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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-29 · Heft 39 (29.9.1893) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 39 (29.9.1893)
Date
1893-09-29
Page
Seite 462 (sequence 8)
Language
German
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462 ein Bauer beim Geistlichen in demselben Städtchen gemeldet und hat die damals von ihm gefundene Summe zurück gebracht. Er erzählte, daß, seit er das Geld gefunden hat, er von verschiedenen Krankheiten und sonstigem Ilngliicksfätlen häufig hcimgcsucht wurde, so daß er endlich beschlossen hat, das Geld dem Rabbi zurückzugeben. Für die Abgebrannte» in der Stadt Mir, Gouvernement Minsk, fast sämmtlich Juden, sind durch den Bürgermeister bis jetzt 100,000 M. gesammelt worden; mehr als 800 Familien wurden davon reichlich unterstützt. Jz. Barsel. Li oder Eine grammatische Plauderei von Leopold Katz, Lehrer in Ratibor. Wir leben in einer Zeit der Reformen. Auch auf pädagogischem Gebiete. Auf allen Lehrerkonfercuzen erkennt man die Unzulänglichkeit der methodischen Mittel und kommt mit Vorschlägen zur Besserung. So hieß cs beispielsweise kürzlich: Rcligionsbuch oder Gebetbuch? Doch diese Frage ist noch zu jung und wenig genügend behandelt, um endgiltig gelöst zu sein. Juztvischen hat man au einen andern Zweig des großen Stammes die pädagogische Sonde gelegt, au die Grammatik, beziehungsweise au das Lesen des Hebräischen nach grammatischen Gesetzen. Es kann uns Lehrern nur willkommen sein, daß der Ruf: Ei oder E! von den Herren Rabbinern ausgcht. Sie waren es, die die Lehre in Bezug auf die Aussprache des Hebräischen stark beeinflußten, und zwar nicht so sehr vom Standpunkte der Richtigkeit aus, als vielmehr nach ihrem Gcschmacke, bei dem sie sich leider oft von dem Geschmacke der Gemciudemitglieder leiten ließen. Zum Beweise für diese Behauptung führe ich die Mittheilung eines Freundes an, nach welcher er einen Rabbiner, der bereits zu den Todten zählt, zum Vorgesetzten hatte, der in der Schule das reinste E lesen ließ und las, der aber, wenn er im Gotteshanse zurThora gerufen wurde, im echtesten, unverfälschtesten „Jüdisch-Polnisch" deklamirte: Boielni ess adoinoj liammewoiroch. Von meinem Kollegen befragt, was denn nun das Richtige sei, habe der ehrwürdige Herr erklärt: E und U und Au; cs schmeichle aber den „Alten", wenn sie ihr Oberhaupt so lesen hörten, wie sie es von Jugend an gewöhnt gewesen. Wie gesagt, es ist deshalb um so auerkeimeuswerther, daß der Wunsch nach Lösung der Frage- Ei oder E? von unseren Rabbiuc» ausgeht. Auf der Tagesordnung zu einer Sitzung des Rabbinerverbaudes der Gemeinden Oberschlesieus stand unlängst ein diesbezüglicher Antrag, Der Antragsteller war leider nicht erschienen. Damit aber die Massen i» Fluß kommen, damit die Regelung einer Angelegenheit, die ganz gewiß nicht zu den unwesentlichsten gehört, sich nicht allzusehr in die Länge zieht, erlaube ich mir, die Frage aufzurolle». Dabei habe ich die Hofsnuug, daß nach der Entscheidung über Ei oder E die Aussprache aller Vokales einer gründliche» Untersuchung auf Lehrerkonfercuzen, in den Scmiiiarien und, was sehr zu wünschen wäre, in diesem geschätzten Blatte unterworfen werde, Es giebt Ansichten, nach denen es ganz gleichgiltig ist, wie mau sein Hebräisch liest, wenn man's überhaupt nur thut. Dem liebe» Gott sei cs ganz einerlei, meinen Andere. Wenn das richtig wäre, 0 und einiger Konsonanten. Ich kannte einen Kantor polnischer Abstammung, der permanent statt ^2 perl: jierich, das ch wie in brich', statt '’T]^ zuri : zuridi u. s, s. las. Ein anderer Kantor russischer Herkunft sprach statt fiseher: anseher, statt pixrrD schomäto: schomnngto. Wäre cs da nicht endlich an der Zeit, daß wir ans diesem Chaos herauskämen?! dann könnte mau auch das Beten unterlassen, da ja doch der Herr unsere Gedanken schon von „ferne" kennt, wie ein Bibelwort sagt, Ps. 139,2. Ich meine aber, daß gerade die Sprache, die das einende Band der gcsammten Judeiischaft bildet, die mit Recht die heilige genannt wird, weil sie eben nur als Gebetssprache Aufmerksamkeit und Ueberlegung bei dem gedanklichen Uebertrageu in die Muttersprache erfordert, daß gerade diese Sprache einheitlich gesprochen zu werden verdiente. Dialekt beim Gebete kennt man weder in sächsischen, noch in baierischeu oder schlesischen Kirchen; weshalb den aber im hessischen, posenschen :c. Synagogen? Und ist es etwas Anderes als Dialekt oder pure Unwissenheit, wenn die Hannoveraner, Hessen und Baiern das Zere:,,.." wie äi, die Posener und ihre Nachbarn aller vier Richtungen wie ei lesen? Mögen die Alten, die nun einmal von ihren Gewohnheiten nicht lasten können, weil sie nicht ivollen, nach ihrer Weise selig werden. Aber da die Zukunft in der Jugend liegt, soll auch bei ihr der Hebel angesetzt werden. Es ist dies um so uothwendiger, als beim Wechsel des Lehrers nicht immer ein Nachfolger erscheint, der gewiüt ist, das Unrichtige seines Vorläufers beizubehalten. Den Pädagogen brauche ich nicht zu sage», wohin solche Zustände führe»; sapienti sah Ich steuere dem Schluffe zu und frage: Was ist von Li, ei, e das Richtige? Die Ansprache als Diphtong, ei (anstatt o) läßt sich zurückverfolgen bis in die sogenannte alexandriuische (griechische) Bibelübersetzung. Sie war berechtigt, wo es sich um ein aus aj (z. B. in rvo) entstandenes e handelte. Aber man wandte sie inkonsequenter Weise auch da au, wo ein aus i gedehntes e vorlag. In anderen Schulen kannte man überhaupt nur die kontrahirte Aussprache. So ohne Zweifel in den Masoretenschuleu, aus denen unsere schriftliche Vokalisirung stammt. Somit ist es für uns das Richtige, E und nicht Ei oder Aj (o und nicht au) zu sprechen. Das ist auch die Meinung des Herrn Professor Kautzsch in Halle, mit dem ich vor Kurzem dieses Thema erörterte. Und diesem gelehrten Fachmann können wir wohl das größte Vertrauen schenken. Leopold Low in seinen Merken?) Von Dr. S. Nascher. Die ganze unvergeßliche Persönlichkeit des sel. Oberrabbiners von Szegedin tritt uns in seinen Werken entgegen. Löw war fortschreitend, trug das Panier der freiheitlichen Richtung hoch, war aber doch erhaltend in Bezug auf die Glaubenswahrheiten des Judenthums. Löw war ein patriotischer Ungar, der für die edle Sache der Freiheit des Vaterlandes geduldet und gelitten und in herrlicher magyarischer Sprache geredet und geschrieben hat, aber doch als geborener Mähre, als welcher er einer altehrwnrdigen Rabbiner-Familie entstammte, zum Mindesten in der Litteratur ein guter Oestcrreicher, sofern er Themata österreichisch-jüdischer Geschichte mit ganz besonderem Geschick und mit großer Vorliebe behandelte. Er gehörte mit ganzem Herzen der Wiffenschaft des Jndenthums an, diese tvußte er aber durch allgemeine Wistenschaftlichkeit zur „Weisheit in den Augen der Völker" zu entfalten und zu gestalten. Er war ganz besonders auf talmudisch-kasuistischem Gebiete, das er ') Gesanmielte Schriften von Leopold Löw. Herausgegeben von Immanuel Löw. Szegedin. Alexander Baba, I. II. IU. Band.

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