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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-14 · Heft 15 (14.4.1893) · p. Seite 176

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 15 (14.4.1893)
Date
1893-04-14
Page
Seite 176 (sequence 8)
Language
German
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17o aus. . .. Und Mannheimer? Als dieser sich nach einiger Zeit sagen mnßtc, das; der Mann infolge seines Wegbleibens durch den Entgang der ihm sonst zugeführtcii Unterstützungen zu Schaden konnue, suchte er denselben heim, und ohne auch im Entferntesten merken zu lassen, was vorgcfallen war. erkundigte er sich um sein Befinden und lud ihn ein, ja seine Besuche nicht ciuznstelleu. Und wie feilt Herz, so war seine Sprache: edel, aufrichtig, ehrlich. Tic non ihm verfaßten Gebete sind so wirkungsvoll und von überwältigendem Eindrücke, weil sie die Sprache des Herzens reden. Was die Predigten Mannheimers betrifft, so erscheinen dieselben am besten chnrakterisirt, wenn ich das reproduzire, was er im Allgemeinen als Norm für de» Prediger vorschreibt: „Die Hauptsache in dieser Beziehung bleibt immer die innere Verbindung der Gedanken, nicht der Faden, der sich von außen um das Ganze schlingt und ihm eine gewisse Einheit giebt. Die Gedanken müssen in sich Zusammenhängen, folgerecht aus einander sich entwickeln, sie müsse» wie Lichtstrahlen in einem Breunpnnkte sich einigen. Daher wir auch nie einen Gegenstand wühle» und der Gemeinde zur Beachtung und Beherzigung vorlegcn sollen, van dessen innerer Lebcnskrast wir nicht durchdrungen sind. Wo das ist, da ordnen sich auch die Gedanken und fügen sich, für jeden Gedanken findet sich auch das rechte Wort, und cs wird dem Ganzen die Rundung, dem Einzelnen die Haltung, dem Gedanken die Klarheit, dem Worte die Kraft nicht fehlen und nicht nusgehen. Alle übrigen Kunstgriffe mit) Regeln sind Behelfe und jeder Behelf ist störend und wirkt hemmend ans die innere schaffende Kraft des Geistes ein." Rabbi Iochanans Wort: „Ucberall, wo du seine Größe findest, da findest du seine Bescheidenheit", fand an Mannheimer seine Anwendung und Bewährung. Olt that er die Aenßernng, daß seine Bcredtsamkcit derjenigen der Doktoren S. R. Hirsch und M. Sachs nachslehe. Insbesondere rühmte er an diesen, daß sie unvorbereitet die eindrucksvoll sie» Predigten zu halten im Stande seien. Bekanntlich bereitete sich Mannheimer für seine zu haltende Sabbat-Predigt an dem der Abhaltung derselben vorangehenden Mittwoch vor. Klassisch wie seine Predigten sind die von ihm gelieferten Uebcrsctznngcn. Sie decken sich vollständig mit dem hebräischen Texte und lassen vergessen, daß sie Ilebersetzungeu und keine Originale sind. Seine Gebetsübertragnngen erwecken daher in dem Leser die vollste Andacht und erzeugen die ernsteste Stimmung. Die an ihn herantraten, fanden von seiner Seite das liebenswürdigste Entgegenkommen. Ob Gemeindevertreter oder Gemeindeangestellter, ob Standcsbesucher oder Bitlsteller, ob Bemittelter oder Unbemittelter — Jeder konnte ans einen freundlichen Empfang rechne». Jüdischen Gelehrten trat er mit Ehrerbietung entgegen ohne Rücksicht daraus, ob sic einer der seinen entgegengesetzten religiöse» Richtung angehörte». Ja, sein entgegenkonunendes Verhalten erfuhr keine Minderung, wenn der an ihn sich Wendende ihn persönlich angegriffen hatte. Als Kompert wegen Berössentlichnng des Graetzschen Anssatzes über Ics. Kap. .',8 in einen argen Prozeß verwickelt wurde und Mannheimer in Gemeinschaft mit dem seligen Rabbiner Hvrowitz ihr Gutachten dahin abgaben, daß der Glaube au den persönlichen Messias nicht zu den Dogmen des Jndenthnins zähle, hielt es eine Anzahl orthodoxer Rabbiner für angemcsscn, ein Auathem gegen die ehrwürdigen Männer zu schlendern. Die Verhältnisse fügten es aber, daß so Manche dieser Eiferer später die Unterstützung Mannheimcrs in Anspruch zu nehmen bemüht waren. Ohne jeden Groll im Herzen und ohne im Entferntesten es merken zu lasse», wie tief tränleiid für ihn ihr Verhalten gewesen, stellte er sich ihnen und — wie hinzu gefügt werden »ms; — mit dem erwünschte» Erfolge zur Verfügung. Von seinem heftigsten Gegner, dem berühmten Preßbnrger Rabbiner Moses Sofer s. A., sprach er mit der voststen Hochachtung und größten Anerkennung. Nur — so nrtheilte er — befand sich derselbe in dem Jrrthum, das; das jüdisch-religiöse Leben sich so einfiihren ließe, wie er es sich konstruirte und in seiner Gemeinde in Uebnng fand, weil er nicht wußte, daß dieselben Leute, welche in Preßbnrg scheinbar die rigorosesten Observanzen aufs minutiöseste erfüllten, bei ihrem Aufenthalte in Wien cs hierin weniger skrupulös nahmen: sie absolvirten am Sabbat ihre Geschäfte, aßen und tranken, wo es ihnen besser mundete, rc. Ihm war also der Konflikt zwischen Leben und Lehre nicht bekannt, und deshalb wollte er von dem Bestreben, hierfür einen Ausgleich zu suchen und z» finden, nichts wissen. Mannheimer hatte auch Anlaß, gegen die Einführung einer geistlichen Gerichtsbarkeit im österreichischen Judenthnm Front zu machen. Unter Kaiser Franz wurde nämlich seitens eines hervorragenden und einflußreichen orthodoxen Rabbiners ein Memorauduni in diesem Sinn Sr. Majestät überreicht. Dieses Memoranduin erhielt die große Signatur. Mannheimer erfuhr davon. Ungesäumt unternahm er Schritte dagegen, indem er zur Geltung brachte, daß beispielsweise sein eigenes religiöses Leben nach Anschauung des Antors dcs Memorandums sehr leicht der geistlichen Iudieatnr unterzogen werden konnte, und doch sei er ebenso ein jüdischer Seelsorger wie dieser. Die Erledigung des Memorandnins unterblieb und das österreichische Jndenthum wurde vor einem großen Unglück bclvahrt. Ich resnmire: Mannheimer zählte zu den Edelsten und Besten seiner Zeit und seines Volkes, prädcstinirt, eine neue Generation mit schaffen zu helfen, in die erstarrten Seelen neues Lebe» zu flößen, die erkalteten Herzen zu erwärmen, den Wankenden Halt und Festigkeit zu geben, die Gesunkenen anfznrichten. Mir war es gegönnt, diesem seltenen und großen Manne während seiner Anwesenheit in Kremsier im Jahre 1848 näher zu treten. Seitdem ward mir das Glück zu Theil, bis au sein Lebensende öfteren Verkehr mit ihm zu Pflegen. Wie viel Habe ich diesem Verkehre zu danken! Sein Wvhlivollcn mir gegenüber zeigte sich in eigenthümlicher Weise. Ter Buchdrucker Adalbert della Dorre beabsichtigte, Bachjas „CliowatJi lialewcnviilli“ in einer neuen deutschen Uebersctzung herauszugebcn. Er ließ daher durch seinen Korrektor, den bekannten Gelehrten und Bibliographen S. G. Stern, Mannheimer bitten, er möge ihm einen Schriftsteller bezeichnen, den er mit der llebersetznng des genannten Werkes betrauen könne. Mannheimer schlug, ohne mir hiervon eine Mittheilnng zu machen, mich vor. Della Dorre, den ich bis dahin nicht kannte, trat daraufhin mit mir in Unterhandlung. Ich erklärte aber, nicht früher diese Arbeit unternehiucn zu wollen, bis nicht der unvergessene Dr. Abraham Geiger den, ersten Bogen, den ich probeweise liefern wolle, gelesen und approbirt haben werde. Das ist mich geschehen. Die von Geiger zu dieser Ausgabe der „Chowatli lmlewowalh" gelieferte und das Datum Breslau, 3. Juni 1853 tragende ausgezeichnete Einleitung war für mich die glänzendste Genngthnnng. Leider läßt der Druck des Buches infolge von Umständen, deren Darlegung einem anderen Orte Vorbehalten bleibt, Manches an Korrektheit zu wünschen übrig. Mit einem Herzen voll Dankbarkeit und Pietät schreibe ich diese Zeilen nieder. Sie bezwecken nicht, ein Lebensbild Mannheimers zu geben, dazu fehlen mir einerseits die erforderlichen Quellen und andrerseits halte ich mich dazu nicht berufen und befähigt. Was ich beabsichtige, ist: die Aufmerksamkeit, insbesondere der österreichischen

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