Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- Seite 419 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Dagegen kann man Alexander David Goltzs „Dichterweihe" nicht das gleiche Lob spenden, sie ist unklar in ihrer Allegorie und die grellen Farbendifferenzen wirken geradezu peinlich. Zu den minder gelungenen Werken gehört auch Max Seliger's ein wenig verzeichnetes „Bildnis; meiner Mutter", während Heinrich David Beer's „Bildniß der Frau SanitütsrathZ.", Max Ring's „Dame in Schwarz", die Bilder des sich noch allzusehr an den Meister anlehnenden Lenbachschülers, Leo Samberger, wie das lebensvolle Selbstporträt R. BerenyS durchaus anerkennenswerthe Leistungen sind. Durch ein einziges Werk, ein reizvolles „Da men bildniß", ist der seit drei Jahren in Berlin ansässige Ungar, Leopold Horowitz, der gefeierte Meister auf dem Gebiete der Porträtmalerei, vertreten. Jeder Zug, jeder Pinselstrich verrüth den vollendeten, auf der Höhe des Schaffens stehenden Künstler. Von Künstlerinnen sollen hier Camilla Friedländer für ihre kunstvollen Abbildungen feinziselirter, orientalischer Gefäße, Flora Marcusy und Cilly Bernheim wegen ihre „Studienköpfe". Henriette Mendelssohn, welche außer einem wohlgetroffeneu „Bilde des Herrn Professor Hensel" noch ein Pastellbildchen „Im Lesewinkel" ausgestellt hat, die Blumenmalcrin Clara Gumpertz, schließlich Traute Steinthal genannt werden, deren vorzügliches „Porträt Josef Kainzs" besonderes Lob verdient. In der architektonischen Abtheiluug fallen uns die 1890—92 erbaute „Synagoge in Glogau", ein Werk von Abesser und Kröger, die Villa Siegwart Friedmann, die italienischen Studien Gustav Bambergers und die meisterhafte» Entwürfe Ludwig Heim's ins Auge. Herzmann vermißte schmerzlich auf unserem Rundgange durch die Ausstellung eine Reihe hervorragender Meister, namentlich Liebermann, den er besonders hoch verehrt und zu seinem Vorbilde gewählt hat; auch Josef Israels, der größte, zeitgenössische Maler Hollands, ist diesmal nicht vertreten, doch ist sein Einfluß in seinem Vaterlande dominirend ltttb läßt sich bei der Mehrzahl der von holländischen Künstlern ausgestellteir Werke leicht Nachweisen. Gegenüber der Menge von Künstlern aus Judas Stamm, deren Werke nicht zum geringsten Theile der Ausstellung zur Ehre gereichen, ist die Zahl der aus dem jüdischen Leben geschöpften Themata verschwindend klein; ist doch auch bis in das hehre Gebiet des Wiffens rmd der Kunst der Gifthauch der Unduldsamkeit, der Menschenmäkelei, des Rassenhasses gedrungen. Schon wandten wir uns zum Gehen, als unser Blick auf eine Brouzestatuette fiel, an der die Meisten achtlos vorübergingcn. Es war Adolf Jahn's „Na than der Weise". Wir blickten lange in des klugen Greises edles Antlitz und gedachten schmerzlich seiner Worte: „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch?" Finden sie wirklich kein Echo mehr in unseren Tagen? . . . Litterarrsche MittheUungen. Jüdischer Volks- und Haus-Kalender für das Jahr 1894. Mit einem Jahrbuch zur Belehrung und Unterhaltung. Herausgegeben von Dr. M. Brann. Preis M. 1.25. Breslau, Verlag von Th. Schatzkp. - Als freundlich willkommen geheißener Gast erscheint vor Beginn des neuen Jahres, wie nunmehr seit 40 Jahren, in trefflicher Ausstattung der Liebermann'sche Kalender, der unter der neuen Redaktion des Dozenten am jüd.-theol. Seminar zu Breslau, Dr. M. Brann, sowohl im astronomischen wie im unterhaltenden Theil an Reichhaltigkeit und Sorgfalt beträchtlich gewonnen hat. Das ausführlich abgefaßte Kalendariunr enthält alle wünschenswerthen Einzelheiten, u. a. auch über die Jahreszeiten, Mondphasen, Himmelserscheinungen, die Angabe der Thora- und Prophetenabschuitte, welche am Sabbath rc. gelesen werden, auf 16 Monate hinaus bis zum Ende des Jahres 1894. Uebersichtlich eingerichtete Tabellen, von dem sel. Dr. Zuckermann berechnet, zeigen für jede deutsche Ortschaft, in welcher jüdische Gemeinden von mindestens 500 Seelen bestehen, den genauen Beginn der Nacht an sämmtlichen Sabbathen, Fest- und Fasttagen des Jahres an. Nicht minder rühmenswerth ist der Inhalt des „Jahrbuchs zur Belehrung und Unterhaltung", das sich an das Kalendarium anfügt. Neben dem von Prof. Kaufmann in blüthenreicher Sprache uns vorgeführten Lebensgang David Rosins, anläßlich dessen 70. Geburtstages, und der Festlegung und Verbesserung vieler Jrrthümer in Kornicks „System der Zeitrechnung in chronologischen Tabellen", finden wir in dem Jahrbuch eine ganz ausgezeichnete Darstellung der judenfeindlichen Bewegung in Preußen am Anfang dieses Jahrhunderts von Max Freudenthal. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir diese Arbeit wie die von demselben Verfasser in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums" gegenwärtig erscheinende Artikelreihe über die ersten Emancipationsbestrebungen der Juden in Breslau als Bruchstücke oder Nebenarbeit einer ausführlichen Darstellung der Lage unserer Glaubensgenossen im vorigen Jahrhundert betrachten, deren Veröffentlichung wir bei den eingehenden Studien und der scharfen Auffassung der Verhältnisse, wie sie der gelehrte Verfasser in den vorliegenden Arbeiten zeigt, mit Spannung entgegensetzen. In dem Bericht über die judenfeindliche Bewegung bringt Freudenthal mit vielem Glück die Auffassung zur Geltung, daß die antisemitische Bewegung der Jahre 1802 und 1803, wie sie insbesondere in der Schrift des Berliner Justizkommissarius Grattenauer sich kundgab, aus dem Kampf der Romantiker gegen die Aufklärer entsprungen ist, da die sog. romantische Schule mit Recht in den Juden die eifrigsten Anhänger der Ideen der französischen Revolution, die die Juden erst zu Menschen, zu Bürgern gemacht hatte, sehen mußte. — Das Jahrbuch schließt mit einer spannenden Erzählung von D. Schornstein „Die Marannen", die im französischen Urtext 1861 in der „Verite israelite* erschienen ist. Wünschen wir den eifrigen Bemühungen des Verfassers und Verlegers den verdienten Erfolg! Berlin. Dr. S. Adler. — Heine-Almanach als Protest gegen die Düsseldorfer Denkmalverweigerung, herausgegeben in Verbindung mit hervorragenden Schriftstellern von der Litterarischen Gesellschaft Nürnberg. Ein vortreffliches Buch, ein Almanach, wie ihn in seiner Eigenart die deutsche literarische Welt noch nicht gesehen hat. Männer und Frauen sämmtlicher Richtungen lassen ihre Stimme ertönen zu einem einzigen großen Ruf der Entrüstung ob der Düsseldorfer Krähwinkelei. Da sind Paul Heyse, Hermann Lingg, Spielhagen, Rodenberg, Karpeles, Jensen, die Jungen und Jüngsten des schreibenden Deutschlands, Friedmann, Tellmann, ferner Arno Holz, Bierbaum, Frauen wie Bertha von Suttner, Wilhelmine von Preuschen, Elise Polko, Alle haben ihr Scherslein beigetragen und bewiesen, daß im Gewühl der schmutzigsten und ekelhaftesten Bewegung, welche die neueste Zeit gesehen hat, die geistige Aristokratie Deutschlands auf Seiten der Humanität, der Bildung und Gesittung steht. Der Heine-Almanach sollte in keinem gebildeten deutschen Hause fehlen. Sprectzsacrl. Sehr geehrter Herr Redakteur! Vor Jahresfrist beherrschte die Frage, ob der Sabbath auf den Sonntag zu verlegen sei, wieder viele Kreise. Ob die Frage heute noch auf der Tagesordnung ist, vermag ich nicht zu sagen. Gestatten Sie mir, einem Laien, aber treuen Israeliten, dennoch einige Worte darüber. Schon seit Wochen fühlte ich das dringende Bedürfniß, das Gotteshaus zu besuchen, aber die heutigen Geschäftsverhältnisse gestatteten es mir nicht, dieses Gefühl zu befriedigen, und so mußte ich bis heute darauf ver-