Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1893)
- Date
- 1893-12-15
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 geschäftlich zu thun, und so kam es, daß ich auch die Bekanntschaft des oben erwähnten Zeugen M. machte, der sich z. Z. in Jaffa aufhielt, Derfelbe machte auf mich vom ersten Augenblick an einen bemitleidend werthen Eindruck. Er sprach zu Anfang wenig, war menschenscheu und setzte sich stets abseits, was sofort einiges Befremden in mir erregen mußte. Kurzum, ich entschloß mich, die Bekanntschaft des Mannes zu machen, der auch gesundheitlich furchtbar herunter gekommen schien. Ein furchtbarer Husten plagte ihn, so daß ich zuerst diesem jenes sonderbare Benehmen zuschrieb. Nachdem ich mit demselben längere Zeit gesprochen, erklärte er mir, wer er wäre, ohne vielleicht dadurch zu befürchten, daß ich ihn an die Behörde verrathen könnte Aber wie gesagt, der Mann that mir leid. Furchtbar war es mir, aus seinem eigenen Munde zu vernehmen, wie er auf die Bahn gelangt war; das Gewissen ließ ihm keine Nutze, so daß er stets Ahlwardt als dem Urheber seines Unglücks fluchte, der nur allein ihm seinen Frieden geraubt hätte. Oester mußte ich von seinen Lippen die Worte hören-. „Ach, wenn es doch erst vorüber wäre!" Und die Zeit war nahe Plötzlich verschwand er und kam nicht wieder. Man durchsuchte die Umgegend, ohne eine Spur des Vermißten zu finden. Nach ungefähr zwei Wochen kam ein Polizist vom türkischen Serail auf die deutsche Kolonie und ersuchte einen meiner Bekannten, ihm nach dem Gerichtsgebäude zu folgen. Und siehe, dort wurden ihm einige Sachen des Vermißten vorgelegt, die er getragen. Sofort wußte der Betreffende, sich den Vorfall zu erklären; denn diese Gegenstände bargen schon in sich den modrigen Verwesungsgeruch. Er mußte konstatircn, daß es dieselben waren, die Meißner stets zu tragen pflegte. Nachdem dies geschehen, erklärte ihm der Kaimakan (das ist der Polizeioberst), daß der Eigenthümer dieser Sachen bereits begraben sei. Ein Gendarm wäre, durch den pestialischen Geruch aufmerksam gemacht, ca. % Stunde von Jaffa entfernt, etwas abseits von dem Wege, der nach Chaifa führt, der Richtung gefolgt, aus der dieser kam und hätte dort, es ist schrecklich niederzuschreiben, diesen Mann, zerrissen von Hyänen, tobt aufgefunden. — So endete das Lied, das gewiß sein Echo haben wird. M. U. Amerika. M. New - Aork, 28. November. In einer jüngst abgehaltenen Sitzung der vereinigten Rabbiner New - Jorks entwickelte Herr Dr. H. Mendes ein Programm der Thätigkeit des Vereins, wie er es sich zurechtgelegt hatte Diesem Plane zufolge hätte sich die Gesellschaft mit der Beschaffung eines Grundkapitals zur Besoldung eines Seelsorgers, dem die Religionsversorgung der in den Strafanstalten sich befindenden Inden obliegen soll, zu befassen, ferner für die Weckung des Glaubens in der Gemeinde, die Verbesserung der Religiousschulen, für die Agitation gegen die immer mehr um sich greifende Sabbathentweihung, die Verbesserung der Lage der Juden im unteren Stadttheil, ferner für Bekämpfung des Skeptizismus und des Unglaubens, für Abweisung und Entgegenarbeiten den Bekehrungsversuchen professioneller Missionäre zu wirken. Ein zwar äußerst vielsagendes Programm, das jedoch leider an einem „Zuviel" leidet. Wenn die Rabbiner ihre ganze Wirksamkeit auf die Eutfachung des religiösen Funkens in den Herzen ihrer Gemeindemitglieder konzentriren würden, würden sie, wenn sie bedeutende Erfolge erzielen, viel geleistet haben. Wo der Religionsgedanke lebendig ist, läßt sich ja viel erreichen. Die religiösen Anstalten werden dann freigebig unterstützt werden, und was noch von größerer Bedeutung ist, die Wohllhätigkeitsinstitute werden mehr dotirt und mit ausreichenden Mitteln versehen. Täglich treten neue Anstalten ins Leben, welche sich an den Mildthätigkeitssiun der jüdischen Glaubensgenossen wenden. Leider ist es aber nur eine verschwindend kleine Minorität, welche sich an den wohlthätigen Liebeswerken betheiligt, und diese Wenigen geizen wirklich nicht mit ihren Beiträgen. Aber ein großer Theil thut im Verhältniß zu seinem Besitz nur sehr wenig, itub in den Herzen dieser Leute das Mitleidsgefühl wachzurufen, dürfte gerade in der Jetztzeit als das verdienstvollste Werk der jüdischen Seelsorger anzusehen sein. * New 4)ork, 24. November. Unter großer Theiluahme der Patrone und Mitglieder des M ont efiore-H ei ins für chronische Invaliden fand Anfangs der Woche die Jahresversammlung dieser wohlthätigen Gesellschaft in dem prächtig gelegenen Heim, Ecke 138. Str. und Grand Boulevard, statt. Unter den Anwesenden befanden sich die Herren L. G. Bloomingdale, S. H. Eckmann, I. Eppinger, Raphael Ettinger, Levi, Präsident der Vereinigten Hebräischen Wohlthätigkeitsvereine, Louis Gans. H. S. Hermann, Marcus Kohner, V. H. Rothschild, Julius I. Lyons A. S. Salomons, L. Wallach, Jonas Weil, Henri Rice, Jesse Seeligman u. A. Präsident Jakob H. Schiff legte seinen Jahresbericht vor, in welchem er zunächst erwähnte, daß eine Vergrößerung der Anstalt nölhig geworden sei und man daher ein Grundstück hinter dem jetzigen Gebäude gekauft und mit dem Bau eines neuen Flügels begonnen habe. Nach dessen Vollendung werde die Anstalt die größte ihrer Art in den Vereinigten Staaten sein und Raun: für 300 Insassen haben. Weiter geht aus dem Bericht hervor, daß während des Jahres 148 Personen ausgenommen, 04 entlassen wurden und 82 starben Es befinden sich jetzt 167 Patienten in der Anstalt, 94 männlichen und 73 weiblichen Geschlechts. Der neugewählte Vorstand besteht aus den Herren Jacob H. Schiff, Isaak Brandon, Levi Bamberger, S. M. Lehmann, Henry Heß, Leonard Levison, B. I. Ludwig und Andrew Saks. Von Nah und Fern. Wegen Beleidigung des Reichskanzlers Grafen C a p r i v i ist gegen den antisemitischen Druckereibesitzer F. W. Glöß in Leipzig, den antisemitischen Verlagsbuchhändler G. Dewald in Berlin, Krausenstr. 49, gegen den Buchhändler P. H. Struppe zu Charlottenburg und gegen den Buchhändler C. Winkler in Charlottenburg öffentliche Anklage erhoben worden. Die strafbare Handlung wird von der Anklagebehörde in der Verbreitung und Veröffentlichung des antisemitischen „Politischen Bilderbogens Nr. 3: Bismarck in Berlin" erblickt. Die Hauptverhandlung ist auf den 18. Dezember d. I. vor der ersten Strafkammer des königlichen Landgerichts I zu Berlin angesetzt. — Um Berufung eines Ausschusses von nichtjüdischen Sachverständigen zur Untersuchung der rabb inischen Gesetzbücher des Judenthums petitioniren der Privatier Dreyhaupt in Weißenfels und Genossen beim Reichstage. Wer lacht da? — Eine vom Hamburger Senat nach Spandau entsandte Kommission nahm unter Führung von Vertretern des Reichs-Gesundheits-Amtes und der Staats- Eisenbahn-Verwaltung die für die Zwecke des Transportes jüdischrussischer Auswanderer in Ruhleben bei Spandau errrichteten Baracken und Desinfektions-Anlagen in Augenschein. Die Besichtigung dürfte mit der beabsichtigten Aufhebung der Sperre Hamburgs gegen den Durchzug russischer Auswanderer in Verbindung stehen. — Am 29. v. M. feierte das Jacob Gärtnerische Ehepaar aus Jülich das Fest seiner goldenen Hochzeit; in Anwesenheit der Stadlvertretung, der Mitglieder der jüdischen Gemeinde und einer großen Anzahl Familienangehöriger wurde das Jubelpaar in der Synagoge von Herrn Lehrer Dublon aus Düren eingesegnet. — In Osterode (Ostpr.) stehen jetzt achtzig jüdische Soldaten in Garnison; allmonatlich wird am Sabbath- Nachmittag ein jüdischer Militärgottesdienst abgehalten werden. — In Wien werden beim Gottesdienst am Freitag Abend neben Sulzerschen Gesängen auch jene von Lewandowski nunmehr zum Vortrage gelangen. — Die Akademie von Paris hat in ihrer feierlichen Sitzung vom 16. November den Monthyon-Preis dem Herrn Ferdinand Dreyfuß für sein Werk über Internationale Schiedsgerichte und einen weiteren Preis dem Kommandanten Weill für sein Werk über den Feldzug 1815 zuerkannt. Der Preis von 2000 Frcs. für das beste Werk über den Dichter Boursault wurde Herrn Josef Hermann zugewiesen. — Alphonse Li pp mann, Gouverneur im Kongo-Gebiete, starb im Atter von 42 Jahren. Er stand seit dem Jahre 1877 im Dienste der französischen Kolonialregierung. — Der Chef der Firma Josef Leja, Herr Simon Sachs in Stockholm, ein geborener Deutscher, ist zum türkischen Generalkonsul ernannt worden. — Am 20. v. Mts. fand die erste Sitzung der Rabbiner- Kommission in Petersburg statt. Letztere besteht aus folgenden sieben Mitgliedern: Rabbiner Rabinowitz-Wilna, Rabbiner Mohilewer- Bialystock, Rabbiner Hillel Melikowski-Metislaw (Gouv. Mohilew), Rabbiner K ottlowker-Kischinew, Rechtsanwalt Barraz-Kiew, Simch owitz-Minsk und Gottesmann-Shitomir. Zum Vorsitzenden wurde Herr Rabbiner Rabinowitz vom Minister ernannt. Derselbe eröffnete die erste der Sitzungen, welche im Ministerium, stattfinden mit einer russischen Ansprache. Welche Fragen der Rabbiner-Kommission zur Besprechung der Verhandlung vorgelegt wurden, ist noch nicht bekannt. Druck und Verlag von Rudolf Mo Ne in Berlm Verantwortlich für dre Redaktion- MarBaucbwitz in Berlin