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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-14 · Heft 15 (14.4.1893) · p. Seite 175

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 15 (14.4.1893)
Date
1893-04-14
Page
Seite 175 (sequence 7)
Language
German
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Ob dieselbe im Druck erschienen, ist mir nicht bekannt. Der Klang seines Namens drang weithin. Wir finden ihn in Hamburg und Berlin sein Heilprogramm verkünden. Die Edelsten und Besten unseres Volkes waren seine Partisane. Daß seinem streben auch Hindernisse sich entgegenstellten, ist begreiflich; nicht immer sind die Wege zum Edlen, Guten und Schöne» geebnet und glatt. Schließlich wurde doch erkannt, daß dieses Streben geeignet sei, sie Gemeinde Israel zur Einigung und Kräftignng im Geiste zu führen. Mannheimer hielt seine Vorträge in Berlin am Sonntag. Dies wurde absichtlich oder mißverständlich so ausgelegt, als ob er den Sabbat auf Sonntag zu verlegen das Streben gehabt hätte. Nichts ist irrthümlicher: Mannheimer war im Grunde genommen konservativ. Deutlich spricht sich dies in einer Bemerkung aus, die rr über die Versuche macht, welche in Deutschland bezüglich neuer synagogalcr Einrichtungen unternommen worden sind. „Manches ward begonnen und Weniges ward vollendet. Manches ins Leben gerufen, das sich nicht konnte erhalten — weil man einerseits jede Läuterung als Neuerung abwies, andrerseiis wirklich die Grenzen der Mäßigkeit überschrilt und das Ansehen und die Würde der bestehenden alten Form nicht zu würdigen geneigt war." Ter konziliante Sinn Mannheimers zeigte sich ebenso in seinem privaten wie in seinem öffentlichen Wirken. Es ivendeten sich ihm auch deshalb alle Sympathien zu. Kein Wunder, daß die Wiener „Israelitischen Einwohner" ihre Ausmerksamkeit aus ihn lenkten, als sie daran gingen, durch den Bau eines Bethanses einen Sammelpunkt für ihre Mitglieder zu schassen. Wissend, was sie ihrem Glaube», sich selbst, der Heranwachsenden Jugend, ihrer Umgebung, der Kaiserstadt, der Metropole des Reiches schuldig seien, strebten sie es an, alle Mittel in Anwendung ’,» bringe», zur Hebung des Ansehens des Jndcnthnms, „zur Wiederbelebung der Andacht und des religiösen Sinnes, zur Aneiferung im Gute», zur Befestigung der Bande der Eintracht und Anhänglichkeit." Die Acauisition Mannheimers war ihnen gleichbedeutend mit der Erfüllung dieser ihrer Herzenswünsche. Als nun das Bethaus im Monat Nissan 5580 (April 1820) eröffnet wurde, fand cs Mannheimer als seinen spiritus reetor. Der heilige Ernst, der ihn erfüllte, das Bewußtsein, das er von dem hatte, was noth thut, um Israels Ansehen zu heben, den religiösen Sinn zu wecken, die Ehrfurcht vor den Institutionen unserer Religion wach zu rufen, das Organisationstalent, das er wie nicht sobald ein Zweiter besaß, die Macht seiner Beredtsamkcit, der Zauber seiner ganzen Persönlichkeit: diese Momente trugen dazu bei, daß das Wiener Bethaus in nicht langer Zeit ein Wallfahrtsort lvurde für Luden und Nichtjuden, für Einheimische und Fremde. „Die Vertreter und Repräsentanten der israelitischen Einwohner Wiens" konnten daher bereits im Jahre 1829 mit Stolz und Gennglhnung sagen: Das Wort Gottes, das da ansging von dem Gotteshanse, fand eine willige Aufnahme, die Sehnsucht nach dem Heiliglhmn wurde mehr als früher wachgerufen und fand ihre Befriedigung, die Feste des Herrn wurden wieder mit Feierlichkeit begangen, und es sind die heilsamen Wirkungen der ne» belebten Andacht aufs Mannigfaltigste sichtbar geworden." Es verdient erwähnt zu werden, daß in Kremsier vor mehr als einem halben Jahrhundert Kardinal Sommerau einem jüdischen Mädchen als Prämie Mannheimers Gebetbuch mit der Bemerkung übergab, dasselbe ja hoch zu achten, die Uebersetzung rühre von dem berühmten Prediger Mannheimer her. Die Verehrung, welche Mannheimer in den hervorragendsten christlichen Kreisen genoß, erhielt den prägnantesten Ausdruck darin, daß er ein Abgeordneten-Mandat in dem ersten österreichischen Reichsrath im Jahre 1848 erhielt. Hier hatte er Gelegenheit, das zu bethätigen, was er anderweitig ausgesprochen: „Ich fordere Selbstständigkeit des Geistesund lebendige Kraft des Wortes von den Lehrern meines Volkes, wie ich die freie Kraft und Regsamkeit des Lebens für mein Volk in Anspruch nehme, wo immer ich sie verkürzt und beschränkt sehe." Sein Freimuth und seine Unerschrockenheit vor Hoch und Nieder - auch Niederen gegenüber ist häufig Freimuth und Unerschrockenheit nöthig — war das Ergebniß seines stark ausgebildeten Rechtsgefühls, seiner weitestgehenden llneigennützigkeit, der rührenden Bescheidenheit seiner Ansprüche an das Leben. Den gleichen Freimuth bewährte er in seinen Predigten. Gar oft waren es bis zur Rücksichtslosigkeit gehende strenge Worte, die er an die sogenannten Großen seiner Gemeinde richtete. Gleichwohl konnte er sagen: „Mein Beruf führte mich in die Hütten und in die Paläste, und überall schlossen sich mir die Herzen auf." Es ist dies der Segen eines jeden ehrlichen Wortes: es ist unwiderstehlich. Nicht nur die Herzen, auch die Kassen schlossen sich ihm auf. So geschah es — dies verdient registrirt zu werden — daß er an einen unserer Plntokraten herantrat, um denselben zur Theilnahme an der Ansführnng eines beabsichtigten Humanitären Unternehmens zu veranlassen. „Hier haben Sie die Kasseschlüssel; nehmen Sie aus der Kaffe, was Sie zur Erreichung des Zweckes für gut befinde»!" war der Bescheid. Es erstanden und erblühten unter seiner Mithilfe thatsächlich Wohlthätigkeitsanstalten, die unserer Gemeinde zur Ehre und ihm zu ewigem Ruhme gereichen. Dabei konnte ihn nichts unangenehmer berühren, als davon sprechen zu hören; er war Feind jeder Reklame. Das Gute, das um des Guten willen geschieht, braucht diese nicht. Wie der durch ihn orgamsirtc Gottesdienst ohne viel Aufhebens in der Ocffentlichkeit inner- und außerhalb Oesterreichs für viele jüdische Gemeinden als Beispiel und Muster dienle, so war es auch rücksichtlich des von ihm geübten praktischen Jndenthums der Fall. Wie er „in de» Hütten" verkehrte, davon sind rührende Züge vorhanden. Ein armer hebräischer Litterat erkrankte. Mannheimer erfuhr davon. Troß Winterfrost und Schneegestöber suchte er ihn auf. Er fand ihn über einem Buche. „Was lesen Sie da?" fragte er de» vor Ileberraschung sich schwer sammelnden Mann, welcher in nothdürftiger Hauskleidung sich befand, ihm das Buch überließ und hinwcgeilte, um sich in seine armseligen Feiertagskleider zu werfen. Zurückgekehrt fand er Mannheimer mit dem Buche in der Hand. Dieser unterhielt sich noch eine Weile mit dem Kranken über das Gelesene und entfernte sich, Der arme Mann schlug das Buch wieder ans — welche Ileberraschung! Eine Hundertgulden-Note war die zurückgebliebene Spur von Mannheimers Besuch. Ein Anderer genoß Mannheimers besondere und stete Rücksichtnahnie. Eines Tages kam derselbe eilends mit der Bitte, Mannheimer möge ihm zur Befriedigung eines ihn drängenden Gläubigers mit dem erforderlichen Betrage aushelfen. Schnell bereit es zu thun, gab Mannheimer ihm eine größere Banknote mit der Bemerkung, er möge diese wechseln lassen und den über den erforderlichen Betrag erübrigenden Rest zurückbringen. Der gute Mann blieb aber

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