Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1891)
- Date
- 1891-11-13
- Page
- Seite 543 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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lieber diesen Antrag und die Resolution des Ausschusses jptacfjen uod) Herr Rechtsanwalt Plotke, Herr Dr. Hirsch - Hildesheirner (Berlin), der Vorsitzende, Herr Schiff (Frankfurt a. M.), der erklärt, daß sich die Frankfurter der Ansicht des Vorsitzenden anschließen. Es erscheine wünschenswerth, daß sämmtliche Anträge zurückgezogen werden. Dem geschäftsführenden Ausschuß möchte die Aufgabe dadurch erleichtert werden. Darauf bemerkte der Vorsitzende: Ich nehme also an, daß sämmtliche Anträge zurückgezogen sind. Es erübrigt nun noch die Beschlußfassung über den Wiener Antrag, welcher dahin geht, daß die üsterreichischnngarischen Komitees einen integrirendeu Theil der deutschen Komitees bilden,, und daß alle Mittel zur Beförderung ihrer Auswanderer vom deutschen Centralkomitee gezahlt werden. An der Debatte betheiligen sich die Herren Tr. Wachmann (Berlin) Herr Donat Zifferer (Wien) und Herr Dr. A. Kuranda (Wientz der erklärt, daß die österreichischen Vertreter aunehmen, ihr Antrag sei bereits durch den Vormittags angenommenen Antrag Stern-Wien mit angenommen. Der Vorsitzende beantragt die Resolution: „Tie Versanunlung erklärt den vorliegendeil Antrag durch den Antrag Stern für erledigt, jedoch nur unter der Voraussetzung, wenn die Mittel bereits bei den: deutschen Central - Komitee centralisirt fein werden." Die Resolution des Vorsitzenden wird hiernach unter 'Ausschluß Ungarns und nur auf Oesterreich beschränkt aufleuoumnnt. Darauf geht die Versanunlung zur Erörterung der Kolonisations- Vorschläge über. Vorher übergiebt der Vorsitzende, da er infolge anderweitiger Geschäfte die Versanunlung verlassen muß, beu Vorsitz dem stellvertretenden Vorsitzenden Herr Kommerzienrath G o ld b erg e r. Herr Schiff <Frankfurt a. M.) dankt Herrn Jnstizrath Älleyer für die unparteiische und richtige Leitung der Geschäfte (Lebhafter Beifall) und ersucht die Versammlung, sich zun: Zeichen ihres Einverständnisses von den Sitzen zu erheben. (Geschieht.) Vorsitzender: M. H., ich finde in den Worten die Gewähr, daß mit Gottes Hilfe unsere heutige Versanunlung keine nutzlose gewesen ist < Lebhafter Beifall.) Der Referent der Kolonisations-Kommission erhält nunmehr das Wort zu seinem Vortrage, den wir der Wichtigkeit der Sache wegen in der nächsten Nummer in extenso wiedergeben werden. Hierauf bemerkt der stellvertretende Vorsitzender Kommerzienrath Goldberger: M. H, Ehe ich den interessanten Bericht unseres Herrn Referenten und den Antrag, der sich an denselben knüpft, zur Debatte stelle, erachte ich es für zweckmäßig, Ihnen zwei Mittheilungen zu unterbreiten, welche uns, die eine brieflich vor wenigen Tagen und die andere telegraphisch gestern , Abend aus Rio de Janeiro zugegangen find. Nachdem verabredet war, daß Herr Boxer unmittelbar nach seiner Ankunft in Rio ein Komitee bilden solle behufs gemeinschaftlicher Prüfung der einschlägigen Fragen und Feststellung der hieraus hervergehenden Anträge, schreibt er unter den: 22. September: „Herr Maximilian Nothmann, mit dein ich bisher zwei eingehende Unterredungen hatte, scheint mir ein praktischer, vielerfahrener, seriöser und wie aus verschiedenen Anzeichen hervorgeht, auch sehr einflußreicher Mann zu sein, der sich mit ganzen! Herzen unserer Sache widmen will; er wird den: Unternehmen allem Anschein nach höchst werthvolle Dienste leisten können. Welche Persönlichkeiten außerdem noch heranznziehen sein werden, ob und in welcher Weise das Lokal-Komitee gebildet werden soll, läßt sich heute noch nicht übersehen. Nach dem ersten Eindruck habe ich mehr Vertrauen auf das Gelingen imferer Pläne, als bei der Abreise non Berlin. Ich werde wöchentlich mindestens einmal berichten." Nach Erhalt dieses Briefes verständigten wir Herrn Boxer, daß im Hinblick auf die tagende Delegirtenversammlung weitere Nachrichten telegraphisch erwünscht wären. Seine Drahtantwort lautet: „Soeben von Minas zurück. Eindruck günstig. Kolonisation aussichtsvoll. Klima Unb Boden vortrefflich." Ueber das Kolonisationswerk selbst entspinut sich nun eine sehr lebhafte Debatte, an der die Herren Dr. Goldmann und Dr. Hirsch- Hildesheimer sich betheiligen. Letzterer lenkt in eingehendem und sachlichem Referat die Aufmerksamkeit auf Palästina. Seine interessanten Mittheilungen, die sich vorläufig der Oeffentlichkeit entziehen, gipfeln in 3-- dein Satze: Meine Bitte geht nur dahin: Helfet eine Organisation schaffen für diejenigen, welche aus eigener Entschließung mit eigenen Mitteln in den Ländern der asiatischen Türkei sich niederlassen wollen! Die Voraussetzung hiefiir ist die Entsendung einer Delegation nach Constantinopel, die nicht ein waghalsiges, problematisches Unternehmen ist, sondern nach der Ansicht berufener Beurtheiler sicheren Erfolg verheißt. M. H., es ist wahrlich nicht unbescheiden, wenn von unseren russischen Brüdern gesagt wird: „Laßt uns nicht die ganze Summe, die für diese Voraussetzung der Organisation erforderlich ist, allein de nobis tragen. Wir werden auch hierfür das Unsrige bexfteucrn; helft uns, daß wir nicht Alles leisten müssen!" Diese Bitte wird Ihnen, m. H., um so weniger unbescheiden erscheinen, wenn Sie erfahren, daß nufere russischen Brüder bereits Geld für diesen Zweck aufgebracht haben und das ist wahrlich mehr als anerkennenswerth, wenn Sie bedenken, wie sehr die Leistungsfähigkeit der russischen Judenheit erschöpft ist und wie große Opfer diese gerade nach dieser Richtung bereits gebracht hat und bringt. M. tz.! Es ist wunderbar Herzerhebendes im Laufe der letzten sechs Monate geleistet worden und gehört es sicherlich angesichts der trüben Erscheinungen der Gegenwart zu den herzerfreuendsten Lichtblicken, daß der jüdische Opfersinn wieder einmal Großthaten übt. Wohlthun und Gerechtigkeit giebt im Hebräischen dasselbe Wort Zedokoh wieder, weil es nach jüdischer 'Anschauung dieselben Begriffe sind. Und Gerechtigkeit im Wohlthun ist es, was dieser Brnchtheil unserer russischen Brüder erbittet. Es sind nicht die schlechtesten Elemente, die durch meinen Mund als die Bittenden vor Ihnen erscheinen; es sind diejenigen Elemente, welche gewillt sind und in Thaten Zeugnisse dieses ihres Willens gegeben haben, trotz des Jannners der Verhältnisse mit den Trümmern! ihrer Habe sich selbstthätig aus eigener Kraft zu helfen. Das Vertrauen, das ich hege, theileu unsere russischen Glaubensgenossen, daß dieser Areopag, der die Cröme der jüdischen Wohlthätigkeit repräsentirt, mit gleichen! Maße meßen, Gerechtigkeit und Wohlthätigkeit auch nach dieser Richtung üben, auch diesen unfern Brüdern helfend zur Seite treten wird. Herr Isidore Loeb (Paris) unterstützt diese Bitte und stellt den folgenden Antrag: Die Versammlung wolle beschließen, die Summe von 30,000 Francs von den durch das deutsche Eentral-Komitee gesammelten Geldern für Vorstudien zu einer Kolonisation in Klein-Asien, Syrien und Palästina zu verwenden und die genannte Sunnne der Alliance Jsraelite zur Verfügung zu stellen. Dazu bemerkt der stellvertretende Vorsitzende. M. H., der 'Antrag des Herrn Loeb kann meines Dafürhaltens nur als ein Vorschlag behandelt werden, den Sie den! geschäftsführenden Ausschuß zur 'Annahme empfehlen. Da im Laufe der heutigen Debatte ein einmüthiger Beschluß über die Geldmittel nicht herbeigeführt werden konnte, scheint es mir unnlöglich, daß die Versanunlung über die Kasse des Deutschen Central- Komitees verfügt. Nach den schätzenswerthen Mittheilungen des Herrn Dr. Hildesheimer und der warmen Befürwortung des Herrn Loeb stehe ich persönlich der Sache sympathisch gegenüber. Wir werden dieselbe in ernste Erwägung ziehen. Ich kann aber über einen Antrag, der eine bestimmte Forderung enthält, nur so weniger abstiunnen lassen, als die 'Ansichten in unseren! geschäftsführenden Ausschuß über die prinzipielle Seite, des 'Antrages auseinandergehen. Ich würde die Verantwortlichkeit allein nicht übernehmen; es wäre auch ungerecht gegen diejenigen Mitglieder des Ausschusses, welche dagegen sind. Uebrigens zweifle ich nicht, daß wir für den Antrag des Herrn Loeb eine richtige Form finden und daniit eine zufriedenstellende Erledigung dieser Frage herbeiführen werden. Herr Geheimer Sanitätsrath Dr. Krifteller stellt dagegen den Antrag: „Die Versammlung wünscht die sorgfältige Prüfung des von Herrn Loeb gestellten Eintrags und je nach dem Ergebniß die Bewilligung der geforderten Mittel bis zur Höhe von 25,000 Mark." Dagegen sprechen sich die Herren Rechtsanwalt Breslauer, Dr. Simonsen (Kopenhagens Karl Emil Franzos und Prof. Lazarns (Berlin) aus, der zu dem Anträge des Vorsitzenden ein Amendement stellt: „Die Versammlung nninscht, daß der von Herrn Loeb gestellte Antrag von dem geschäftsführenden Ausschuß geprüft werde und daß der geschäftsführende Ausschuß erwägen soll, ob es wünschenswerth ist, in Verbindung mit der Alliance Jsraölite Universelle, der Angl» Jewish Association und Baron v. Hirsch dem Anträge näher zu treten."