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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-15 · Heft 50 (15.12.1893) · p. Seite 593

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 50 (15.12.1893)
Date
1893-12-15
Page
Seite 593 (sequence 7)
Language
German
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593 Ö! Warum ist es uns nicht gegeben, die Begeisterung der Jugend mit den Erfahrungen späterer Jahre zu paaren? Ist unser Herz so klein, daß es neben Enttäuschungen nicht mehr Raum hat für Hoffnungen? — Bei gewöhnlichen Menschen mag dies der Fall sein, doch giebt es auch bevorzugte Naturen, die aus den Stürmen des Lebens nicht ermattet und verwundet, sondern gekrästigt und geläutert hervorgehen und gleich südlichen Orangenbäumen Blüthen und Früchte zugleich tragen. U Helden des alten Testaments in der neueren Fitteratur. Vortrag, gehalten zum Besten des Stipendienfonds der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums am 13. Februar 1893 Von Dr. Richard M. Meyer. (Schluß.) Zur Reform der Auffiissung der Gestalte» des Alten Testaments in Deutschland tragen jedoch diese bedeutenden Dichtungen der Franzosen und Engländer weniger bei, als der Fortschritt der historische» Forschung. Seit der berühmte Skeptiker Bayle 1697 zuerst begonnen hatte, die historische Würdigung an die Stelle der traditionellen zu setzen, war man ihm hierin auch in Deutschland mit großem Eifer gefolgt. Besonders war es I. D. Michaelis in Göttingen, der mit seinen „Ehegesetzen Mosis" (1755) und namentlich mit seinem „Mosaischen Recht" (1770—75) die biblischen Bestimmungen aus nationaler und zeitlicher Grundlage zu erklären lehrte. Auf solchem Hintergrund nahmen sich freilich die altbekannten Gestalten großentheils recht verändert aus. Besonders war es der König David, dessen Charakterbild, von der Parteien Haß und Gunst verwirrt, zu schwanken beginnt. Bei Racine hatte der junge König Joas noch schwören müssen, nicht seinen Vater Ahasja, sondern David zum Muster zu nehmen. Bayle hatte David noch glimpflich behandelt; aber auf die fortgesetzten Angriffe Voltaires findet 1778 einer der frömmsten Männer Deutschlands, Albrecht v. Haller, nur noch folgende fast ängstliche Abwehr: Die Einwürfe wider diesen König sind so oft wiederholt und so oft beantwortet worden, daß weder für den Voltaire etwas Neues zu sagen, noch für uns etwas Ungesagtes zu antworten übrig geblieben ist. Der Namen dieses Fürsten ist den Weisen der Welt verhaßt, weil ihn Gott den Mann nach seinem Herzen genannt hat, weil er des Heilandes Stammvater ist, weil seine Lieder voll erhabener Gottesfurcht und voll Zeugnissen sind, daß zu Davids Zeiten die mosaische Geschichte und Befehle unter den Kindern Israels keinem Zweifel unterworfen waren. Bayle hatte wider die Religion so Vieles gethan, daß er unter den Dienern derselben nicht mehr Platz haben konnte. Ueberhaupt haben sonst die Feinde Davids den Fehler begangen, daß sie seine Thate» nach unserer heutigen eben durch die christliche Religion gereinigte», Sittenlehre abmessen und von ihm verlangen, daß ec so gelebt haben sollte, wie ei» großmüthiger aber zugleich christlicher Fürst leben soll. Sic müssen ihn mit den Helden seiner Zeiten verglichen, mit dem unerbittlichen Achilles, den Jupiter durch einen Gott warnen lassen mußte, sich an dem flehenden Priamns nicht zu vergreifen, und der den Körper des halb zerfleischten Hektar endlich theuer genug dem betrübten alten Fürsten verkauft; mit dem betrügerischen Ulysses, der selbst an der Gottheit der Weisheit versuchte, durch Lügen sich zu verbergen; mit dem Herkules, dem Mörder seiner Gemahlin und seiner Freunde. David war ein Mensch in unerleuchteten Zeiten, tapfer, großmüthig, gütig, er erkannte mit tiefer Demuth seine begangenen Fehler; aber dabei war er heftig und der Liebe allzusehr ergeben, und nicht allemal erhaben genug, die Sitten seiner Zeiten zu übertreffcn, oder stark genug, seiner Freunde Uebelthaten standhaft zu ahnden. Merkwürdiger Weise führt nuit aber gerade diese historische Betrachtungsweise in Deutschland zu einer neuen Form der Typisirung. Man schwärmte mit Rousseau für den Urzustand, und indem man diesen nun in den Zuständen der Bibel bewahrt glaubte, kam man dazu, das ganze Alte Testament in idyllische Beleuchtung zu setzen — eine Anschauung, von der auch die Gegenwart sich noch nicht völlig frei gemacht hat. Diese Entdeckung des idyllischen Charakters der Szenen des Alten Testaments führt seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts zu einer wahren Sintflnth von biblischen Dichtungen. Der fruchtbarste Autor ist Bodmer, der erbarmungslos Noah, Abraham und Isaak, Joseph und alles Uebrige in angebliche Poesie setzt; der am meisten charakteristische Vertreter dieser Richtung ist sein Schweizer Landsmann Gessner, dessen Tod Abels (1758) wegen seiner lyrischen Weichheit weitgehende Beliebtheit erwarb. Bedeutender als Beide ist Klopstock. Zwar sein „Tod Adams" (1757) und be-! sonders sein „David" (1772) sind nichts als lyrisch zerfließende j Rhapsvdieen über biblische Themata. Aber sein „Salomo" (1764) zeigt eine höchst merkwürdige Fortbildung der alten Auffassung. Salomo fällt in Unglauben — wie es ja auch die Bibel berichtet, aber nicht in Folge eines geringen oder gewöhnlichen Grundes, sondern durch seine Weisheit selbst verführt. Gerade weil er in seiner Weisheit deutlicher als alle Anderen begreift, wie gering alle menschliche Macht, alles menschliche Können und Wissen neben dem göttlichen sei, gerade deshalb wird er irre in dem Glauben an Gottes! Fiirsorge. Ist denn Salomo selbst in allem Glanze seiner Macht und seines Ruhmes vor Gott nicht ein so verschwindender Punkt, daß es Anmaßung wäre, an Gottes persönlichen Antheil an seinem Schicksal zu glauben? — Hier war der Keim eines höchst fruchtbaren Gedankens gegeben: Salomo als der biblische Faust, der gerade durch seine Weisheit umveise, durch seine Frömmigkeit unfromm wird. Aber es bleibt bei dem Ansatz, und das Drama kommt nicht heraus über be-! ständige Ermahnungsreden der Freunde Salomos, deren Ueberj zeugungskraft auch wir gering finden müssen, j Daneben begegnet vereinzelt auch in Deutschland die Ausnutzung! biblischer Themata zu den Zwecken politischer Polemik. So verfaßt 1767 Friedrich Carl von Moser, der fromme, aber in manchen Dingen geradezu demokratisch denkende Staatsmann, seinen „Daniel in der Löwengrube". Daniel ist der typische, fromme Mann am Hofe, der um seiner Frömmigkeit willen von den übrigen Hofleuten gehaßt und angefeindet, von dein Fürsten preisgegeben wird. Dies sah Moser als sein eigenes Schicksal an, und so fehlt es denn an persönlichen Beziehungen weder in der Zeichnung Daniels noch in der der persischen Hoflente. Während der klassischen Periode unserer Liltcralur war das Interesse für die Helden des alten Testaments ein geringes. Man machte sie zwar znm Gegenstand historischer Forschung, aber kaum je znm Objekt poetischer Gestaltung. Herder hat mit genialer Intuition die Individualitäten der Propheten des A. T. zu entwickeln versucht, freilich kaum minder subjektiv als Michelangelo; Goethe hat j sich wiederholt mit der Sendung Mosis befaßt, wie denn auch Lessing in der „Erziehung des Menschengeschlechtes" dem Bilde des j großen Gesetzgebers und Volkserziehers näher trat. Aber wen» einj mal die poetische Umformung eines biblischen Stoffes unternommen i wurde, so geschah es in so gründlicher Umgestaltung, wie bei der Benutzung des Buches Hiob im Vorspiel zum Faust. Epochemachend wirkt wieder ein Engländer: Byron mit seinem 1821 gedichteten „Cain". Das berühmte Drama ist voll von Verj worrenheit und Phantastik; das Interesse, welches es erregte, und die Entrüstung, die es heraufbeschworen hat, beruhen lediglich auf dem Versuch der „Rettung" Cains. Cain wird dargestellt als der Strebende, Wißbegierige, der eben deshalb höher steht als der philiströse zufriedene Abel. Oder mindestens stehen sie neben einander

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