Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1895)
- Date
- 1895-01-25
- Page
- Seite 45 (sequence 9)
- Language
- German
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45 was Maybaum hier bietet. Joseph, ein idealer Charakter, durch haucht von dem Glauben an die Vorsehung Gottes, das ist der Grundgedanke der Einleitung. Nur ein unedler, ungläubiger Mensch kann den Charakter Joseph's verkennen. Und doch verkannten ihn seine Brüder, die ihn im Namen des todten Vaters für das ihm von ihnen angethane Unrecht um Verzeihung baten. Sie konnten glauben, Joseph werde jetzt auf Rache sinnen, konnten deshalb zu einer Nothlüge greifen! Joseph weint aus Kummer über die Verwüstung, welche die Sünde in dem Charakter der Brüder angerichtet, aber er verzeiht ihnen groß- und edelmüthig and) diese Verkennung seines Charakters, und die Berufung auf den todten Vater: „Fürchtet euch nicht! Bin ich denn an Gottes Statt? Und habt ihr so Böses wider mich ersonnen, so hat es doch Gott zum Guten gelenkt." Diese Antwort läßt zwar die Furcht vor Joseph aus dein Herzen der Brüder weichen, aber mächtig durchschauert sie jetzt die Furcht vor Gott, der die Handlungen der Menschen lenkt, aber ihre Absichten richtet. Erst unter dem erneuten herzlichen Zuspruch Joseph's gewinnen die Brüder die trostreiche Erkenntnis; von der versöhnenden Gnade Gottes. Wegen solchen Edelmuths ward Joseph nachmals der Liebling seines Stammes. Von den sechs Kasualreden, die Maybaum als Anhang darbietet, verdieilt die letzte: „Zur Eiiisegniliig der Konfirmanden", welche beit Priestersegen sehr ansprechend als Mahnung zum Streben nach dem höchsten Gut uiib zur Vermeidung der größesten Gefahren auslegt, besondere Erwähnung. Alles in Allem genommen, wird hier ein Predigtwerk dargeboten, das dem bücherkaufmden Pnblikunr warnt empfohlen werden kann. In die Bibliothek jüdischer Kanzelredner wird es seineil Weg von selbst siildeii und — Schule machen. m\ umimmv.il; MsMMs 1-1 1- I I FEUILLETON P P t£z;umninüdiii 4-1 — |-~ 1 E 1- —d Norurtherle. Novelle von Hermann Menkes. (Fortsetzung.) ls die Dämmerung dann eillbrach — ein kühler, duftiger Hauch strich durch das geöffnete Fenster herein, unb zartes Mondlicht ergoß sich über die Welt — saß ich mit Mama zusammen, und nach und nach hatten wir Worte zu finden begonnen für das, was uns bewegte. Ihre Stinime klang im Halbduiikel mit einer tiefen Innigkeit, ivie ich sie so in meiner frühen Jugend, wo das Leben Nils noch mit Märchen umschneite, von ihr gehört; sie hatte einen Klang wie nach langem, schmerzlichem Weinen, wenn das Weh in eine stille, klagende Melodie verhaucht. Und dazwischen ein Lächeln, ein gefühlvolles Lächeln, ganz diskret, wie ein Sonnenstrahl lächelt, während noch dicke Tropfen herniederfallen. So lächelt mir eine jüdische Frau. Sie hatte mir zuerst das tiefe Leid laiiger, grausanier Vereilisamnng geklagt, wo sie ein Lebeil sehilender Eriniierungeu gelebt. Und daß sie innerlich so gealtert sei. Sie hielt mich iinischlungen wie einft als Kind; ich schivieg Miiiuten lang: sie durfte die Thränen ilicht sehen, die sich mir entrungen. Und plötzlich — die Erinnerung an mein Mädchen tauchte in mir auf, daß ich erschauerte in Liebe — kam wieder der Geist früher Jugendzeit über mich ans geheimen, verstaubteil Tiefen nleiner Seele, und ich begann, Mama vorznträumen von der nahen, frohen Zukunft, die lms erlvartete, wenn ich erst mein holdes Weib hcimführen werde. „Wenn Du erst Deine Tochter kennen wirst, Mania! Wie viel Glück wird sie Dir bringen; sie ist so gut, wie Dil es nur sein kannst, — meine holde Märchenprinzessin, wie Du meine süße Mürchemnania bist." „Und irrst Du nicht, Kind?" Es lag etwas wie die Enttäuschung über eine unerfüllte Hoffnung in diesen Worten; ich hatte es herausgehört, obgleich sie nur kaum merkbar angedeutet war. „Mutter, wie kann treue Liebe irren?" „Du hast recht, Kind, aber verzeih der Mutter diese Worte, da ich andern Hoffnungen uachhing. Nun ist's ja gut, und ich sehe, daß Du Antonia nie geliebt hast." „Nie, jetzt weiß ich es." „Ja, aber wie schön hätte es werden können. Es hat nicht so sein sollen. Und vielleicht ist's zum Guten. Aber daß die arme Antonia so unglücklich werden mußte." „Antonia unglücklich, liebt sie ihren Verlobten nicht mehr? Oder ist ihr der Tod ihres Vaters so sehr zn Herzen gegangen, das; sie ihn nicht verwinden kann?" „Nein, nicht das, Kind. lieber den Tod eines Vaters, einer Mutter tröstet mau sich doch früher oder später, welch' großen Schmerz wir zuerst immer über ihren Verlust empfunden. Aber ich habe Dir ja nichts geschrieben darüber, weil ich die liefern Ursachen, warum sie auseinander gingen, nicht erfahren konnte. Wohl aber weißt Du, daß Antonia zuerst glücklich war in ihrer Liebe zu Dr. Heinrich von Lorenz, an den Du ja wohl Dich erinnern wirst. Alle ihre sehnlichsten Wünsche schienen in Erfüllung gegangen zu sein; sie war stolz, von einem Andersgläubigen, Vornehmen geliebt, ja vergöttert zn werden — sie, das „jüdische Mädchen". Es war mit* ein kleiner Schatten an ihrem Glück, daß ihr Vater mit ihrer Herzeilswahl llicht zufrieden war, weil er die Mischehen nicht billigle, die stets wenig glücklich waren. Ein halbes Jahr nach ihres Vaters Tode (wir hatten ihn Alle aufrichtig betrauert) sollte ihre Vermählung stattfindell. Wir hatten schon lange eine Veränderung ihres Wesens bemerkt, aber wir schrieben sie Dem großen Verlust zu, ben sie erlitten. Nun denke Dir meine Bestürzung zu, als ich erfuhr, daß sie einen Tag vor beni Vermählungstage Don einander gegangen sind — für immer. Was geschehen ist, ich wollte nicht in sie dringen, da sie so verschlossen ist und Alles in sich trägt. Aber die Arme verzehrt sich nun in hoffnungslosem Leid —, Du wirst sie kaum wieder erkennen." Ich mußte die ganze Nacht über an die Mittheilung der Mutter denken. Wieder — nach Jahren der Vergessellheit — taucht Antonia, das Mädchen von früher, vor meiner Phantasie ans und ihr seltsames Wesen. Sie, die ich zu kennen glaubte, erschien mir als Räthsel. Was mochte in ihr vorgegangen sein; es war gewiß ein harter, schwerer Kampf in ihr gewesen. Ich hatte sie nie zu den oberflächlichen Naturen gerechnet. Ich bräunte vor Begierde, sie wieder zu sehen. Ich dachte daran, wie so seltsam das moderne jüdische Weib ist in seiner Zusammensetzung aus verschiedenen psychischen Elementen, die sich einander bekämpfen. Es trügt in sich die ererbte Gefühlsweichheit der älteren Generation, dieFeiuheit seines sittlichen Empfindens — und doch, welch ein Abstand zwischen Jung und Alt! Diese: passive Naturen, die sich an den alten Schmerz so gewöhnt haben, dos; sie ihn als eine Art Lust empfinde!!, denn ein hartes Geschick gewöhnte sie, die ewig Verfolgten, geniieden zn sein — und sie hatten