Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1893)
- Date
- 1893-12-15
- Page
- Seite 591 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3228037--50429-3272042- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
591 irgendwie gegen die Gesetze des Staates vergehen, sei ihre Bestrafung zu fordern, ii» Uebrigen aber müßte die Kirche ihre Angelegenheiten so ordnen, wie sie cs für recht und uothwendig hielte. Niemand habe das Recht, da bestimmte Wege zu zeigen, in das Glaubensleben sich einzudrängen, und seine Meinung als Richtschnur für Andere hinzustellen. Würden bestehende Gesetze verletzt, so strafe man die Uebelthiiter, sonst freie Bahn! — Wir haben vom jüdischen Standpunkt dem nichts hinzuznfügen. Wir wünschten nur, die gleichen Anschauungen auch uns gegenüber bethätigt zu sehen. Wir wünschen selbst nichts Anderes, als in die scharfe Beleuchtung des Gesetzes gerückt zu werden. Was in unsere« Religionsansichten und Quellen gegen das Recht ist, soll angegriffen, wer gegen das Gesetz sich vergeht, soll bestraft, das Unrecht soll geahndet werden, sonst aber Freiheit für unser Glaubensleben. Wir dürfen hoffen, daß die Anschauung, die in der vollen Oeffentlichkeit von den Führern des Centrunis so klar und unzweideutig vertreten wurde, auch für andere religiöse Verbände Geltung behalten wird. Wir dürfen hoffen, daß die Männer, die das Recht und die Freiheit für sich forderten, sie auch Anderen ebenso rückhaltlos gewähren wollen, rmd daß die Angriffe auf die Freiheit der Religionsübung, die von gewissen Dunkelmännern heute stärker als je unternommen werden, in ihrer Partei keinen Rückhalt finden. Zur Sicherung des konfessionellen Friedens würde dies sehr viel beitragen. U Ein historisches Album. (Zu seinem fünfzigjährigen Jubiläum.) Von Dr. C. Seligmann in Hamburg. Ein Album von anno 1843! Mit dem behaglichen Duft und der Zierlichkeit, ganz wie aus der Zeit, als Großvater die Großmutter nahm. Ein dicker Quartband, außen rother Sammet unb prächtige Goldstickerei, innen goldumrahmte Blättchen, Bildchen und Vignetten, Arabesken und gemalte Blumen, ja sogar eine echte gepreßte „Rose von Jean Pauls Grab, von Freundeshand gepflückt". Die Schriftzüge. mit fremdem Gesicht uns anschauend, gerundeter, charaktervoller wie hellte; das kam von der weichen, schmiegsamen Gänsekielfeder, die sich Jeder noch selber zurechtschnitt. Das „stählerne" Zeitalter war llvch nicht gekommen. Das Album entstand auf Anregung und durch die Bemühung feinsinniger Damell, die es dem Hamburger Tempelprediger Dr. Gotthold Salomoll 31t seinem 25jährigen Amtsjubiläum überreichteil, in dessen Familie es noch heute als kostbares Erbstück mit vieler Pietät aufbewahrt wird. Es ist eille Galerie von zeitgellössischen Berühmtheiten. Hulldert klangvolle Namen haben sich darin mit zum Theil hoch illteressanteli Eintragungen verewigt. Den Reigen eröffnet der evangelische Bischof unb berühmte Kanzelreduer Dräseke. Seill Deilkwort ist eine Miniaturpredigt zu dem Text „Siehe da! Ein rechter Israelit, in welchem kein Falsch ist"! Er sagt unter Anderem: „Nur wenn wir Menschenkinder alle erst einmal nichts mehr als rechte Israeliten im wahresten Sinn, das heißt: „Gotteskinder" sepn und hierinn das Eine, was Noth thut, finden wollten, würden wir als Familienglieder, als Vaterlandsbürger, als Kirchengenossen in rechter Einfalt erwachsen zu der rechten Einheit, die mit philosophischem Scharfsinn und dogmatischem Eigensinn vergebens gesucht wird. Das ist gewißlich wahr." Auf den ersten Blättern prangt auch — seltsam — der Name des aus den Emanzipationskämpfen der dreißiger Jahre Mannten Professors H. E. G. Paulus. Er bedauert, „von einigen zeitunkundigen Eiferern wie ein Feind der jüdischen Nation verschrieen" zu sein, giebt seine Gedanken über Judenthum und Christeulhum zum Besten und schließt mit dem ernst gemeinten (!) Wunsche, daß die Juden sich „Abrahamiden" nennen sollen. Von namhasten christlichen Theologen, die in großer Zahl dem Jubilar ihre Huldigung darbringen, sind noch besonders bemerkenswert!): Johannes Rouge, der Begründer des Deutschkatholizismus, Julius Rupp, der freisinnige Königsberger Theologe, H. A. Niemeyer, Direktor der Francke'schen Stiftungen, v. Ammon, der berühmte Oberhofprediger und Konsistorialrath zu Dresden, und viele Andere. Besonders schön und interessant sind zwei Denksprüche von Wegscheider und Lippert. Der Erstere, Professor der Theologie in Halle, scheint einen tiefen Blick in das innerste Wesen des Judenthums gethan zu haben, wenn er schreibt: „Nicht auf die Masse der Wissens, welches ein Menschengeist in sich faßt, kommt es an, sondern darauf, daß man Licht- und Hauptpunkte festhalte, die sich wie goldene Fäden durch das Labyrinth menschlicher Satzungen aller Art hindurchziehn und dem Verhalten des Menschen eine sichere Regel darbieten. Das größte Hinderniß des heilbringenden Wirksamkeit aller religiösen Institute besteht darin, daß in der Erziehung und im Unterricht irgend ein Dogmenglaube, und nicht der das Gemürh mit Gott und Menschen in Harmonie setzende Pflichtenglaube, als uothwendig eingeprägt und angewöhnt wird. Der kräftige, wahrhaft beherzigenswerthe Kernsprnch von Dr. L. B. G. Lippert in Leipzig lautet: „Wer kriecht, wird getreten; wer sich bückt, wird geschlagen; wer bettelt, bekommt Almosen; wer aber Jedem muthig m§ Gesicht sieht und sein Recht zu vertheidigen weiß, den läßt man gewöhnlich in Ruhe." Auch viele Nicht-Theologen, Schulmännner. Philosophen, Aerzte, Politiker u. s. w. sandten ihren Beitrag: H. Brockhaus, Ad. Cremieux, C. Rosenkranz, Salvador und viele andere Celebritüten. Johann Jacoby schickt sein Porträt ein, begleitet von dem Denkwort: „Kein Freund der Freiheit sei dem andern fremd." Das weitaus größte Interesse aber nehmen die Eintragungen jüdischer Theologen und Gelehrten in Anspruch. Fast alle irgendwie bekannten Namen auf diesem Gebiete sind hier vertreten. Wir neunen nur, die Reihenfolge des Albums beibehaltend: Holdheim, Kley, Wohlwitt, Carmoly, Steinheim, Geiger, I. L. Allerbach, Philippsoll, Dukes, Saalschutz, Rapoport, Frankfurter, Leop. Stein, Maier Stuttgart, Michael Sachs, B.Beer, Fränkel Dessau, Mamlheiiner, Jul. Fürst, Zach. Frankel, Heß, Adler, Eillhorn, Herxheimer, Wechsler, Jellinek. Deutsche und hebräische Widmungen unb Gedichte wechseln mit allgemeinen Betrachtungen über Zeitverhältnisse, jüdische Predigt, Stellllllg des Hamburger Tempels und dgl. So gewinnt dieses Album wahrhaft historische Bedeutung. Aus der überreichen Fülle des Interessanten können wir nur das Bedeutungsvollste herausheben. Zunächst ails einem Briefe von Mannheimer, Wiell. Nach herzlicher Beglückwünschung fährt Mannheilner fort: „Wir haben eine schöne Zeit mit einander gelebt, und Vieles, dächte ich, erlebt. Wenn wir Beide auf jene Zeit zurückschauen, in der wir zuerst uns dem Dienste geweihet, so dächte ich doch, sind die Resultate nicht so gar geringfügig, als sie die anschlagen, die immer ab ovo anfangen, und wie die Könige vom Jahre ihrer Thronerhöhung und Erhebung datiren. Vor der Hand haben wir dem Gottesworte und seiner Verkündigung im freien lebendigen Herzensergüsse die Ermächtigung und Berechtigung erkämpft und errungen, uns die Gotteshäuser gründen und erbauen müssen, in denen wir es verkündigen konnten, uns den Einlaß in diese Gotteshäuser, der uns so oft verwehrt und bestritten ward, erkäulpfen und erringen müssen. Je schwerer und härter zu seiner Zeit dieser Kampf war, und je leichter und geringfügiger er den Epigonen