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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-29 · Heft 39 (29.9.1893) · p. Seite 463

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 39 (29.9.1893)
Date
1893-09-29
Page
Seite 463 (sequence 9)
Language
German
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In dm Schriften Leopold Löw's treten uns folgende Gesichtspunkte entgegen. Löw steht auf dem Boden fortschreitender historischer Entwickelung des jüdischen Lehrgehaltes und trägt im Kampfe Frankel's mit Hirsch das Panier des sel. Seminardirektors hoch. (I. Band, 11. Die Tradition.) Er steht keineswegs auf dem Standpunkte: „das Judenthum habe keine Dogmen", sondern er weis; den Glaubensinhalt des Judenthums, der doch in der Gottes- und Menschenliebe wurzelt und gipfelt, in rationeller Weise zu begründen und darzustellen und überschüttet mit humorvoller, edler Ironie diejenigen, welche in der ungarischen Kongreßperiode ein dogmenloses Judenthum proklamirten (I, 7. Jüdische Dogmen). Er entfernt sich auch in dieser Richtung von Mendelssohn, dessen Bedeutung er doch nach zwei Richtungen hin würdigt: nach der deutschen Kultur des Judenthums und nach der Zugehörigkeit desselben zum modernen Staate und Vaterlande (I, 16. Moses Mendelssohn). Mit seltenem Scharfblick erkennt er Maimonides' bahnbrechende Leistungen auf dem Gebiete der jüdischen Dogntatik und entdeckt den Fortschritt maimonidischer Kodifikation der talmudischen Halacha gegenüber schon insofern, als jeder nicht wissenschaftlich motivirte Wunderglaube der Kadbalah ausgeschieden ist, die in ihrer Reinheit ja doch nur unmittelbare Gotteserkenntniß war, und nicht erst aus Gegnerschaft gegen Maimonides, wie Grätz meint, ihre Entwickelung und Fortbildung nahm. (C. 1,12. Zur Maimonidesfrage, C. 2 1. die neueste Geschichte der, Kabbalah.) Daß die Verzerrungen der Kabbalah auch die Chassidäer nachtheilig beeinflußten, die immer mehr in Unwissenheit, rohe Sinnlichkeit und Aberglauben versanken, ist ja doch wohl bekannt. Doch sollten die Begnadeten im Gebiete des Herrn, die wahrhaft Frommen in Israel, anstatt an tobten Buchstaben zu hängen, mit Begeisterung in den Geist der Lehre sich vertiefen, welcher die reine Religion der Liebe fördert und wecket (II, 2. Vergangenheit und Gegenwart der Chassidäer). In dieser Religion der Liebe muß, nach Ansicht Löw's, die eheliche Gemeinschaft wurzeln, welche über vertragsmäßige Zusammengehörigkeit hinausragend eine hohe, von Gott bestimmte und dem Herrn geweihte Lebensform ist, deren Zweck die sittliche Wohlfahrt, welche die Familie und Gesammtheit Israels begründete. Möchte auch die Ehe zwischen Christen und Juden auf dem Wege der Civilehegesetzgebung statthaft und die alle Schranken der Konfession beseitigende Ehegesetzgebung das Erforderniß eines freie» Staates sein, die Religionsgemeinschaft solle doch nur die Angehörigen desselben Bekenntnisses zu jenem Ehebunde einsegnen, welcher die Gemeinschaft des Fühlens und Denkens als Bedingung innerlichen Glückes voraussetzt. (III. C. 2. Eherechtliche Studien.) Löw hatte aus dem Gebiete rationalistischer religiöser Anschauung den sel. Rabbiner Aron Chorin aus Arad zum Lehrer und Führer, dessen Lebensbeschreibung er auch vorfllhrt. Er würdigt Chorin ats talmudischen Forscher, Reformator im Gottesdienst und Leben des Judenthums, der der freien wiffenschaftlichen Forschung im geistlichen Amte das Wort redete und einen zeitgemäßen Jugendunterricht begründet hatte. (II, 8. Aron Chorin.) Löiv ist überhaupt als Biograph recht glücklich, und es gelingt ihm, das mährische Landes-Rabbinat mit den Inhabern des Amtes ans den letzten hundert Jahren so zu schildern, daß jedes geistliche Landeshaupt als der Träger der herrschende» religiösen Richtung erscheint, aus welcher heraus sich die Wahl vollzogen hatte. (II, 6. Das mährische Landes - Rabbinat seit hundert Jahren.) Als Schüler Chorin's begünstigte Löw in hohem Grade die freie wissenschaftliche Forschung und war, wie sein Lehrer, ein Verehrer Abraham Geiger's. Gleichwohl findet er viele Hypothesen dieses Gelehrten zu gewagt, um auf Grund derselben eine Aenderung an dem Texte des Pentateuchs vorznnehmen. (II, 14a. Geiger's Urschrift.) Hingegen begrüßt er mit warmem Herzen die Knlturanfgaben und den Fortschritt der Berliner Gemeinde, für welche er mit Recht Liebe und Verehrung hegt. Lebte doch der Schöpfer der Wissenschaft des Jndenthunis, Dr. Zunz, in dieser Metropole, der die Lehre und die Poesie des Judenthums im Gottesdienste ansklingen ließ (III, 10. Zunz, Litteraturgeschichte), verherrlichte doch Michael Sachs in Berlin das prophetische Ideal des Jndenthunis. Sein scheinbarer Fehler war sein höchster Vorzug, die klassische, geistige Persönlichkeit, welche eine Geschmeidigkeit ausschließt, die ja nur einer gewissen, dem Talmudisinus zngethanen Richtung erwünscht sein dürfte. (Bergt. 2, 9. Michael Sachs.) Als Hausfreund und Hauslehrer Jsak Noa Mannheimer's begeistert sich Löw für die Religion der Humanität, für Veredelung der Kultur und für Gottes heiliges Wort. (2, 11. Jsak Noa Mannheimer.) Die Gotteslehre ist ihm die geistige Heimstätte des durch den Glauben an den ewig einzigen Gott vereinigten Jndenthunis, das mit der Nation seiner Zugehörigkeit die Nationalität theilt. (I, 13. Nom und Jerusalem.) Auf dem Gebiete der Schriftauslegting ist Löw's Betrachtung über das Buch Daniel, dessen Abfassung in die Makkabäer- Zeit versetzt wird, in hohem Grade der Beachtung werth. In dieser Abhandlung wird der 122. Psalm in Verbindung mit der Epoche Simon's des Hasmonäers gebracht, in der das Dichterherz in Begeisterung für das aufblühende Jerusalem überströmt, (l, 24. Geschichtliche Erörterung des Buches Daniels.) Einen beherzigenswerthen Wink für talmndische Methodologie ertheilt Löw, indem er die Mischnah'Normen in relatorische und legislatorische eintheilt. Dort entscheidet das Leben für die Halacha, hier ist die Halacha maßgebend für das Leben. (III, 10. Stein, Unterricht im Talmud). So wirken die Schriften Leopold Löw's nach verschiedenen Richtungen hin in hohem Maße anregend und belehrend. Ist es nun ein unvergängliches Verdienst Löw's, in der südungarischen Theiß- Metropole mit dem schönsten Deutsch die Wissenschaft des Jndenthunis an- und ausgebaut zu haben, so ist es das Verdienst des Herrn Herausgebers, des Sohnes und Amts-Nachfolgers des Verfassers, des Ober- Rabbiners Dr. Immanuel Löw. die Werke des Vaters pietätsvoll herausgegeben, quellenmäßig geprüft, begründet und vervollständigt zu haben. Verfasser und Herausgeber verdienen „Kranz und Krone". 3 FEUILLETON Mie mein Urgroßvater meine Urgroßmutter bekam. Nach den Berichten seiner Mutter erzählt von Gustav Eicheugräu. (Fortsetzung.) Tüns faßt ihn an die Kehle, schüttelt ihn und schreit: „Wo hast's Kreuz und die andern heil'gen Sachen? Hast's schon verschachert? Gied's her, oder Dein Stündchen hat geschlagen! Wo ist der Markus? „Erbarmt Euch, wir sind unschuldig! Seht meine Frau, sie ist krank. Schont mein Leben, ich bin ein alter Mann!" „Ha, ha," höhnte Tüns, „ein alter Lump bist Du. Gieb uns den Markus, oder —" er holt die Hand zum Schlage aus.

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