Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1893)
- Date
- 1893-12-15
- Page
- Seite 590 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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590 Die Woche. Berlin, 14. Dezember. In seiner Donnerstctgssitzung hat der Reichstag wieder einige antisemitische Scharmützel erlebt. Den Beginn nmchte ein junger Hospitant der nationalliberalen Partei, Dr. D. Hahn. Seine Rede war mit einer gehörigen Dosis Antisemitismus gewürzt, was der nachstjolgende antisemitische Redner. Liebermann von Sonnenberg, mit Freuden aufgrifs, sodaß ein späterer nationatliberaler Redner, der Abgeordnete Dr. Osann, sich veranlaßt sah, den Dr. Diedrich Hahn im Namen seiner Partei feierlichst in bester Form zu desavoniren, indem er erklärte: Der Abg. Hahn hat in den Ausführungen, die der Abg. Liebermann v. Sonnenberg als antisemitisch gefärbt bezeichnete, nur in seinem Namen gesprochen; unsere Partei verurtheilt nach wie vor die antisemitische Agitation. (Beifall links) Wir könnten mit der loyalen Haltung der nationalliberalen Partei zufrieden sein, wenn nur alle ihre Mitglieder denselben Ton anschlagen wollten. Die sächsischen Konservativen wollen die Antisemiten von ihren Rockschößeit abschüttelii. In einer großen Versammlung haben sie jiingst folgende Resolution angenommen: „In dem Kampfe um die höchsten Güter unseres Volksthums sind uns Alle als Mitstreiter willkommen, denen es ernst ist um die Gesundung unserer Verhältnisse, und die darum Bedenken tragen müssen, Führern zu folgen, die sich von ehrgeizigen, persönlichen Beweggründen leiten lassen, denen Agitation und Erregung der Volksleidenschaften Selbstzweck ist. Wer mithelsen will — wer mit uns der Ansicht ist, daß nicht die Aufstellung maßloser und unerfüllbarer Forderungen, die den Lärm und den Skandal fördern und die allgemeine Unzufriedenheit noch steigern, das Heil bringen kann -, sondern daß es gilt einzutreten für das, was zugleich gerecht, vernünftig und erreichar ist —, in Dem sehen wir einen Freund, den wir bitten, unsere Bestrebungen unterstützen zu wollen." Auch die Vorschläge für Organisation und Agitation fanden einstimmige Annahme. In denselben heißt es u. A. „Wir wünschen das friedliche Verhältniß aufrecht zu erhalten, welches in Sachsen zwischen der konservativen Partei und denjenigen anderen Parteien besteht, bei denen patriotische Gesinnung nicht! nur in hohlen Phrasen, sondern durch die That zum Ausdruck! kommt. Andererseits bekämpfen wir außer der sozialdemokratischen auch j jene demagogische und demokratische Richtung, in der neuerdings der! radikale Liberalismus vom radikalen Antisemitismus noch überholt wird. j Wir haben es insbesondere bei den Führern der deutschen Reformpartei! mit Leuten zu thun, denen nicht allein die skandalsüchtigen Elemente! nachlaufen, sondern deren agitatorischem Geschick es auch gelang, ehrlich ' patriotische Männer über die von ihnen verfolgten demokratischen Ziele i hinwegzutäuschen — mit Leuten, die in gelegentlichen königstreuen Kund-! gedungen Deckung suchen für die Verhetzung des Volkes gegen! Autorität und Besitz."! Merkwürdig, daß die Herren das Alles erst jetzt wissen. Aber j auch das ist zum Guten!! Fürchterliche Zustände scheinen wieder einmal in dem klassischen Lande des Antisemitismus, in Rumänien, zu herrschen. Die Lage der dortigen Juden schildert ein zuverlässiger Berichterstatter, Dr. Adolf Stern, Advokat und Präsident der Gros;-Loge, in folgenden Worten: „Von den Schlägen, die uns beigebracht worden sind, hat uns keiner so hart getroffen, als das Gesetz, den Unterricht in den professionellen und Volksschulen betreffend: 8000 jüdische Kinder blieben von den öffentlichen Schulen ausgeschlossen; diesem in seinen Folgen unberechenbaren Nothstand abzuhelfen, ist unsere heilige Pflicht!" Eine Monstre-Petition an die Kammer wurde abgewiesen; da beschlossen die Israeliten, einen „Blind zum Zwecke der Gründung von Schulen für die jüdischen Kinder" ins Leben zu rufen, und stellten an beit Minister des Innern das Gesuch, eine Lotterte betreffs Aufbringung der nöthigen Mittel veranstalten zu dürfen. Dieses Gesuch wurde dem Bürgermeister Nicu Philipescu von Bukarest zur Begutachtung unterbreitet, und seilt Bescheid war: „Ich bin der Ansicht, daß diesem Gesuche nicht stattgegeben werde, da die betreffende Lotterie dahin zielt, daß der Geist des Volksschulgesetzes umgangen werde." Also der Geist dieses Gesetzes ist es überhaupt, den Kindern jüdischer Eltern es unmöglich zu machen, eine moderne Erziehung zu genießen. Wird die Nacht des verbissenen Nassen-, National- und Glaubenshasses nicht endlich verschwiltden und der Morgenröthe menschenwürdiger Toleranz Platz machen?? Zur Nachahmung. Bon Dr. S. Goldschmidt in Königshütte. Der deutsche Reichstag hat am boxifieu Freitag dem Anträge des Centrums, den letzten Rest der Kultnrkampfgesetze ans dem Wege zu räume» und der katholischen Kirche die Mittel zu gewähren, ihre Kraft frei und voll zu entfalte», mit einer kleinen Mehrheit seine Zustimmung gegeben. Von verschiedenen Gesichtspunkten ließen die einzelnen Parteien sich leite», und die Mehrheit wäre größer gewesen, wenn nicht besondere Erwägungen, die außerhalb des Antrages lagen, die freisinnigen Gruppen z. Th. an einem zustiminenden Votum gehindert hätten. Mit dem Grundgedanken waren sie einverstanden. Für uns Inden, die wir fern von dem Schauplatz parlamen-! tarischer Kämpfe diesem Religionsantrag und seiner Erledignng beiwohnen durften, bot die Verhandlung manche bemerkens- und viele bcherzigenswerthe Momente. Es ist und bleibt ein für unsere Verhältnisse fremdes und völlig ungewohntes Schauspiel, den Grafen Hompesch und den Freiherrn von Heeremann mit kraftvoller, nie ermüdender Energie für die Interessen der Kirche eintreten zu sehen, dieser Kirche, die seit Jahrhunderten als mächtiger, festgefügter und wehrhafter Ban dasteht und so gar nicht schutzbedürftig erscheint. Es standen die Ritter, einen Felsen zu schirmen. Es sprachen die hochgeborenen Herren von ihrer Liebe zum Glauben, von ihrer treuen Anhänglichkeit und ihrem nnzcrstörbaren Gehorsam gegen die Anordnungen der Religion. Sie sprachen davon, daß ihre Anhänglichkeit an die religiösen Orden nicht immer gleich groß gewesen, daß es Zeiten gab, wo der Werth und die Ziele derselben sich nicht des Beifalls und der Zustimmung Aller zu erfreuen gehabt hätten; wie gerade die Zurücksetzung, der Ansturm gegen ihre Bestrebungen die Zuneigung des katholischen Volkes erhöht und die Verbindung inniger und fester gestaltet hätten. Müßte sich dies Alles nicht ebenso kraftvoll, ebenso überzeugt und lebendig in unseren Kreisen äußern? Müßte nicht bei uns dieselbe Sprache geredet werden, und müßten wir nicht, die wir eine macht- und schutzlose Gemeinschaft bilden, zur Belebung unserer Hoffnungen, zur Kräftigung unserer Schwankenden, zur Aufrichtung unserer Gebeugten den Ausdruck solcher Empfindungen auch in unseren Reihen vernehmen? Für Leute von Rang und Ansehen innerhalb des Judenthums ist ein aufmerksames Studium der Debatte vom vorigen Freitag recht sehr zu empfehlen. Und »och ein Zweites hat die Besprechung zu Tage gefördert. Die Vertreter des Antrages haben den Gegnern gegenüber den Wunsch und die Bitte ausgesprochen, der Ordensthätigkeit die nothwendige Freiheit zu gewähren. Sollten die Ordensglieder sich