Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1893)
- Date
- 1893-12-15
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 überaus großen Trauergefolge zur letzten Ruhe begleitet worden. Laut letztwilliger Bestimmung des Entschlafenen wurde Herr Rabbiner Dr. Münz aus Gleiwitz zur Abhaltung der Trauerfeier hierher berufen. W. Stettin, 10. Dezember. Wie in vielen anderen Gemeinden, so wird auch in der hiesigen dafür gesorgt, daß Chanukah Freude und Frohsinn in die Wohnungen der minder Begüterten einzieht. Edle Frauen sanimeln schon Wochen vorher zu diesem Zweck baare Gaben, die dann zum Weihefest vertheilt werden. Aber auch unsere Kleinen werden nicht vergessen, für diese sorgt in erster Reihe der schon seit 14 Jahren segensreich wirkende „Jsraelitische-Knaben-Verein". Welcher Liebe und wie großen Ansehens sich genannter Verein hier erfreut, das bewies die Feier, die am Montag den 4. d. Mts. stattfand Wenngleich dazu der größte Saal hiesiger Stadt genommen wurde, so reichte derselbe doch kaum aus, die Erschienenen — über 1000 Personen — zu fassen Nach echter, altjüdischer Sitte begann die Feier mit dem Altzünden der Chanukahlichter durch einen Knaben, und einen herzerhebenden Eindruck machte es, als durch dreißig Heine weißgelleidete Mädchen das uralte und doch immer neue und schöne „Moaus Zur" gesungen wurde Sodann folgte ein Prolog und eine längere Ansprache des Vorsitzenden, die in einem Dank an den Begründer des Vereins und dessen zeitiges Ehrenmitglied Herrn Kantor Sarasohn Ansdruck fand für dessen unermüdliche und nie rastende Thätigkeit, die er dem Verein seit seinem Bestehen angedeihen läßt. Die Festrede des Abends hielt Herr Sarasohn, er sprach über die Bedeutung des Chanukahfestes. — Nun erst trat der heitere Theil in seine Rechte: vorzüglich einstudirt wurde vorgetragen „die Schlittenpartie", welche vielen Beifall fand, ebenso die weiteren Gesänge und auch zum Schluß ein Theaterstück. y. Hamburg, 11. Dezember. Die Korrespondenz aus Hamburg in der letzten Nummer der Z. d. I. strotzt von Unrichtigkeiten, die sich vielleicht nur dadurch erklären, wenn auch nicht entschuldigen lassen, daß Ihr Berichterstatter mit den Hamburger Verhältnissen wohl unvertraut ist. Es ist durchaus falsch, zu behaupten, daß unsere Stadt vom Antisemitismus durchseucht sei. Wenn auch bei der letzten Reichstagswahl die Stimmen der Antisemiten erheblich gewachsen sind, so ist doch ein beträchtlicher Theil derselben auf die Zünftlerpartei zurückznsühren, deren Programm die Antisemiten zu vertreten versprachen. Keine der hiesigen politischen Zeitungen ist antisemitisch gesinnt, und die einzige Thatsache, daß noch in diesem Jahre ein Jude, Herr Siegmund Hinrichsen, zum Präsidenten der Bürgerschaft gewählt wurde, beweist, wie unbegründet jene Behauptung ist. Aus der falschen Voraussetzung ergiebt sich die noch falschere, oder vielmehr noch ungeheuerlichere Folgerung, daß „den nichtjüdische Schulanstalten besuchenden Kindern jüdischer Eltern nicht mehr gestattet wurde, die Sabbathfeier zu beobachten". Von den 57 höheren Mädchenschulen, die es hier giebt, sind es vielleicht 3 oder 4, die den jüdischen Schülerinnen in der erwähnten Hinsicht Schwierigkeiten bereiten; aber die andern und die Knabenschulen? Wie kann man solche Behauptungen in die Welt senden! Und warum verschweigt der Berichterstatter, daß es hier schon eine in jeder Beziehung vorzüglich geleitete israelitische Töchterschule giebt, deren Ziele nicht weit von denen der höheren Töchterschule liegen? Außerdem sind aber noch mehrere höhere Mädchenschulen mit Orte, die unter fachkundiger jüdischer Leitung stehen und selbstverständlich auch der religiösen Erziehung gebührende Rücksicht schenken, wenn sie auch nicht das besondere Glück haben, von einem Oberrabbiner b aufsichtigt oder von einem Realschuldirektor, der einer Schule von EW» Knaben vorsteht, so nebenbei mitgeleitet zu werden. Die Gründung d.r neuen orthodoxen Töchterschule hat mit dem Antisemitismus a'.f christlicher Seite nicht das Geringste zu thun. Wie weit nun das Bedürfnis für eine solche Schule hier vorhanden ist, mag aus der Thatsache hervorgehen, daß trotz eifrigster Agitation, trotz der Werbung von der Kanzel herab sich bei der Eröffnung der Schule ganze 7 Kinder einfanden, von denen 1-2 freiwillig kamen, die übrigen aber durch seltsame Mittel aus anderen Schulen berangeschleppt wurden. Nachdem der Oberrabbiner jedoch in seiner letzten Predigt erklärt haben soll, daß derjenige, der sich der Erkenntniß verschließt, daß die neue israelitische Töchterschule ein dringendes Bedürfniß sei, vergeblich Chanukalichter angezündet habe — wird sich nun hoffentlich das Bedürsniß steigern; denn wer möchte wohl vergeblich Chanukalichter anzünden? Wenn nun der Herr Berichterstatter glaubt, daß eine Schule, die ihre Wirksamkeit auf solche Art beginnt, vor Allem dazu berufen sei, „für die Hoheit und Reinheit des jüdischen Lebens zu begeistern", so muß er ei» eigenthümliche Auffassung vom jüdischen Leben haben; wenn er ab» kühnlich behauptet, daß sich die neue orthodoxe Schule der Sympach» aller Kreise erfreue, so unterschätzt er den gesunden Sinn der Hambu g» A Hannover, 10. Dezember. Herr Seminardirektor, Rablu» Dr. Th. Kroner hat einen ehrenvollen Ruf als Kirchenrath und eff» Rabbiner nach Stuttgart erhalten, dem er zum größten Bedauern sein» Schüler und zahlreichen Freunde Folge leisten wird. I 0 Wickrath, 3. Dezember. Eine Gemeinderathssitzung iu d» jüngsten Tagen hat gezeigt, daß unser Ort Gott sei Dank von d» Schmach des Jahrhunderts" verschont geblieben ist. Ter israelil s» Religiouslehrer Weinberg richtete an den Gemeinderath ein Gesuch M Gewährung eines Zuschusses für den von ihm zu ertheilenden Neligi M unterricht, da der Gemeinderath ohne Zweifel ein Interesse daran (nbl daß auch die israelitische Jugend einen geregelten Neligionsunteru« erhalte, die jüdische Gemeinde aber nicht im Stande sei, sein Ge ml gleich demjenigen seiner christlichen Kollegen zu normiren. Dieses Ge u» wurde einstinimig angenommen, Herrn Weinberg eine jährliche ZuuM von 150 Mark bewilligt. Die Aufsichtsbehörde hat den Beschluß der itl genehmigt und ist die Steuerkasse zur Auszahlung vom 1 Oktober b | au angewiesen. Vielleicht veranlassen diese Zeiten manchen Kolle o» zur Unternehmung eines ähnlichen Schrittes, dem wir dann einen gl iJ guten Erfolg wünschen. I Aus Baden, 9. Dezember. Zur Vorfeier des auf den 2. Dezew el fall enden Geburtstages des in Baden-Baden ansässigen K.mponi?» Jacques Rosenhain veranstaltete das dortige Kurkomitee im gro?il Saale des Konversationshauses ein Festkonzert, in welchem unter I ungewöhnlich regen Antheiluahme des Publikums, das dem greiel Künstler große Ovationen bereitete, verschiedene Hauptwerke desselben ul Aufführung kamen. I. Rosenhain ist am 2. Dezember 1813 in Mannlff ul geboren und wurde durch die Gunst des Fürsten Karl Egon i J Fürstenberg bei Kalliwoda und später bei Schnöder in Frankfurt rd Pianist und Komponist ausgebildet. Nach Konzertreisen in Deutsche d und einem Besuch in London, wo er durch sein herrliches Klaviers; I hohe und höchste "Anerkennung fand, siedelte er zu dauerndem Aufentlp J nach Paris über, welches dazumal den Mittelpunkt musikalischen Lebed bildete. Hier schloß der junge Rosenhain innige Freundschaft t. tJ Cherubim und Rossini. Das Jahr l870 nöthigte den Künstler, Pcn s zu verlassen, und er ließ sich nun dauernd in dem schönen Baden-Bad n nieder, wo sein geuiüthliches Heim den Sammelpunkt hervorragendr Künstler und Gelehrter bildete. Einer der prachtvollen Lorbeerkrän e, die der Ehrenabend dem Jubilar brachte, war von der Prinzess n A v. Fürsteuberg gespendet, die sich ebenfalls unter den Anwesend n' befand. — Daß der Antisemitismus hauptsächlich die Frucht der blass a Neider ist, ist eine bekannte Thatsache. In Konstanz, wo er sich mr noch verschämt hin und wieder seit einiger Zeit regt, macht er sich ger c vor der Weihnachtssaison bemerkbar. Waren das letzte Jahr d e warnenden Flugzettel, „Nichts bei den Juden zu kaufen", auf einm ff unversehens in den Häusern untergebracht, ohne daß man wußte, woh-r sie kamen, wer die Menschheit retten wollte, so besorgten dieses Jalr diesen edlen Dienst die katholischen „Konstanzer Nachrichten". Nalürli n verwahrte sich das Blatt für Wahrheit, Freiheit und Recht dagegen ai f einen dem gegenüber erhobenen Protest, die Absicht gehabt zu haben, d e hiesigen jüdischen Geschäftsleute zu schädigen. — Sehr bemerkenswert sind einige Mittheilungen der „Badischen Korrespondenz" auf Grm d statistischen Materials. Danach hat im Großherzogthum Badei die Zahl der liegenschastlichen Zwangsveräußerungen im Iah .' 1891 zwar zugenommen, ist aber doch ganz bedeutend hinter dem Stand? der Erhebungsjahre 1882,84 zurückgeblieben. Die Zwangsveräußeruu ist auch im Jahre 1891 am häufigsten durch eigene Verschuldung herbeigeführt worden. Die wenigsten Zwangsverkäufe seien de Schuld dritter Personen: UebervortHeilung, Ausbeutung re., zuzuschreiben. Wucher sei in keinem Falle als Ursache de Zwang s Verkaufes angegeben worden. Die Zunahme der Zwange Versteigerungen hat aber auch namentlich den Grundbesitz der Gewerbe und Handeltreibenden, in weit geringerem Maße denjenigen de? Landwirthe betroffen. Besonders die reinen Gebäude'verkäufe haben eine ganz erhebliche Vermehrung, gegen das Vorjahr um 141 Fälle erfahren. Hieran ist der Hausbesitz in den Städten mit mehr als