blick, um daraus immer neue Anregung für seine Predigt zu schöpfen. Er beobachtet die Erscheinungen der Gegenwart, er lauscht dem Pulsschlage der Zeit, um mit seiner Predigt klärend oder läuternd auf sie einwirken zu können. Dem Schriftknudigen ist es nun ungemein anziehend, zu sehen, wie leicht und sicher Maybamn aus einem Schriftworte (Text genannt) den Maßstab für die Beurtheilung des modernen Lebens gewinnt, lvie nicht blos die Formnlirung, sondern auch die Ausführung der Themata gleichsam organisch aus dein Schriftwort hervorwächst. Aber Maybauni spricht iiicht solvohl für die Schriftkundigeil als vielmehr für die ganze Gemeiiide, und darnrn sorgt er dafür, daß seine Predigt allen Hörern oder Lesern verständlich unb anziehend sei. Er behandelt selten theoretische Fragen, er vernieidet auch die Erörterung theologischer Streitpunkte, uub kommt er einmal ans solche Tinge zu sprechen, so thut er sie mit einer kurzen Wendung oder einem ansprechenden Gleichniß ab. Jiil klebrigen ist er durchaus positiv ilud praktisch. Er weiß, daß, was nicht „per Dil" gesagt ist, „penln" gesagt ist. Er zeigt ilicht das Ideal in nebelhafter Ferne, sondern stellt es in Einzelbildern von lebendigster Anschaulichkeit und frischester Ursprünglichkeit seinen Hörern oder Lesern konkret vor die Augen. So ist es ihnen kein Fremdes, Unbekanntes, sondern ein Selbsterlebkes, Selbstenipfnndenes, so bleibt cs in der

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