Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-15 · Heft 50 (15.12.1893) · p. Seite 592

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 50 (15.12.1893)
Date
1893-12-15
Page
Seite 592 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228037--50430-3272043
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

592 erscheint, desto größer, dächte ich wieder, ist unser Verdienst. Wenn wir die Leute in die Tempel und Gotteshäuser hi ne in gepredigt haben, und die Andern sie, trotz allen Vorbildern und Vorübungen, hinauspredigen, so giebt das über die Theorie der Kunst Manches zu bedenken, worauf ich hier freilich nicht eingehen kann und will. Daß die Zeit seitdem unendlich fortgeschritten, ist gewiß und sicher; denn die damals die Geächteten waren, sind jetzt die Geachteten und Gefeierten. Wir wollen uns dessen nicht rühmen, rUTH ’H Und ihm wollen wir den weiteren Gang und Lauf der Zeiten und die Leitung und Führung der Geister anheimgeben und vertrauen. Er wird 'Alles zum Guten lenken, und zur Klarheit bringen, was uns dunkel und verworren scheint. Es sind die — HTP die noch nicht Überstunden sind; rQ'Ipl D^:-n gilt von unserer Zeit mehr als von jeder andern, auch wir müssen uns ein Weilchen noch gedulden, bis daß wir sehen, wo das hinauswill. Genug, wir sind von beiden Seiten zum Bewußtsein gekommen, haben unsere starken und schwachen Seiten kennen gelernt, und können nicht mehr wie ehedem Eines das Andere negiren oder ignoriren. Es ist zwischen alter und neuer Zeit eine Vermittelung eingetreten, die nur heilsam wirken kann, wenn sie sich als das Vermittelnde erkennt, und nicht in willenloser Unmündigkeit einer der Parthepen und ihren Zwecken sich hingiebt. Ö"TI hat erst heutzutage seine Bedeutung gefunden." Noch bedeutungsvoller vielleicht ist das Schreiben des spateren Seminardirektors Z. Frankel. Es lautet: Ich komme, durch Umstände verhindert, etwas spät mit meinem Glückwunsch zu Ihrem fünfundzwanzigjährigen Jubiläum; aber meine Gefühle und Wünsche für Sie sind nichtsdestoweniger die innigsten liebevollsten, so wie ich Ihnen zugleich die aufrichtigste Anerkennung Ihrer trefflichen Bestrebungen zolle. Es hat das Ziel, nach welchem Sie so mannhaft und beharrlich durch viele Jahre rangen, sich verwirklicht, und wenn Feinde und Neider Ihr Verdienst und Ihr Streben zu verringern suchten. Sie trugen ein großes Bewußtsein in sich pHtW IW Es gereicht mir zur wahren Befriedigung, daß ich schon in sehr früher Zeit Sie nach Ihrem Wirken würdigte und Sie in meinem Innern verehrte, ehe wir noch in nähere Berührung zusammentraten; ich sprach dieses Bekenntnis; auch offen aus, als Umstände mich in scheinbaren Konflikt mit Ihnen brachten: da war es, glauben Sie mir, nicht eine (mpllckio benevolentiae. sondern die aufrichtigste, wahrhafte Sprache; und daß jene trübe Epoche nun vorüber ist, und wir uns freundschaftlich die Hände reichen, ist mir ein erquickender Gedanke. Und wie könnt' es auch anders sein! Sie sind ein redlicher frommer Arbeiter, und es ist Ihr Bestreben, bbliß -ip^ JTSWS und Sie haben unter dem Segen des wahrhaften Gottes gewirkt: PIDfctt ybü N2N DItSK' Vor 25 Jahren, da war es nahe daran an einer Verketzerung, wurde das deutsche Wort in der Synagoge für Sünde gehalten: jetzt dürfen Sie sich als den Kern eines nach unzähligen Radien sich verbreitenden Lichtes ansehen. Sie haben angeregt zur deutschen Predigt, nicht durch das Beispiel der Predigt nur, sondern durch deren Inhalt, durch die trefflichen gediegenen gedruckten Predigten, die allgemein die herzlichste 'Aufnahme fanden.... Sie waren nicht Prediger am Hamburger Tempel, sondern lehrten selbst über Deutschlands Grenzen noch weit hinaus, und wahrlich: jltW Cypp^ ""[PKW* Wenn ich Ihnen noch langes segensreiches Wirken wünsche, so geschieht es im Interesse Israels nicht minder als in dem Ihrigen. Die Zeiten sind trübe, es droht eine trostlose Zerfahrenheit, es bedarf der große;; Aushilfe, und fast unterliegt es keinem Zweifel, daß eine Krisis sich vorbereite: ppp nZIlfcn •’TkT’K; den Muth darf man nicht fahren lassen, und was unsere Väter getröstet, die Verheißung ’IDI auch wir wollen daran halten. Die Basisistunerschütterlich, und auch das Gebäude wird in seinem Innern nie, nie ganz zusammenstürzen; es wird durch fromme Wahrer und Pfleger erhalten werden '?Hp£n "]T)Ein bv* und zu diesen gehören unstreitig Sie: die Grundlage eines positiven, auf historische Entwicklung sich stützenden Judenthums helfen Sie mit aufrecht halten, und dafür kommt Ihnen der wärmste Dank jedes am Judenthum Haftenden, und dafür wird der Segen Gottes auf Ihnen ruhen und Sie lange zum Wohle Israels erhalten." A. Geiger schreibt in blühenden; Stile über „Die jüdische Predigt": „Geweckt von dem Wesen einer jungen, lebensfrischen Zeit, brach die lange schlummernde Blüthe an dem alten, kräftigen, zweigereichen Stamme hervor und reifte heran zur schönen Frucht. Der tiefe Geist des Judenthums, wie er sich entfaltet in der Fülle der Lebensbeziehungen, wie er sich verkörpert in ahnungsvollen Zeichen und Sinnbildern, wie er das Gemüth durchweht mit heiligen Schauern, er hat das Wort, das innige, aus dem innersten Quelle des Herzens strömende, die Herzensbahnen befruchtende, gefunden in der jüdischen Predigt. Sie standen an dieses Wortes Geburtsstätte u s. w." Bemerkenswert!) ist die Anerkennung Jellinek's, des klassischen j Meisters der Kanzelberedtsamkeit, der der jüdischen Predigt neue! selbstständigere Bahnen gewiesen: „Der Jünger, der des Wortes j Meister rühmen will, vergebens sucht nach Worten er und — | schweiget still." | Auch Michael Sachs, damals noch in Prag, rühmt seinen! Meister:! „Es ist mir eine wahre Freude, Ihnen, verehrter Mann, zu dem heutigen Tage den Ausdruck inniger Hochachtung und die herzlichsten Wünsche für die Zukunft darzubringen. Mit Dank und Befriedigung schaaren wir uns um die, denen zuerst die Sendung geworden, — und die sie in ihrer hohen Bedeutung begriffen — als Herolde des im Juden - thume in ungeschwächter Kraft waltenden Geistes aufzutreten, und den j an seiner Macht Verzweifelten im Innern Israels, sowie dem höhnenden j Feinde von außen, — dem Einen den Muth zu verjüngen — dem Andern! ihn zu benehmen, — die Jüngeren und die Jünger um die Aelteren und! die Meister. Und wenn wir, die wir uns erst rüsten und gürten, dem! bewährten Kämpfer, der für Licht und Wahrheit so siegreich eingestanden,! verehrungsvoll nahen, so ist das ein Zeugniß, daß der Gegenwart, der! leichtvergeßlichen, der in ihrer Eil und Hast sich überstürzenden, die! Pietät und das Gedächtniß nicht ausgegangen, und daß die so vielfach! verworrene, in Widersprüchen und Gegensätzen verwickelte, sich da einigt! und saunnelt, wo es ein edles Streben und Leisten zu erkennen und zu j würdigen gilt."! In einem schönen Gedicht huldigt der dichterisch weitaus begabteste unter den deutschen Rabbinern, Leopold Stein aus Frankfurt, dem befreundeten Jubilar. Die drei letzten Strophen lallten: „Wenn nach fünfundzwanzig Jahren Gott dies Fest Dir froh erneut, — Stünden unsre Brüderschaaren Dann im Kampf doch nicht wie heut!! Mög' der Frieden seine Palmen Ueber uns dann breiten aus,! Und die Frucht von Segenshalmen! Kommen mit Gesang ins Haus!! Laß den Blick uns froh erheben Ueber Jahr' und Säkula! Vollen Sieg wird Gott uns geben, Und sein Frieden kommt uns nah. Alle Bande werden springen. Die noch fesseln Leib und Geist, Welcher Jubel wird erklingen, j Wenn die letzte Kette reißt! Und auch uns wird frei dann schauen, Deutschland, dein Befreiungstag, j Wann auf aller: Erdengauen j Gott getilgt hat unsre Schmach.- : Nennt, o Freund, man dann die Helden, - Die gekämpft für Licht und Recht, Wird auch Deinen Namen melden; Laut ein glückliches Geschlecht." j Zum Schlüsse noch aus dem reichen Kranze, den zarte Frauen, Verehrerinnen des gemüthvollen Predigers, ihm dargebracht, eine liebliche Blüthe, deren Dufthauch die ganze Jean Paul-Schwärmerei jener Zeit athmet. Bertha Beer geb. Bondi aus Dresden schreibt:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.