Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1893)
- Date
- 1893-11-10
- Page
- Seite 538 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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538 die sie etwas Holz und Torf heraufholen konnte, und der neue l Wirth würde mich wohl für verrückt (gewiß nicht für einen Bal-! doweri halten, wenn ich ei» „Zimmer" besehen wollte, das nicht zu! vermiethen ist. Aber der Aufstieg zu dem separaten Eingang bedeutet; mir doch etwas, was ich dem Leser nicht weitläufig zu erklären i brauche, und ich rathe Allen, denen das Schicksal keine Coupon- I schecre in die Wiege gelegt, sie ihm später aber als ein nützliches i Instrument in die Hand gegeben hat, von Zeit zu Zeit vor ihre j alte Wohnung zu klimmen und sie zu betrachten. Es dauert ja nur; einige Minuten, aber die sind inhaltreicher und lohnender als Stunden, die wir heute im Frack und weißer Binde an den Abfütternngstafeln verbringe». Diese Treppen ohne Teppich, diese Wohnungen ohne Telephonnnnnnern, diese kahlen Thüren, an denen | die Bisitenkarlen mit Oblaten sestgeklebt sind, sie ivissen viel, sehr j viel zu sagen, aber ich fürchte, inan fragt nicht viel nach dieser! Sprache, und man denkt gar nicht daran, eine solche Wallfahrt j anzulreten. Das ist unklug und undankbar. Ich war inrmatriknlirt und ging mit Eifer ins Kolleg, fühlte j aber, daß das Seil, an dem ich flatterte, lang, doch unzerreißbar! war, das Seil der Journalistik, aber immer kürzer wurde die Zeit,! die ich in deren Dienst der Geschichte der Philosophie und der Philosophie der Geschichte widmete. Mein Leben, um weiter den; armen Großinquisitor Schillers zu eitireu, lag augefangeu und; beschlossen in der Journalistik heiligen Registern. In den ersten Semestern sträubte ich mich wohl dagegen, aber doch nur anstandshalber und um mein Gewisse» zu beruhigen. Ich merkte nun ganz, das; die Journalistik, wen» man ihr einmal den kleinen Finger ■ gereicht hatte, nicht nur die ganze Hand des Menschen, sondern den ganzen Menschen nimmt, daß sie diesen dann nicht wieder losläßt und für Alles, was nicht journalistisch ist, unfähig macht. Der Gefangene arbeitet dann nur für den Tag, für eine zwölfstündige Unsterblichkeit, und verliert allmälig die Fähigkeit, sich zu einer etwas j dauerhafteren Arbeit zu sammeln. Journalisten, welche sich eines Tages anfzuraffen vermöge», um sich, das Joch der Redaktion abschüttelnd, ganz der Schriftstellerei, der Wissenschaft, der Bühne, dem Roman zuzuwenden, können sich eines großen Sieges freuen. Ich beneide Jeden darum, nnd mein einziger Trost ist, daß ich vielleicht , zu nichts Anderem als zur Journalistik einiges Talent habe. Ich lernte denn auch auf der Universität vorzugsweise solche j Kommilitonen kennen, die auf der Bahn des Brodstudiums entgleisten und sich der Feder zuwendeten. Nicht immer war es der innere; Drang, der zur Fahnenflucht verleitete, meist entschied die Aussicht; auf das Honorar, das die Schrifkstellerei, gewöhnlich allerdings in; ganz geringen Dosen, den Mittellosen in Aussicht stellte, während j die Fakultäten ihnen das Verhungern mit mehr oder weniger Hindernissen versprachen. Die TIma mater beherbergt in ihrem stolzen : Gebäude eine große Schaar armer Söhne, die sie mit Aussichten! nährt, ohne ihnen sonst etwas Eßbares bieten zu können. Ganz 1 natürlich. Aber ebenso natürlich ist es, daß sich das lernende Proletariat nach einem nahrhafteren Unterkommen umsieht, nach einem grüne» Zweig, der auch einige Früchte trägt. Das wahre Muster eines solchen Unbemittelten war ein Stndent, der sich gleich an mich anschloß. Der Name thut ja nichts zur Sache. Er hatte derart nichts, daß man es sich kaum vorstetlen; kann, und er war ein sehr gebildeter und unverwüstlich heiterer! Mensch. „Du bist der siebente Freund, den ich gesucht habe," sagte j er beim zweiten Seidel zu mir, und fuhr fort, als ich ihn fragte,! lvas das zu bedeuten habe: „Ich habe selbstverständlich keine Wohnung, j wenigstens keine für die wenigen Nachtstunden. Jede Nacht bringe; ich auf dem Sopha eines anderen Freundes zu, und da die Woche i leider sieben Nächte hat, so muß ich sieben Freunde haben, wenn ich nicht bei einem mehr als einmal wöchentlich übernachten will, was von den Philistern nicht gern gesehen wird. Das siebente Sopha fehlt mir seit vierzehn Tagen, nnd ich erhebe Deines zu dieser Würde." Ich dankte ihm im Namen des Sophas, schilderte ihm dieses aber, um jede Enttäuschung zu verhindern, in seiner ganze» Inhumanität, worauf er sich jede Beleidigung dieses unschuldigen und ehrenwerthen Lotterdivans verbat nnd versprach, heute noch de» ersten Schlaf auf demselben zu vollziehen. „Du mußt aber nicht etwa glauben," so schloß er, „daß ich ganz vermögenslos bin. Ich bringe meine eigene Zahnbürste mit und ferner ein Feuerzeug, falls Du kein solches zu der Cigarre, die Du mir geben wirst, besitzen sosttest." Als wir dam; oben in der Schunianustraße lagen nnd einer dem anderen die Vorzüge des Sophas und des Strohsacks schilderte, wie lustig haben wir uns da in de» Schlaf gelacht! Wo mag er geblieben sein, der Siebenschläfer niit dem blonden Lockenkops! Er ging später in die weite Welt, und wer weiß, ob er jetzt ein Sopha oder so was Aehnliches hat! Bei Theodor Lobe, der mittlerweile nach Berlin gekomme» nnd Mitglied und Regisseur des damaligen Friedrich-Wilhelmstädtischeu Theaters geworden war, fand ich Eduard Jacobson, de» Sohn eines bekannten westpreußischen Rabbiners, der eben als Student der Medizin seine ersten witzigen Einakter verfaßt hatte. Er ist bekanntlich ein überaus fruchtbarer Possenautor geworden und hat dadurch nach meiner festen Ueberzeugung den Menschen mehr genützt, als wen» er Arzt geworden wäre. Was ec eigeurlich i» der Medizin gewollt hat, das habe ich ihn vergeblich gefragt. Er war für die Bühnenkomik geschaffen, seine Virtuosität, dem Leben und den Menschen eine komische Seite abzulauschen, war geradezu überraschend, und er ist heute noch in der Auffindung übermüthig lustiger Pointen und verwegen drastischer Situationen ein Meister. Auf sein Bild, das das Datum des 1. September 1860 trügt, schrieb er mir: „Ultra Posse nemo obligatur.“ Das ist bezeichnender für ihn, als irgend etwas Anderes, was über ihn gesagt werden könnte. Sein Repertoirnachbar war Hermann Salingrö, der vielleicht eine der originellsten Erscheinungen war, welche die Bühnenliteratnr aufzuweisen hat. Es fehlte ihm Alles zu einem Schriftsteller, als er eines Tages ein Stück ju schreiben angefangen hatte, ohne jemals irgend etwas geschrieben zu haben. Er war die unverfälschte Naivetät. Er dachte sich nichts beim Schreiben. Mit beneidenswerther Unbefangenheit griff er zu, und was er dann für komisch hielt, das brachte er zu Papier in der festen Zuversicht, daß das auch dem Publikum komisch erschien. Eine gute Anekdote, die er gehört oder gelesen hatte, verflocht er in sein Manuskript, ohne lange zu überlegen, ob sie dahinein paßte nnd ob es erlaubt sei, ein Plagiat zu begehen. Das Publikum der Berliner Lokalpoffe war damals nicht minder naiv als er, und so paßten Beide vortrefflich zu einander. Manche seiner Possen behaupteten sich deshalb sehr lauge auf den Repertoire». Auch heute noch taucht dann und wann eine seiner Possen auf den Bühnen auf, ein unendlich harmloses, in Weißbierkreisen sich abspielendes Stück, das an der Seite mancher der heutigen blödsinnigen und unverständlich zusammengewürfelten Bühnenfabrikate nicht mehr recht munden will. Salingre war ein überaus liebenswürdiger und gutmüthiger Mensch, der keinen Feind hatte rmd durch sein hilfloses und freundliches Wesen selbst die strengste Kritik entwaffnete, die ihn wie ein Kind behandelte, dem sie nicht Wehthun dürfe. Er gehörte einem Typus an, der ausgestorben scheint, ich habe unter den Schriftstellern seinesgleichen nie wieder gefunden. Seine Gutmüthigkeit war auch wohl Schuld daran, daß er das kleine Vermögen, welches ihm die Bühne eingebracht hatte,