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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-01 · Heft 35 (1.9.1893) · p. Seite 418

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 35 (1.9.1893)
Date
1893-09-01
Page
Seite 418 (sequence 12)
Language
German
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418 Werk der so früh Dahingrschiedeneu, dos sich „Im Bode" betitelt, ist i», Grunde nur ein bildmüßig verwandter Akt. Aber die Figur hat quellendes Leben, sie ist ganz in der Weise der Impressionisten »nr in der Rücksicht auf Lichte und Schattenmirknngcu gezeichnet. Die Durchbildung der Körperformen, das Kolorit des Fleisches zeugt von ernstem Streben. Jammerschade, daß eine krankhafte Erregung Macht genug über die Künstlerin gewonnen, um sie in den Tod zu treiben. Sie Hütte den Freunden eines — im Gegensätze zur Tagesströmnng — ans Wiedergabe des Erquickenden. Anmuthigen und Erfreulichen gerichteten Kunstschaffens sicherlich noch manche dankenswerihe Gabe geboten... Es gehört oft Mnth dazu, das Leben zu „leben". Die „Alte Frau," welche Marie Magdalinski mit liebevollem Pinsel dargcstcllt, hat diese schwere Kunst verstanden. Wohl zogen Kummer lnrd Sorge manch' schwere Furche in ihre Stirn, wohl hat sie manche Erwartung im Leben getäuscht, manche Hoffnung sie betrogen, allein sie stand aufrecht in den Stürmen des Lebens und ist im Kampfe ums Dasein Siegerin geblieben. Ein Zrig von Selbstzufriedenhcit spielt um der Greisin welke Lippen; sie scheinen sich zip den Worten des Psalmisten — welche die Malerin als Motto wühlte — zu öffnen: . . . „Und wen» es köstlich gewesen, so ist es Müh' und Arbeit gewesen!" . . . Ernste, weihevolle Gedanken ruft Fritz v. Wille's „Judenfriedhof in der Eresburg" in uns wach. Trauerweiden und Cppresse», die Hüter der Abgeschiedenen, werfen ihre düster» Schatten aus den todtenstillen Hain . . . zwischen verwitterten, uralten Grabsteinen sproßt frisches, junges Grün, als wollte es dafür zeugen, daß mit dem Tode noch nicht Alles zu Ende, daß noch jenseits ein Gedanke sei. . . In den Orient führt uns Fuchs „Nildörfchen", I. Brasch's Aquarell „Arabischer Schuhflicker", Kuhnerts trefflich gemaltes „Endziel einer Wüstenwanderung", Adolf Brütt's reizende „Schwertschwingerin", endlich Ferencz Eisenhut's humorvolle „Schule in Kairo". Diese Lehranstalt scheint sich am Eingangsthor einer Moschee zu befinden. Eine Menge aller in der „Siegcsstadt" vertretenen Rassen, vom halbblntigsten Türkenjüngling bis zum vierjährigen Dreikäsehoch ans dem Ncgerstamme hocken am Boden und „lernen Wissenschaft", d. h. Lesen, Schreiben und Koran- Verse aus dein Gedüchtniß hermurmeln. Die scharfe Charakteristik der so verschiedenen Figuren ist dem Künstler ebenso gelungen, wie das nüanrcnreiche Dämmerlicht der Thorhalle. In Spanien und Italien suchen Nanny Feit und Moritz Erdmann, in England Sophie Wolfs, im nordischen Dünensande Adolf Schweizer, Lisbeth Goldbaum und Margarethe Grünwald ihre Stoffe. Skizzen aus dem Wienerwalde von unübertroffener Schönheit liefert Adolf.Kaufmann, während Lion Wcnban mit seinen landschaftlichen Studien und Julius Jacob mit seinen „Waldbildern" im deutschen Vaterlande bleiben. Der Letzterwähnte hat in seinem „Abbruch des Domes, von der Kaiscr-Wilhclmbrücke aus gesehen" eine ebenso schwierige, wie wenig dankbare Aufgabe mit bewundernswerthem Geschick gelöst. Lesser Urys „Frühlingslandschaft" zeigt die Eigenart ihres Schöpfers, sein merkwürdiges Farbentemperament, in hellstem Glanze. Hermann Schnee hat zahlreiche anheimelnde Szenen aus dem Thüringer Wald und dem Schwabenlande in einer Weise geschildert, die seine intime Kcnutuiß von Land und Leute» nicht minder als seine Künstlergabc verräth. Er hat u. A. auch das Paulsthor und de» Marktplatz in Goslar dargestellt. Goslar! . . . Wer denkt da nicht gleich an die „Reisebilder" und au Heinrich Heine, dessen Denkmal übers große Wasser wandern muß, weil sich in seiner deutschen Heimath, in all' den Städten am Rhein kein Plätzchen findet für den Dichter der „Lorelei". Seines Geistes einen Hauch hatte Hermann Hirsch, als er sein ergreifendes Gemälde schuf: „Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht . . .!" Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne finden ein Liebespaar erstarrt auf der Haide . . . Sie sind gewandert hin und her, Sie haben gehabt weder Glück noch Stern, Sie sind verdorben, gestorben . . . Auch Hirsch ist ein Realist, doch sein Realismus ist von der Art, daß er Schönheit und Wahrheit ohne Bruch vereint. In unserer gedankenarmen Zeit dürfen wir einem Künstler unsere Anerkennung nicht versagen, der uns zu „denken" giebt, ganz abgesehen davon, daß die malerischen Qualitäten des Bildes, gleichwie der anderen Schöpfungen Hirschs: „Herbsttag in der Mark" und „Motive aus Danzig", ganz vorzügliche sind. Ei» Werk von seltenem Reize ist Nathanael Sichel's „Bettlerin vom Pont des Arts". Sichel hat die Heldin der Hanffschen Novelle als träumerisches Mädchen mit in den Nacken fallendem schwarzen Lockenhaar geschaut. Sie hält eine Mandoline in der Hand, die bleichen, verhärmten Züge des schönen Antlitzes reden von Entbehrung, von Elend und Noth und zeugen, daß auch die wundervolle, gluthäugige Maid eine der Enterbten, ein Stiefkind j des Glückes ist. Eine heiterere Sprache reden Simon Glücklich; in seiner „Kleinen Schülerin", Julius Grün in seiner hübschen! „Fischerin" und seiner herzigen „Gratulation", Felix Schlesinger in der „Heimkehr", Fürst in seinen traulichen i Jamilienszenen, M. Ehrlich in seinen netten Genrebildchen, endlich ' Fanny Levy in ihrem „Großvater und Enkel". Ein alter i Arbeiter mit blauem Schurzfell, der einen schelmisch lächelnden j Blondkopf auf den Knieen schaukelt. Kinder sind auch die Haupt- ■ sigur in Maximilian Schäfers „Aus der Jugendzeit" - und in Berthold Grentzners fast das gleiche Thema be- , handelndem Bilde „Es war einmal . . ." Ein Bub' und ein j Mädchen sitzen im Großvaterstuhl und starren ins flackernde Kamin-! feuer, deß Heller Schein auf die hübschen jugendlichen Gesichtchcn! fällt. Unwillkürlich gedachte ich der sonnigen Tage der Kindheit. .. ich sah liebe, vertraute Gestalten, seltsame Gesellen in wunderlicher Tracht, ein sonderbares Kauderwälsch tönte von ihren Lippen, doch ihr Herz >var treu und gut . . . Aus meinen Träumereien fuhr ich erschreckt einpor, eine Hand legte sich auf meine Schulter, es war; Gumpels Bärele, der in den Dialekt seiner Kinderjahre verfallend i sich mit der Frage an mich wandte: „Wollen Sie Meier Krämer j sehen?" Er führte mich zu Isidor Kanfnrann's prächtigem; Bildchen „Isaak der Trödler". Mag auch Kaufmanns Genre, s seine Vorliebe für Gestalten aus der polnischen Gasse nicht nach , Jedermanns Geschinacke sein, doch wird man zugeben müssen, daß er j sein Genre mit vollendeter Meisterschaft beherrscht, mit Liebe und ' gemüthvollem Humor in das Wesen der jüdischen Typen, die er sich i zum Vorwurfe nimmt, eindringt und seine Bilder mit anheimelnder! Sauberkeit ausführt. „Meier Krämer, wie er leibt und lebt!" meinte mein Gefährte, auf „Isaak den Trödler" weisend. „Gerade; so pflegte Meier Krämer „Speiszunacht" (Sonnabeird Abend) die i alten Hüte und Stiefel, die Uhren und Bilder und den übrigen i „Urväter Hausrath", den er im Laufe der Woche eingehandelt, auszupacken, jedes Stück einer eingehenden Besichtigung zu unterziehen : und dann bequem in seinem Lehnstuhl Betrachtungen darüber an-! zustellen, was wohl an den einzelnen „Waaren" zu verdienen wäre, j Vergnügt schmunzelte er, wenn die „Prüfung" günstig ausfiel, und das geschah fast immer, denn Meier ist ein kluger, geschäftskundiger Mann.

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