Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1893)
- Date
- 1893-12-15
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Gestern Abend ist hier der Rabbiner des j Bethauses in der Schiffgasse, Salomon Spitzer, 69 Jahre alt, nach kurzem Leiden gestorben. Er hat durch vierzig Jahre in Wien als Rabbiner! gewirkt, war der Führer der orthodoxen Richtung in Wien und wegen! seiner Gelehrsamkeit vielfach geschätzt. Salomon Spitzer war ein! Schwiegersohn des berühmten Preßburger Oberrabbiners Moses Sofer und galt selber als eine talmudische Autorität; in seinen religiösen Anschauungen war er von unbeugsamer Ueberzeugung. In seinen letzten Lebensjahren trug er sich mit dem Gedanken, nach Palästina auszuwandern. Die Leiche wurde zur Beerdigung heute nach Preßburg überführt Die Straßenlaternen der Schiffgasse waren angezündet und vordem Trauerhause versammelte sich nahezu die gesammte orthodoxe Gemeinde. Nachdem der Schwiegersohn des Verblichenen, Rabbiner Kohn, dem Heimgegangenen Vater einen Nachruf hielt, ergriff das Wort Herr Oberrabbiner Kuttna aus Eisenstadt, ein Jugendfreund des Verstorbenen,! zu einer Gedenkrede, welche die dichtgedrängte Trauerversammlung tief! ergriffen hat Das Andenken des Heimgegangenen Gelehrten wird in! Ehren fortleben. — Am 20. d. M. werden es fünf Jahre, daß Herr! Georg Schönerer aus der Haft des Wiener Landesgerichtes entlassen! worden ist. Herr Georg Schönerer tritt damit wieder in den Vollbesitz! seiner bürgerlichen Rechte, die er durch fünf Jahre entbehrt hat, da das > Urtheil, welches am 5. Mai 1888 wegen des bekannten Ueberfalles in j einer Wiener Redaktion gegen ihn gefällt wurde, auch mit dem Verlust! des Reichsrathsabgeordnelen-Mandats und Verlust des aktiven und! passiven Wahlrechtes für die Dauer von fünf Jahren nach der Abbüßung j der Strafe verbunden war. Das Urtheil selbst hatte, wie noch erinnerlich j sein wird, auf vier Monate schweren Kerkers und Adelsverlust gelautet. j Von den Anhängern Schönerer's werden nun große Anstrengungen gej macht, um am 20. d. eine Kundgebung für ihren Führer zu Stande zu; bringen, allein sie haben in dieser Beziehung mit großen Schwierigkeiten! zu kämpfen. So wollten sie am Abend des 20. Dezember in den Sofien-! sälen ein Massenmeeting veranstalten, in dem Schönerer eine große Rede halten sollte, worauf eine Resolution für Schönerer zur Abstimmung und Annahme gelangt wäre. Allein die Polizei verbot diese Versammlung, j und nun beschränkten sich die Freunde Schönerer's darauf, in den einzelnen! antisemitischen Vereinen Wiens Propaganda dafür zu machen, daß i wenigstens diese Vereine jeder für sich den 20. Dezember feiere. Da aber bekanntlich bereits mehrere antisemitische Fraktionen gegen Schönerer Stellung genommen haben und ihn nicht mehr als Führer anerkennen wollen, so sind seine Freunde auch schon in zahlreichen Vereinen abgewiesen worden. Die Folge davon ist, daß seit Kurzem Herr Schönerer selbst die einzelnen Vereine aufsucht, um sie für eine Kundgebung zu gewinnen. So hielt, um ein Beispiel anzuführen, am Abend des letzten Freitag der „Deutsche Turnverein Landstraße" im kleinen Sofiensaal eine Unterhaltung und ein Tanzkränzchen ab, als um Mitternacht vordem Sosiensaalgebäude plötzlich zwei Wagen vorsuhren, denen Herr- Schönerer und acht Couleurstudenten entstiegen. Die Herren begaben sich in den Saal, wo man über ihr Erscheinen sehr erstaunt war, da sie nicht eingeladen worden waren. Das Präsidium des Vereins war sogarschon nach Hause gegangen; Herrn Schönerer genirte aber das nicht, er nahm ruhig Platz und begann sich mit seinen Nachbarn zu unterhalten. Dies war aber auch Alles, da der anwesende Regierungsvertreter eine Ueberschreitung des angemeldeten Programms, das ein Schauturnen und ein Tanzkränzchen, nicht aber auch eine Rede des Herrn Schönerer enthielt, nicht gestattete. — Aus Petersburg meldet man die großen Triumphe, die unser Landsmann Alfred Grünfeld da feiert. Da ist es denn interessant zu konstatiren, daß der berühmte Künstler nur durch die größten Anstrengungen hoher Persönlichkeiten und mit vieler Mühe einen Paß nach Rußland bekommen hat, während sein Bruder, der ihm die Geschäfte führte, trotz dieser hohen Protektion einen solchen Paß absolut nicht erhalten konnte! — Wie die Ritualmordmärchen entstehen, mag folgende Notiz aus Gaya in Mähren illustriren: Unter den beliebten Agitationsmitteln der jungtschechischen Partei muß als erstes „die antisemitische Hatz" bezeichnet werden, wiewohl die Anhänger des Hus und Prokop zu wiederholten Malen, zumal vor Wahlen, hoch und theuer geschworen haben, daß sie jeder konfessionellen Voreingenommenheit a priori fern stehen. Doch facta loquuntur! Erst verflossener Tage wurden die Häuser hiesiger deutscher christlicher und mosaischer Bürgerin der unfläthigsten Weise besudelt. Die Deutschen Gayas wissen, woher die Heldentbaten stammen, ja man nennt öffentlich die Namen, die mit diesen Bubenstücken in Verbindung stehen dürften, aber keiner will in das Wespennest stechen. Es gäbe da eine grande affaire! So reist z. B. ein Commis voyageur einer jungtschechischen Spiritusfirma aus Böhmen in der Slovakei herum und benützt die Gelegenheit, in Spirituosen zu arbeiten, auch dazu, um den Antisemitismus in dem Kundenkreis zu verbreiten. So erzählte der Herr dieser Tage als eine unumstößliche Wahrheit die Schaudermär, daß ein Rabbiner um 50 kr. und nachher um 2 fl. einem Kaminfeger Blut zu ritualen Zwecken abgezapft hätte, und zwar mit ad hoc vorbereiteten Instrumenten. Von einem hiesigen freisinnigen Bürger zur Rede gestellt, erklärte der Reisende, es würden demnächst „alle tschechischen Blätter über die Blutthat berichten". Die tschechischen Blätter brachten nichts, aber der Zweck ist erreicht. Im Volke wird das Ritualmordmärchen verbreitet. Die p. t. Behörden, die doch über die Bewohnerschaft von Stadt und Land sorgsam wachen, scheinen von derartigen Agitationen keine Kenntniß zu haben Und doch heißt es: „Das Auge des Gesetzes wacht." Unterlassungssünden können bekanntlich schwer gebüßt werden, Caveant consules! Rußland. F. Warschau, 7. Dezember. Wie man aus Libau berichtet, stachen Ende vergangenen Monats auf dem Schiff „Grol" 200 Emigranten in See. Die Zahl erscheint um so beträchtlicher, wenn man in Erwägung zieht, daß diese Jahreszeit zur Auswanderung gar nicht geeignet ist, und daß die meisten Emigranten im Frühling oder Sommer aus wandern. Die Emigranten wandern nicht alle nach den Vereinigten Staaten, einige von ihnen wollen nach London. Manchester, Leads und Glasgow, andere nachNew-Iork,Chicago,Montreal, Capestadt, Buenos-Ayres, Montevideo, Sydney re. Die Ursache, daß die direkte Einwanderung nach Nordamerika aufgehört hat, ist wohl in dem Umstand zu suchen, daß von dort keine guten Nachrichten hierher gelangen. — Die Chederangelegenheiten (hebräische Kinderschulen), welche hier gesetzlich geregelt worden sind, betreffs der Ausübung des Lehramts, sowie Verkürzung und Regelung der Lehrstunden, haben eine allgemeine Entrüstung in hiesigen Kreiselt hervorgerufen. Nur der Melammed (Lehrer) lacht sich ins Fäustchen. Nun aber scheint er erst zur Würdigung seines Standes gelangt zu zu sein. Die Lehrer (Melamdim) von Nordwestrußland haben soeben eine Petition an das Kultusministerium abgesandt, in welcher sie um die Erlaubniß bitten, in ihren Ch'dorim (Schulen) auch russisch unterrichten lassen zu dürfen. — Durchreisende Juden, welche in Petersburg einige Tage bleiben wollen, müssen sich diese Erlaubniß nicht mehr vom Bürgermeister, sondern vom Minister des Innern erwirken. - In Wilna theilte der Gouverneur dem Rabbiner Levi Hirsch Rabbinowitz mit, daß das Ministerium ihn erwählt habe, den Rabbiner-Bersauilulungen in Petersburg beizuwohnen, und überreichte ihm die Reisekosten. Türkei. Jerusalem, 18. November. Wie sich wohl Alle entsinnen werden, wurde zur Zeit des JudenflintenProzesses ein Zeuge vermißt, und hatte es den Anschein, als ob man eifrig bemüht wäre, denselben, wenn irgend möglich, dingfest zu machen, um die unglaubwürdigsten Dinge durch ihn beweisen zu wollen. Wohlweislich aber hatten die Häupter der antisemitischen Partei gewußt, ihn bei Zeiten bei Seite zu schaffen. Nun, ich kann Ihnen mittheilen, daß derselbe hier in Jaffa, Jerusalem, Chaifa und anderen Städten mehr sich während dieses Sommers aufhielt. Der betreffende Zeuge, Namens Meißner, der von der Behörde gesucht, nach Jaffa ohne jegliche Papiere kam, hatte bereits eine sogenannte Rundreise in Europa zurückgelegt, unterstützt von der antisemitischen Partei, bis er auch nach dem heiligen Laude kam, aus dem er nicht mehr zurückkehren sollte. Die näheren Umstände hierüber will ich Ihnen in Kurzem schildern. Ich persönlich habe häufig in Jaffa