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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-13 · Heft 46 (13.11.1891) · p. Seite 544

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 46 (13.11.1891)
Date
1891-11-13
Page
Seite 544 (sequence 4)
Language
German
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Irr der Debatte sprechen noch die Herren Dr. Felix Liebermann, Dr. Stern (Wien), Ziffer er (Wien). Herr Geh. San.-R. Dr. Kristeller zieht seinen Antrag zu Gunsten des von Prof. Lazarus gestellten Antrages zurück, der darauf einstimmig angenommen wird. Es wird dabei nach dem zu Beginn der ersten Sitzung festgestetlten Abstimmnngsmodiis abgestimmt. Die Debatte über den Antrag der Kolonisationskommission wird fortgesetzt und es sprechen noch die Herren M. W. Hinrichsen (Hamburg), Dr. FriedLä n der(Posen), zum Schluß der Berichterstatter K. E.Fr an z os- Der Antrag des Ausschusses bezüglich Brasiliens wird nun in folgendem Wortlaut einstimmig angenommen: „Der geschäftsführende Ausschuß des Deutschen Centralkomitees widmet seine Fürsorge zunächst der Erforschung der Kolonisationsverhältnisse in Brasilien." Die Versammlung wendet sich darauf zu dem Amerika betreffenden Anträge des Herrn Dr. Goldmann bezw. Dr. Lachmann, den wir aus den bereits erwähnten Gründen hier übergehen und der einstimmig angenommen wird. Der stellvertretende Vorsitzende erklärt nunmehr: Es ist sicherlich auch Ihr Wunsch, das wir von dem Resultat unserer Verhandlungen Herrn Baron von Hirsch Nachricht geben und ihm telegraphiren, daß wir seiner in Dankbarkeit gedacht haben. Meine verehrten Herren! Gestatten Sie mir, Ihnen meinen persönlichen Dank und den des Ausschusses für die innige Theilnahme auszusprechen, mit welcher Sie unseren langwierigen Verhandlungen gefolgt sind. Wenn auch noch nicht Alles zur Zufriedenheit erledigt ist, so habe ich doch die Empfindung, daß wir auf dem besten Wege sind. Die Schatten des Abends fielen immer tiefer, in unserer Mitte war es dennoch klarer geworden. Ueber die letzten Punkte ist ja ein volles Einverständnih erzielt worden. Ich hoffe, daß unsere Arbeit zu einem Hitfs- und Rettungswerk werde und daß wir uns in Freuden Wiedersehen werden. (Beifall). Herr Loeb (Paris) und Herr Plotke (Frankfurt a. M.), Herr Karminski (Straßburg i. E.>, Herr Redakteur M. A. Klausner (Berlin) sprechen hierauf dein Ausschuß und dem stellvertr. Vorsitzenden für seine wohlwollende und schneidige Führung der Geschäfte den Dank aus. (Lebhafter Beifall.) Hierauf erklärte Herr Kommerzienrath Goldberger die Delegirtenversammlung für geschlossen, welche in ihren Resultaten sicher von hoher Bedeutung für das Rettungswerk an den russischen Juden werden wird. O Mols und Lumm. Von Dr. Adolf Jellinek. Ein uraltes, anschauliches prophetisches Bild von der Zeit des ungetrübten Friedens, welche in die Geschichte der Völker einziehen wird, ist das friedliche Zusammenleben von „Wolf und Lamm". Der Friedensfürst wird der Hort der Armen, der Rechtsanwalt der Gebeugten sein, nicht ein scharfes Schwert wird er um seinen Leib gürten, sondern Gerechtigkeit und Treue. Nicht blos die Menschen werden sanftmiithig und friedliebend sein, sondern selbst die wilden, vernunftlosen Thiere. Der reißende Wolf wird mit dem sanften Lamme in Eintracht zusammenwohnen in der Friedensepoche der Menschheit. Dieses prophetische Bild ist durch die jüdische Sibylle auch den Völkern bekannt und durch Vergil weithin verbreitet worden. Der Monat November dieses Jahres ruft uns das Bild von Wolf und Lamm lebhaft in die Erinnerung zurück; denn am Dritten desselben haben Hunderte von Mitgliedern europäischer Parlamente in Rom zu einer Friedenskonferenz sich versammelt. Die alte Welthauptstadt wurde nach der Sage von Männern gegründet, welche von einer Wölfin genährt wurden, und das Thier, welches ihr ausdruckvollstes Symbol ist, ist die blutgierige Wölfin. Ein Meer von Blut bezeichnet ihren Gang durch die Weltgeschichte. Das Thierzeichen Judäas ist gleichfalls nach prophetischer Redeweise, das sanfte geduldige Lamm. „Wie kann," ftagte der Kaiser Hadrian einen jüdischen Weisen, „ein Lamm unter siebzig Wölfen, Juda unter siebzig feindseligen Nationen sich erhalten und fortbestehen?" „Es hat einen ausgezeichneten, sorgsamen und mächtigen Hirten", lautete die Antwort. In der Stadt der Wölfin also wurden in den ersten Tagen des November 1891 Reden gehalten, um die blutigen Schwerter aus der Entwickelung jder Menschheit zu entfernen, den mörderischen Kriegen Einhalt zu thun und eine Epoche friedlicherlSchiedsgerichte zu inauguriren. Wo fragen wir, wird in der Geschichte der Völker den Sieg davontragen, Roma die Wölfin, odxr Zion das Lamm? Man wird von den Schauern einer unvergleichlichen Ehrfurcht ergriffen, wenn man erwägt, daß die hebräischen Propheten in Jerusalem von Jahrtausenden verkündet haben, daß eine Zeit anbrechen werde, in welcher keine Nation wider die andere das Schwert erheben und die Völker mit der Kriegskunst sich nicht beschäftigen werden. Sie waren wohl Schwärmer, Idealisten, Utopisten, unpraktische Träumer, Phantasten genannt, weil sie die Philosophie des Krieges, daß er nämlich zur Civilisirung der Völker viel beiträgt, zurückwiesen, von dein Fortschritte der Menschheit zur wahren Civilisation und echten Humanität tief überzeugt waren und mit lauter Stimme und mit einer Begeisterung, deren nur das göttliche Genie fähig ist, von der ungetrübten Friedenszeit in den Annalen der Nationen predigten. Nein! Die Männer, welche den höchsten Ruhm Israels bildeten und durch deren Mund der Geist des Judenthums in seiner ganzen Herrlichkeit und Schönheit sich offenbarte, waren keine Träumer, sie überragten nicht bloß ihr eigenes Zeitalter, sondern auch die späteren Jahrtausende. Wer hätte noch vor einem halben Jahrhundert es gedacht, als Elihu Buritt wegen seiner Friedensproklamationen verspottet wurde, daß im römischen Capitol angesehene Politiker und ausgezeichnete Männer Zusammentreffen werden, um für diese Offenbarung unserer Propheten Propaganda zu machen? Darum Geduld, Muth, Ausdauer, Beharrlichkeit, Festigkeit, unerschütterlichen Glauben an unsere große, welthistorische Mission, Hoffnung und Zuversicht, daß wir nicht vergebens Märtyrer der höchsten Ideen und der lautesten Wahrheiten sind, ein in wunderbarer Weise geschütztes Lamm inmitten reißender und raubsüchtiger Wölfe. In höchst interessanter Weise kommt unser Glaube an den endlichen Sieg von Friedenskonferenzen in unserer Liturgie zum Ausdrucke. Das Passahfest, welches der Freiheit gewidmet ist und den Glauben an die Befreiung der Völker trotz aller Pharaonen in uns befestigt, schließt mit jener Rede des Propheten Jesaia, in welcher unter dem Bilde von „Wolf und Lamm" das Reich des Friedens und die Herrschaft der Gerechtigkeit verkündet werden. Das ist der letzte Accord unseres Erlösungsfestes. Für uns die Freiheit, für die Völker der Friede; nach dem Lorbeer der Freiheitskämpfe der Oelzweig des Friedens in der Geschichte. Ohne Freiheit der Bekenner des Judenthums kein Frieden der Nationen. Ungestörte Freiheit, ungetrübter Friede, das ist unser Glaube, unsere Hoffnung, unser Programm, unsere Politik. * Moralischer Unterrichtszrvang. Von Bernhard Tranbenberg. „Wer die Schule hat, hat die Zukunft", lautet ein weiser Spruch. Es sind wahrlich keine erquickenden Gedanken, die dies Wort mit Bezug auf die Zukunft des Judenthums in uns Hervorrufen. Denn wir befinden uns leider nicht im unbestrittenen Besitze des Böltskleinodes, der Schule. Wir haben die Herrschaft über die Schule verloren, wir

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