Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1893)
- Date
- 1893-11-10
- Page
- Seite 539 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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539 rasch verlor. Dann wurde er krank und starb erblindet in,! Februar 1879. Viele, die zu dem Kreis gehörten, in welchem ich lebte und der sich durch den Hinzutritt ähnlicher Berufsverfehler vergrößerte, sind verschollen: begabte junge Männer, die eines Tages wieder verschwanden und nicht geschrieben haben, ob sie gesund geblieben. Die Wenigsten haben sich der Fakultät erhalten, der sie in den ersten Wochen nach der Inskription einige Anstandsvisite» im Colleg gemacht hatten, um sich dann dort nicht wieder sehen zu lassen. Wenn ich diesen oder jenen später einmal wieder getroffen habe, so befand sich derselbe ganz gewiß in einem anderen Beruf als in dem, für welchen er sich ans der Quästnr der Universität entschieden und ans tvelchem ihn dann entweder der leidende Zustand seines nervus rerum, oder die Unfähigkeit, auf ebner und etwas langweiliger Landstraße einem der landesüblichen Ziele zuzustreben, gedrängt hatte. Es giebt auch im Berufsleben Bergfexe, die das Wandern im Thal vermeiden und trotz aller Absturzgefahren die umvirthlichsteu Gegenden aufsuchen, welche nichts als schöne Aussichten versprechen. Ich habe allerlei Versuche gemacht, im Thal zu bleiben. Ich sage das wirklich nicht, um mich herauszustreichen. Aber der Journalist in mir litt es nicht lange, daß ich mich abschloß und mich mit Arbeiten beschäftigte, welche das Sind. phiJ. auf meiner Visitenkarte rechtfertigten. Der besagte mir innewohnende Journalist war ein Tyrann, er sagte: J’y suis, et j’y reste, und ich war zu schwach, ihn zu verdrängen. Unter uns gesagt, ich hatte ihn auch zu lieb, als daß ich ihm hätte den Thron vor die Thür setzen mögen. Er sorgte auch dafür, daß sich dann und wann der Geldbriefträger in meine Sennhütte verstieg, und so ließ ich ihm denn seinen Willen, und zwar trotz aller Bewunderung der Charakterstärke Anderer, die sich unter Entbehrungen und Kümpfen zum Examen durchschlugen. ¥ Litterarrsche MittheUungen. — Die religionsgesetzli che Litteratur der Juden in dem Zeiträume vom 15.—18. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung des Schulchan Aruch. Bon Dr S. Bäck. Verlag von Siegm. Mayer, Trier. In diesem Werke liegt uns eine nach jeder Richtung hin ganz ungewöhnliche und verdienstvolle Leistung vor. Rur der Fachmann! kann ermessen, welche ungeheure Schwierigkeiten sich dem Bearbeiter der halachischen Litteratur überhaupt entgegenstellen, besonders aber dem Bearbeiter der halachischen Litteratur, welche in der Zeit vom 15. bis 18. Jahrhundert entstanden ist. In diese Zeit fallen die meisten Deeisoren, fast alle Acharonim, und die Dialektik (Pilpul) erreicht eine schwindlige Höhe, weil der jüdische Geist, von äußern Verhältnissen gezwungen, sich auf die vier Ellen der Halacha zurückziehen mußte. Anders war dies während der vorhergegangenen Blütheperiode, wo seit Südia das titanenhafte Streben, alle Errungenschaften der Wissenschaften mit den jüdischen Anschauungen zu amalgannren, die Theologie befruchtete. Und was den Alexandrinern mißlungen war, theils darum, weil diese den jüdischen Geistesinhalt nicht genug tief erfaßt hatten, theils darum, weil ihnen ihre griechischen Gegner nicht Zeit ließen, indem sie sie einfach todtschlugen, gelang den Spaniern, die einige Jahrhunderte unter ziemlich günstigen äußern Verhältnissen lebten, so daß es ihnen gegönnt blieb, auf allen Gebieten der Wissenschaft zu säen und zu ernten. Als hernach die grausamen Verfolgungen ausbrachen, die Juden vom öffentlichen Leben zurückgedrängt und in das Ghetto hineingezwängt wurden, blieb auch zur Entfaltung des Geisteslebens nur der engumgrenzte Boden der Halacha. Dr. Bäck lehrt nun die Litteratur dieser Periode mit ihren Licht- und Schattenseiten kennen und giebt das erstemal ein Bild der Entwicklung dieser Litteratur, u. z. ein anschauliches und vollständiges Bild. Rur ein Talmudist ersten Ranges, der zugleich Historiker ist, vermochte i hier Ordnung zu schaffen, die verschiedenartigsten Lehrweisen der >! vielen Deeisoren und Pilpulisten in ein System zu bringen, und unter den nach Tausenden zählenden Responsengutachten die kulturhistorisch interessantesten auszuwählen. Doch das. ist nur ein Verdienst. Ein zweites besteht in den Übersetzungen der gewählten Beispiele. Das erste Mal lesen wir hier ein Stück Meharscha in deutscher Sprache, und R. Ezechiel Landau hätte sich's wohl schwerlich träumen lassen, daß man seinen Zelach auch dem Laien, der noch nie einen hebräischen Buchstaben zu Gesicht bekonunen hat, verständlich machen kann. Ueberall das richtige Wort finden, dazu gehört Uebertragungskunst, die richtige Partie wählen, dazu gehört Kenntniß und Geschumck. Man spreche aber jetzt nicht mehr davon, daß der Talmud unübersetzbar sei, da Dr. Bück bewiesen hat, daß selbst ein halachistischer Pilpul ganz gut und hne Schaden zu leiden ein modernes Gewand anlegen kann, um überall Zutritt zu haben, d. h. um von Jedem verstanden werden zu können. Von den Stücken, die der Verfasser zur Charakterisirung der behandelten Halachisten wählte, können hier selbstverständlich nur einige Erwähnung finden, diese seien: Die Schilderung einer Hochzeitsfeier im 15. Jahrhundert (Maharil), lieber Zolldefraudation sSchitta Mekubezeth), lieber das Verhalten Andersgläubigen gegenüber aus dem Schulchan Aruch (beigefügt sind Stücke aus den Kommentaren), Ueber das Verhalten Apostaten gegenüber, über Repartirung der Abgaben beim Einzug eines Fürsten (beide aus K. (I A. des Bema), Giltigkeit einer Marannentrauung (Maharam Padua), Ueber Martyrium (Radbas), Ueber Wahlreformen (Zemach Zedek), Ueber Spinozismus (Chacham Zewi), Ueber den Begriff der Gottesebenbildlichkeit (Jomtob Heller). Ein zweiter Theil dieses Werkes wird die Darschanim derselben Zeitperiode behandeln. 8. ^)r. Edm. Friedemann, Jüdische Moral und christlicher Staat. Berlin, 1893. Siegfried Cronbach. Als im Jahre 1867 der französische Unterrichtsminister Duruy in einer Rede die christliche Moral, wie sie in der Bergpredigt ausgedrückt ist, die am höchsten stehende nannte, wies Hypolite Rodrigues in einem Buche „Der Ursprung der Bergpredigt", in welchem er neben die einzelnen Sätze der Predigt die entsprechenden Stellen aus dem alten Testament und dem Talmud setzte, darauf hin, daß die jüdische Sittenlehre augenfällig die nämliche sei. Friedemanns Verdienst ist es, an jene heute recht zeitgemäße Schrift erinnert und sie in der vorliegenden Broschüre einem weiteren Leserkreis in gelungener Uebertragung dargeboten zu haben. In der längeren Einleitung, die der Uebersetzung vorangeht, spricht Friedemann zunächst von dem Begriff des christlichen Staates, dessen Zweck freilich nach der Ansicht Stahls und seiner Anhänger in der Begründung des Gottesreiches in bestinnnt dogmatischem Sinne, nach der : Meinung aller einigermaßen unbefangen Denkenden in der Veri wirklichung der christlichen Sittenlehre in der menschlichen Gesellschaft! besteht. Wenn nun die Bekenner eines anderen Glaubens dieselbe Moral aufweisen, so habe der christliche Staat keine Berechtigung, dieselben von einer autoritativen Stellung im Staatswesen auszuschließen. Daß die Moral der Juden mit der gerühmten christlichen den Vergleich aufnehmen kann, weist der Verfasser noch selbst an zahlreichen Citaten aus Bibel und Talmud nach, die besonders diejenigen Grundsätze betreffen, in denen nach der Ansicht Vieler die christliche Sittenlehre die jüdische weit überflügeln soll. Die Auffassung, die das alte Testament ' und der vielgeschmähte Talmud von der Nächstenliebe, dem Werth der körperlichen Arbeit, der Fürsorge für die arbeitenden Klassen :c. erkennen läßt, steht nicht nur auf der Höhe unserer Anschauungen, sondern auf der denkbar höchsten (vergl. das Beispiel S. 17). Das ist das Resultat, das jeder unbefangene Leser ans den Anführungen des Verfassers ziehen muß! Berlin. Dr. S. Adler. — Von einem uns bisher unbekannten Kantor und Komponisteil erschien soeben ein Werk, das den Namen seines Autors mit einem Male überall, wo man iw unseren Synagogen Männerchöre findet, bekannt machen wird. Die stimmungsvollen „Synagogen - Gesänge" von Albert Weill verdienen in jeder Hinsicht die vollste Anerkennung. Um in meinem Berichte nicht zu weitschweifig zu werden, weise ich zunächst auf das Vorwort, das der Komponist seinem Werke vorausschickt, hin. Er erläutert darin die Nothwendigkeit seines Unternehmens, dein wir j nicht nur vollständig beistimmen, sondern auch unsere besten Wünsche > mit auf den Weg geben.