Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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>7. Jahrgang. Nr. 38. Berlin, 22. September 1893. eitung des Audenlhums. Ern unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Vreis: Durch Buchhandel, Voft oder direkt von der Expedition in Berlin unter L>treifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner II*. Ludwig Philippson-Bonn. Verlags-Crpedition: Berlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Nedaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel r Zum Lcmbhültenfeste. — Dce Woche. — Das jüdische Sternenbanner. Bon Dr. Adolf Jellinek. — Der angebliche Nitualmord von Ostrowo. — Der Jude in der Littcratur. Von Vir. Hall Ca ine. II. — Die erste il Amerika gedruckte jüdische Schrift. Von Dr. M. Kayserlina. — Was sollen uliere Töchter lesen? Bon Regina Neisser. — Feuilleton: Wie mein Urgroßater meine Urgroßmutter bekam. Bon Gustav Eichen grün. (Fortsetzung.) — llns meinen Jngenderinnerungen. Von Julius Stetten heim. I. — Litterarische Nittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Zuk. Ans Ostpreußen. Nallenburg. Breslau. Buuzlau. Hannover. Dinslaken, Rünchen. Güns. Wien. Amsterdam. Haag. Odessa. New-Nork. Chicago. — Bon Rah nnd Fern. — Miscellen. — Geschäftliche Notizen. Juin Faubhüttenfeste. Berlin, 21. September. Keines der jüdischen Feste veranschaulicht die Idee von dem Kalten Gottes in der Geschichte, iit der Vergangenheit, Gegenwart mb Zukunft Israels so klar und deutlich wie das Sukkotfest. „In Füllen sollt ihr wohnen sieben Tage, auf daß eure Nachkommen vissen, daß ich in Hütte» habe wohnen lassen die Kinder Israels, ils ich sie aus Aegypten geführt." Und dann: „Gedenke des Weges, ins den der Ewige Dich geleitet hat in der Wüste, um dich zu oemüthigen und zu prüfen." Es ist also ein geschichtliches Fest und in Dankesfest zugleich für das Walten Gottes in der Geschichte Israels >»d in den Geschicken jedes Einzelnen. Wenn des Herbstes Segen unter Dach gebracht ist, und wir uns geschützt und gesichert glauben gegen den rauhen Winter, dann soll ms Sukkotfest den Menschen lehren, daß er nicht dem reichen Besitz, licht dem hochgebauten Hause vertrauen dürfe, sondern Gott allein ein Lebensglück anheim stellen inüsse, der auch in dürftigen Hütten, n öden Wüsteneien diejenigen beschützt und beschirmt, die auf ihn lauen und ihn lieben. Ist das nun ein nationales Fest, wie unsere Gegner so oft 'ehaupten? Oder liegt hier nicht ein großer, ethischer Gedanke zu strunde, der allen Menschen in diesen Herbsttagen nahe gehen sollte? Kenn eines, so ist das Sukkotfest ein solches, an dem der Humanitäts- .edanke, der das Judenthum erfüllt, am reinsten zum Ausdruck geäugt. An diesem Feste brachte der Hohepriester im Tempel zu Jerusalem Sühnopfer für alle Völker dieser Erde dar, zu einer }eit, da selbst bei den gebildeten Römern der Fremde als ein Barbar alt, während den Völkern, unter welchen wir leben, der Gedanke er Menschlichkeit und der Bruderliebe noch lange nicht aufgegangen oar. Und wenn Jahrhunderte später die alten Rabbinen den Ndanken des Sukkotfestes symbolisch zn fassen suchten, so wurde hnen die dürftige und gebrechliche Hütte zum großen Weltpalaste, in lem alle Völker dieser Erde sich dermaleinst zu friedlicher Kulturarbeit vereinigen sollten. Ist das nun, so fragen wir noch einmal, ein nationales Fest? Mit dem Feststranß des Laubhüttensestes tritt Israel zu den Völkern hin und spricht zu ihnen: Menschen, Brüder, wir bringen euch die Palme des Friedens inmitten heißer Kämpfe, o seht darin den Ausdruck dankbarer Anerkennung für das treue Walten Gottes in der Natur, wie in der Geschichte. Es ist der Glaube an Gott den Herrn, als dem Schöpfer und Erhalter der Welt, der das Gute belohnt, der die Unschuld beschützt, der de» Unterdrückten beisteht — de» wir mit diesem Feststrauß euch darbringen, es ist der Glaube an die Zukunft der Menschheit, an die Vereinigung aller Volker, an den Friedensbund der Nationen, dessen Odem euch aus diesem Fcststrauß entgegen duftet! O, daß sie auf diese» Ruf höre» möchten, daß sie die Stimmen vernähmen, die aus Israels heiligen Schriften zu ihnen sprechen, daß sie die Symbole zu deute» wüßten, die in dem Feststrauß und in der Laubhütte verkörpert sind! Aber auch für Israel sollen die Laubhütte und der Feststrauß eine Erinnerung an seine Vergangenheit, eine Mahnung für seine Gegenwart, einen Trost für seine Zukunft bedeute». „Vor der Gluth des kominenden Tages" soll ihm die Hütte ein Schutz sein, den ihm sein Gott angedeihen läßt. Und sinnig deutet ein alter Lehrer die Erfüllung des Sukkotgebotes dahin: Also sprach Gott zn Israel: Hier sollt ihr mir Hütten baue», um euch daran z» erinnern, wie ich euere Väter in der Wüste in Hütten wohnen ließ, aber in der Zukunft, wo mein Reich alle Menschen umfassen wird, werde ich gleich einer Hütte euch zum Schutze sein. Und ebenso sinnig deutet die Hagada der Rabbinen den Feststranß als das Symbol des Friedens und der Vergebung für alle Sünden Israels. Am Versöhnungstage, so heißt es, beugt ganz Israel, Männer, Frauen und Kinder, ihre Kniee vor dem Herrn, nnd Gott vergiebt ihre Sünden. Darauf bringt Israel am Lanbhüttenfeste den Feststranß dar und preist mit innigem Danke den Weltenherrn, der rs durch Wüsten und Fährnisse jeglicher Art Jahrtausende lang geführt hat und der es auch weiter führen wird zu dem Ziele, das ihm beschicden, zu dem Messiasreich des allgemeinen Weltfriedens und der allgeniciiien Gotteserkenntniß, wo eine Laubhütte die ganzc in Bruderliebe geeinte Menschheit umfassen wird. Das ist der Gedanke unseres Festes, den nicht etwa wir hineinlegen, sondern den schon die alten Rabbinen in dem wegen seiner „nationalen Engherzigkeit" mit Unrecht so vielverlästerten Talmud in den verschiedenartigsten Bildern und in de» poetischsten Aussprüchen verkündet haben. So geh hi», mein Israel, und berge dich in deinen Snkkot vor der Gluth des Tages, bis der Sturm vorüber ist, und halte den Feststrnuß hoch empor, der dir selbst Erlösung und Vergebung, der ganzen Menschheit aber einmal Friede, Einheit und Freiheit bringen soll!