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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-01 · Heft 35 (1.9.1893) · p. Seite 420

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 35 (1.9.1893)
Date
1893-09-01
Page
Seite 420 (sequence 14)
Language
German
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420 zichten. Heute ließ es mir aber keine Ruhe und ich besuchte den Gottes-. dienst der jüdischen Reform-Gemeinde. * Wenn ich auch durch die geistvolle und anregende Ansprache des Herrn Dr. Levin erbaut und zum Nachdenken angeregt worden bin, so ließ mich der Gottesdienst sonst kalt. Zu einem jüdischen Gottesdienst gehört das hebräische Gebet, es wird nicht durch das „Schma Israel" und einige hebräische Sprüche an den Wänden ersetzt. Mein Erstaunen! wuchs, als ich unter den zahlreichen Andächtigen hauptsächlich junge Leute! sah, ein erfreuliches Zeichen, daß die Jugend wohl die Gelegenheit sucht, das Wort Gottes zu hören. Es ist viel darüber gestritten worden, ob mit Aufgabe des Sonnabend > als spezifisch jüdischen Ruhetages nicht ein großer Theil des Judenthums j geopfert werde, und bin auch ich der Ansicht, daß der Sonnabend als j fDvT in seiner jetzigen Form und Feier erhalten bleiben muß. Aber was ich und mit mir wohl Tausende verlangen und fordern, ist, daß uns Gelegenheit gegeben wird, an dem einzigen freien Tage die Religion zu pflegen und das Gotteswort zu hören. In unserer Zeit, wo von den Frommen und von der Kanzel, vom Thron, von Behörden, Konferenzen, Politikern der verschiedensten Parteien über die Abnahme der Religiosität, über die Gleichgiltigkeit dem Glauben gegenüber geklagt wird, muß unter allen Umständen etwas geschehen, um unsere Jugend, speziell die jüdische Jugend, ins Gotteshaus zu ziehen. Der Sonnabend kann einstweilen nicht als Ruhetag gelten, also muß an dem freien Sonntag etwas geschehen. Mögen die Gelehrten mit all ihrer Spitzfindigkeit gegen einen Sonntags-Gottesdienst eifern und einen solchen als „diillel hasdiem“ oder „cliukas hagoj“ bezeichnen, er wird das Gegentheil bezwecken und zur Verherrlichung Gottes und zur Hochhaltung des Judenthums beitragen.! Und wie ich mir einen solchen Gottesdienst denke?! Er beginnt um 10 Uhr und dauert bis 11 Uhr.! Er wird mit dem Gesänge des „MatoAvn“ eingeleitet, dann bei j „jisrhtabach“ begonnen und bis nach der „Sdirnoneesra“ durchgebetet, j Hierauf beginnt das Ausheben der Thora in der sabbathlichen Form und! es wird der Thora-Abschnitt vom Sonnabend Nachmittag verlesen. Einj heben, Ansprache, Alenu und Schlußgesang, Alle bisherigen Eigenthümlich-! leiten, wie „Barmitzwas*, Besuch des Gotteshauses nach der Verheirathuna,! einer Wöchnerin, „Misdieberaclis" re. bleiben ausschließlich für den Sonnabend reservirt, gleichzeitig um den Sonnabend als eigentlichen Festtag zu stempeln. Nun noch ein Wort über die Art der Ansprachen. Ich möchte die bisher übliche Art und Weise unserer Predigten von diesen Sonntagen fern gehalten wissen. Diese Ansprachen sollen fast ausschließlich dazu dienen, das Interesse an unfern Glauben, an das Judenthum wachzurufeu und rege zu halten. Es müßten populär-wissenschaftlich gehaltene Vorträge sein, die die Geschichte Israels, seiner Propheten, seiner bedeutenden Männer uns vor Augen führen. Was kennt denn die große Menge vom Judenthum, kaum dem Namen nach die Propheten, ihren Inhalt gar nicht; hier sollte eingesetzt werden, der Jude soll an seiner Vergangenheit Interesse nehmen, soll seine Vorfahren kennen, lieben und achten lernen, sich an den Thaten der Heroen begeistern, vor allen Dingen sich für sein Volk und seinen Glauben erwärmen. Unsere Rabbiner haben gerade das Zeug dazu, diese dankbare Aufgabe zu lösen, ihnen ist es gegeben, durch die Fülle ihres Wissens, durch ihre anerkannte Beredsamkeit auf das Gemüth der Masse zu wirken. Mag die hiesige Gemeinde mit Errichtung solcher Gottesdienste vorangehen, sie wird sich Anerkennung und Dank vieler, vieler Israeliten! verschaffen. Genehmigen Sie, Herr Redakteur, die Versicherung meiner Hochachtung.! Berlin, 20. August. Ergebenst II. E. I d | In der letzten Nummer dieser Zeitung schreibt Herr Max Graf! aus Gr.-Glogau anknüpfend an meinen Aufsatz in Nr. 31, „Der Gottesj dienst" empfehlende Worte über das Gebetbuch der Glogauer Gemeinde,! vor dessen Autor ich die größte Hochachtung habe. Auch unsere Ansichten ' über die Gebetbuch- und Kultusfrage decken sich. Herr Graf schreibt: , „Es habe den Anschein, als existire ein solches (von mir gewünschtes)! Gebetbuch nur in meiner Idee", und weist dem gegenüber auf das in! seiner Gemeinde eingeführte Gebetbuch lobend hin. Es hat den Anschein, j als habe Herr Gras die Pointe meines Aufsatzes nicht ganz richtig ausi gefaßt. So sagte ich: „Einer Reform des Gottesdienstes und des Gebetbuches sind schon verschiedene Gemeinden näher getreten, aber jede Gemeinde wiederum für sich allein." Nachdem ich nun die einheitlichen Bestrebungen der westfälischen Gemeinden in Bezug auf Gottesdienst und Gebetbuch präzisirt, fragte ich in dem betreffcnben Aufsatze: „Möchte es sich sich denn gar nicht ermöglichen lassen, daß sich die Rabbiner Deutschlands vereinigten und für Deutschland ein neues zeitgemäßes Gebetbuch schafften?" Der Schlußsatz lautete: „Möchten doch unsere berufenen Führer dieser Anregung Folge geben." — Das und das allein war die Pointe. Wohl weiß ich, daß Glogau nach den auch mich bewegenden Ideen sein Gebetbuch besitzt; wohl weiß ich, daß noch mehrere Gemeinden ihr neues Gebetbuch haben: aber jede Gemeinde hat dies nur für sich und ihre Bedürfnisse. Mein Wunsch geht aber dahin, daß aus dieser Vielgestaltigkeit sich etwas Gemeinsames, eilte Einigkeit Herauskristallisiren möchte. Ich hoffe nicht, daß dieser gute Wunsch für alle Ewigkeit ein frommer Wunsch bleiben wird, und wiederhole nur den Schlußsatz: Möchten doch unsere berufenen Führer dieser Anregung Folge geben! Der Mann aus Westfalen (Julius Ruhstadt in Soest). Wem wird nicht das humane Vorgehen der türkischen Regierung gegenüber unfern Brüdern bekannt sein? Zweimal griff dieselbe mächtig in das Geschick der Juden erfolgreich ein. Das erste Mal, als Spanien eine halbe Million Juden dem Scheiterhaufen, der Beraubung und der Vertreibung weihte, da nahm die Pforte sich der Heimathlosen an und räumte ihnen Unterkunft in den weiten Ländereien ihrer Herrschaft ein. Vierhundert Jahre verflossen seit damals. Israel lebte in der Türkei unangefochtener und glücklicher als in der christlichen Welt. Nun setzte sich das heilige Rußland und Rumänien ein gleich hohes Ziel der Vernichtung und der Austreibung der Juden. Abermals suchten und fanden die Juden, wie so oft schon, Schutz und Unterkunft am Goldenen Horn. Allein dieses Mal fällt die rettende Aktion der türkischen Negierung knapp aus, wenn auch dieselbe doch verhältnißmäßig viel mehr leistete, als manche hochcivilisirte Nation Europas. Es mag sein, daß die Türkei vor 400 Jahren noch kraftstrotzend Europa ihr Machtgebot auferlegte — daher dieselbe auch Großthaten ohne Veto Europas auszuführen im Stande war, während das Osmanenreich der Gegenwart dem Machtgebote Europas gehorchen und alle seine Entschließungen jenem gewaltigen Willen anpassen muß. Wie immer es sei - unsere armen Brüder befinden sich in einer viel ernsteren und bedrängteren Situation wie vor 400 Jahren. Die Türkei nahm wohl 800 jüdische Familien, welche im Begriffe waren, nach Palästina sich einzuschiffen, auf. Doch diese Aufnahme kann nur den Werth einer halben Wohlthat für sich in Anspruch nehmen, da für deren Erwerb nicht auch vorgesorgt wurde. Die betreffenden Familien wurden dislogirt, ihnen Baracken außer der Stadt errichtet und einige Piaster täglich pro Familie gegeben, allein das ist wohl Alles, was für diese unglücklichen Menschenkinder gethan wurde. Bei dem Umstande, als der Herbst herannaht und das Elend unaussprechlich ist, wandten sich einige an die wenigen russischen Stammes - genossen um Hilfe. Wer aber sollte ihnen Hilfe gewähren, etwa die wenigen armen aschkenasischen Familien, die selbst meist von kargbemessenem Taglohn oder sonst welchem knappen Erwerb leben? Wir richten daher unfern Appell an jene Männer in Israel, welche stets hilfsbereit ihren armen Stammesbrüdern beispringen, wir appelliren an den hochherzigsten Spender, den Baron Hirsch. Er allein kann mit relativ geringen Mitteln für diese Familien Kolonien in der Türkei errichten und ein Werk schaffen, das sich würdig seinen Großthaten anschließen würde. Im Namen von hunderten ausgehungerten Menschen rufe ich die öffentliche Wohlthätigkeit an. Möge dieser mein Ruf baldigst erhört werden, auf daß nicht diese Nothleidenden dahinsiechen vor den Augen, welche sonst das Elend in der neuen wie in der alten Welt stets gesehen und dasselbe mit großen Opfern zu lindern gesucht haben. Sofia, 20. August. vr. meci. Rüben Vierer. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlm. Verantwortlich für die Redaktion - Mar Vauckwitj in Berlin.

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