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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-22 · Heft 38 (22.9.1893) · p. Seite 446

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 38 (22.9.1893)
Date
1893-09-22
Page
Seite 446 (sequence 4)
Language
German
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446 Nie Woche. Berlin, 19. September. Der Prozeß Paulus Meyer-Deckert ist sicher das interessanteste Ereigniß der Woche. Da verschreibt sich ein bekannter antisemitischer Agitator ein den Abhub der Menschheit darstellendes Individuum als ein Werkzeug für die Verdächtigung gegen Millionen unschuldiger Menschen. Die Beiden setzen sich zusammen, der Eine unter dem Schein der Forschung und unter dem Vorwand, die Wahrheit feststellen zu wollen, der Andere, nur Geld zu verdienen und sein elendes Leben fristen zu können. Der Pfarrer hört das Märchen, welches ihm der getaufte, russische Jude auftischt, mit Entzücken an, und der getaufte Jude erklärt, er sei selbst dabei gewesen, wie ein Christenkind abgeschlachtet wurde. Daß der Pfarrer einer solchen Erzählung wirklich Glauben geschenkt hat, kan» Niemand annehmen, aber siö war ihm ein willkommenes Material für seine Anklagen, für seine Verleumdungen, für seine Verdächtigungen, Man kann es sich gar nicht denken, daß der Pfarrer von Weinhaus wirklich dem hergelaufenen Menschen Glauben geschenkt hat, als er seine Lügen bethenerte: Man kann nicht annehmen, daß Pfarrer Deckert auch nur einen Moment gedacht haben könne, die Behauptungen des Paulus Meyer beruhen auf Wahrheit. Denn Deckert hat das Vorleben des Meyer gekannt, in welchem sich Abstrafungen wegen Vagabondage und Bettelei finden, er mußte es missen, daß sein Genosse ein Schuft sei. Aber die Empfehlung des Dr. Rohling in Prag scheint dem Pfarrer Deckert als ein genügender Beweis dafür gegolten zu haben, daß der ehemalige Inden-Missionär Meyer die Wahrheit gesprochen habe, oder er scheint wenigstens in dieser Empfehlung einen Vorwand erblickt zu haben, dem Paulus Meyer Glauben schenken zu können. In diesem Prozesse spielt Rohling die Hauptrolle, obschon er weder auf der Anklagebank erschien, noch im Zengenraume zu sehen wem Rohling, der sich auch gern den Mantel des Forschers umhängt, ist der Hanptbeschuldigte in dem Prozesse, dessen Bedeutung durch das Verdikt keineswegs erschöpft ist. Ob die Antisemiten eine Lehre daraus ziehen werden, wissen wir nicht und glauben es auch nicht. * Der norddeutsche Antisemitentag, der am Sonntag hier abgehalten wurde, scheint die gewünschte Einigung auch nicht gebracht zu haben. Er war nur von der Ahlwardt-Försterschen Richtung besucht. Bemerkenswerth sind nach den Berichten der Blätter, daß die Agitationskosten für die jüngsten Reichstagswahlen im Ganzen 32,000 Mark betragen haben, wovon noch 5- bis 6000 Mark zu decken sind. Zn beachten ist die überaus scharfe Absage an die Konservativen, mit ornen ein weiteres Zusammengehen nicht mehr möglich sei. Die antisemitischen Forderungen wurden in dem vollständigen Entwurf eines Ausnahme- und Frcmdenrechts für die Juden zusammengefaßt: Verbot der Neueinwandernng von Juden und Ausweisung aller nicht in Deutschland geborenen Inden, Ausschluß derselben von allem liegenden Besitz, von allen Staats- und Gemeindeämtern, aus dem Rechtsanwalt-, Aerzte- und Lehrerstand, aus der Presse und der Armee, Verbot des Haltens deutscher Dienstboten ec. Die Versuche, eine Vereinigung mit den anderen antisemitischen Richtungen herbeizuführen, hatten keinen Erfolg. Dem Vorstande der „Antisemitischen Vereinigung", der zugleich als Ehrenrath fungiren soll, gehören unter Anderen an Ahlwardt-Berlin, Förster-Friedenau und je ein Antisemit aus Charlottenburg, Spandau und Arnswalde. Oberlehrer Förster hielt den Hauptvortrag, der frenetischen Beifall hervorrief und dem wir zur Charakteristik folgenden Satz entnehmen: „Eigenthum ist nicht Diebstahl, aber das jüdische Kapital ist ein Raub am deutschen Volke, deshalb muß dasselbe auf gesetzlichem Wege eingezogen und zur Tilgung der Hypotheken- und Staatsschulden, sowie zur Errichtung von Wohlthätigkeüsanstalten verwendet werden." Ein netter und tüchtiger Politiker, dieser Herr Förster! Die jüdische Journalistik hat in der vergangenen Woche einen ihrer hervorragendsten Vertreter verloren. Im 77. Lebensjahre ist vor einigen Tagen in Petersburg der Redakteur der in hebräischer Sprache erscheinenden Zeitung „Hamelitz", Alexander Zederbaum, gestorben. Er hatte sich als Autodidakt die vielseitigste Bildung an- . geeignet und hat sich um die Bildung der Juden in Rußland in hervorragender Weise verdient gemacht. Vor fünfzig Jahren trat Zederbaum als hebräischer Journalist in Odessa auf und wirkte schon damals für die Reform an der dortigeil Synagoge. In der Zeitung „Hamelitz", die er vor mehr als dreißig Jahren in Petersburg begründete und diese ganze Zeit hindurch selbst schrieb, hat Zederbaum mit unermüdlicher Energie für die Aufklärung der russischen Juden gewirkt. Im Jahre 1871 gab er auch in russischer Sprache den „Boten der russischen Juden" und gegen Mitte der achtziger Jahre das „Jüdische „Volksblatt" heralis, um auch in der Masse seiner ärmeren jüdischen Landsleute, die weder hebräisch noch russisch verstehen, in dem ihnen geläufigen Jargon die Ideen der Bildung und Aufklärung zu propagiren. Auf seine Anregung trat vor einigen Jahren die Gesellschaft zur Hilfeleistung bedürftiger jüdischer Ackerbauer in Syrien und Palästina ins Leben. Er war ein tüchtiger und vielseitiger Organisator. Friede seinem Andenken! 9 Bas jüdische Sternenbanner?) Zum fünfzigjährigen Jubiläum des Ordens B'ne B'rith in Amerika. Von Dr. Adolf Jellinek. Israel hat sein Sternenbanner, nicht blos weil es in der heiligen Schrift unter dem Bilde der Sterne gesegnet wird, sondern weil es selbst durch sein Wesen und Wirken, durch sein Thun und Lassen den Sternen am Himmel gleichen soll. Israel leuchte in der Dunkelheit! Wenn die Nacht der Knechtung und Bedrückung in der Völkergeschichte anbricht, so soll es strahlen durch seine Liebe zur Freiheit und seine feste Ueberzeugung, daß die Freiheit verdunkelt, aber nicht ausgelöscht werden kann. Licht erzeugt Wärme und ist ein Bild der Nächstenliebe. Israel sei ein glänzendes Muster der Liebe zu seinen Mitmenschen ohne Unterschied der Rasse und der Religion. Sein Mund spende Trost den Bekümmerten, sein Arm richte auf die Gebeugten, seine Hand öffne sich den Bedürftigen, den Altersschwachen, den Wittwen und Waisen, den Verlassenen und Hilflosen, den Fremden, sein Herz sei ein heiliger Altar, auf welchem das Feuer der edelsten Humanität lodere. Israels Sternenbanner bedeutet Wahrheit, Frieden, Gerechtigkeit, Treue. Nächstenliebe, Bruderstnn, Hilfe, Beistand, Rettung, Opferfreudigkeit, vollendete Menschlichkeit. Der Orden B'ne B'rith, der das fünfzigjährige Jubiläum seines Bestehens in einigen Wochen feiern wird, hat das Sternenbanner Israels preiswiirdig aufgerollt. Die Wittwen und Waisen, für die er sorgt, die Kranken, die er heilt, die Greise, die er unterstützt, die Schulen, die er gründet, die Schriften, die er verbreitet, die Kultur, h Im Monat Oktober feiert der amerikanische Orden B'ne B'rith das 80jährige Jubiläum. Zur Begrüßung desselben hat Dr. Jellinek obenstehenden Artikel geschrieben, welcher in der amerikanischen Monatsschrift „Ille Menorah“ in englischer Sprache erscheinen wird. Die Red.

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