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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-03 · Heft 27 (3.7.1891) · p. Seite 318

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 27 (3.7.1891)
Date
1891-07-03
Page
Seite 318 (sequence 6)
Language
German
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Dr. Hermann Adler. Bon Benas Levy. Am 4. Juni cr. ist Dr. Hermann Adler zum Ober- Rabbiner der vereinigten jüdischen Gemeinden des Britischen Reiches gewählt worden — als Nachfolger seines Anfang v. I. verstorbenen Vaters Dr. Nathan Marcus Adler. Ein und ein halbes Jahr sind verflossen, ehe diese Entscheidung getroffen wurde, obgleich von Anfang an kein Zweifel über die Person des zu erwählenden Ober-Rabbiners bestand, und obgleich gar kein anderer Bewerber für diese einflußreiche Stelle sich gemeldet hatte. Als aber Dr. Nathan Marcus Adler die Augen zur ewigen Ruhe geschlossen hatte, da tauchten in England alle möglichen und unmöglichen Vorschläge auf, was Alles der neue Ober-Rabbiner thun müßte, um den Gottesdienst zu verbessern und zu heben; man wollte demselben sogar vorschreiben, daß er im Interesse der vielen, sich im Osten Londons aufhaltendcn Juden in diesem Stadtviertel seine Wohnung nehmen solle. Es häuften sich Wünsche auf Wünsche, Forderungen auf Forderungen, und die englischen jüdischen Zeitungen, die ganz anders wie bei uns zur Besprechung aller die Gemeinde bewegenden Interessen benutzt werden, waren Monate hindurch gefüllt von dem Widerstreit der Parteien! Dr. Hermann Adler bewilligte keine Aenderung — und trotzdem wurde er einstimmig von den 15 Delegirten Londons und den 26 Delegirten, welche aus den andern englischen Städten nach London gekommen waren, zum Ober-Rabbiner erwählt. Dr. Hermann Adler hatte sich als Vertreter seines Vaters, der seines hohen Alters wegen das beschwerliche Amt nicht mehr allein ausführen konnte, seit zwölf Jahren überall in England, bei allen dortigen jüdischen Gemeinden eine so hohe Achtung erworben, daß seine Wahl eigentlich nur eine Formalität war, die ihm statt des bisherigen Titels Delegate Chief-Rabbi den hohen Rang des Chiek-Rabbi verschaffte. Die. jüdischen Gemeinden Englands konnten dieses hohe Ehrenamt in keine besseren Hände legen, als in die des Dr. Hermann Adler, der mit tiefem theologischen Wissen eine seltene Rednergabe, mit dem liebenswürdigen, einnehmenden Wesen eine außerordentliche Erfahrung in sich vereint. Sein Vater, welcher 46 Jahre an der Spitze der englischen jüdischen Gemeinden gestanden hatte und dieselben zur stetigen Fortentwickelung und zur Blüthe gebracht hat, verstand es auch, seinem Sohne Hermann, der sein Zweitgeborener war, diejenige Vorbildung zu geben, welche für seine Laufbahn die geeignetste und beste war. Zwar hat er selber mit ihn, den Talmud studirt bis an die letzten Tage seines Lebens, aber als der hochbegabte Jüngling die Universität in London besucht hatte, ließ er ihn nach Prag ziehen, wo derselbe zwei Jahre unter Dr. Michael Sachs, welcher vor seiner Berufung nach Berlin daselbst Rabbiner war, studirte. Dr. Sachs, der Onkel des Dr. Hermann Adler, pflanzte in sein jugendliches Herz die Begeisterung für den heiligen Beruf als Prediger, und in Prag erwarb sich Adler, nachdem er unermüdlich unter Rabbiner Rappaport und Freund, sowie unter den Professoren Wessely und Kaempf studirt hatte, das Rabbinats-Diplom. Im Dezember 1862 holte sich Hermann Adler in Leipzig den Doktor-Titel durch seine Arbeit „Ueber den Druidismus und die Druiden" — und kehrte von dort direkt nach London zurück. Dr. Hermann Adler, welcher am 29. Mai 1839 in Hannover, wo sein Vater Rabbiner war, geboren ist, kam nach England als Knabe von sechs Jahren und ist, da er mit kurzer Unterbrechung stets in England gelebt hat, mit englischem Wesen und Leben so sehr verknüpft, wie ein Eingeborener Englands, was ihm dort zu emem besonderen Vorzug gerechnet wird. Kurz nachdem der junge Rabbiner nach London zurückgekehrt war, wurde ihm die Rabbinerstelle an der Bayswater Synagoge daselbst übertragen, und dort war er bis zu seiner Wahl zum Ober- Rabbiner als Hauptprediger thätig. Durch sein unermüdliches Streben im Interesse seiner Gemeinde, sowie durch seine hervorragende Rednergabe hat er es verstanden, die Bayswater Synagoge zu denk bestbesuchten und angesehensten Gotteshaus in London zu machen. Aber auch für das Jüdische Seminar in London hatte Dr. Hermann Adler stets das wärmste Interesse. Er hielt daselbst Vorlesungen über rabbinische Litteratur und Homiletik, bis er im Jahre 1879 stellvertretender Ober-Rabbiner wurde, und jetzt ist er als Ober-Rabbiner eo ipso Vorsteher des Seminars. Aber nicht nur auf theologisch-wissenschaftlichem Gebiete war er thätig, sondern er stand auch jederzeit in erster Reihe, wenn es galt, die Lage der Armen und Bedrückten zu heben. Viele Bildungs- und Unterstützungsvereine, sowie viele Religionsschulen wurden auf Adlers Veranlassung in London gegründet; in den meisten dieser Vereine hat er die Leitung und ist unermüdlich thätig gewesen zum Wohl der armen und kranken Glaubensgenossen. Auch nach außen hin vertrat Adler das Interesse der englischen Juden auf das Wärmste und Tüchtigste. Er war ihr Abgesandter bei verschiedenen Konferenzen in Paris und Berlin, und als es im Jahre 1885 sich darum handelte, Maßregeln zuin Besten der jüdischen Kolonisten in Palästina zu treffen, trat er seine „Pilgerfahrt nach Zion" (wie er seine Reise nach Palästina nannte) an und hat auch dort unermüdlich das Interesse der Kolonisten verfolgt. Litterarisch ist Dr. Hermann Adler mehr in Abfassung kleiner Schriften über jüdische Litteratur, Geschichte und Philosophie, als in der Herausgabe größerer Werke thätig gewesen. Besonders ausgezeichnet aber hat er sich durch eine Serie von Artikeln über jüdischen Patriotismus, welche er in den Jahren 1870—1881 in der bedeutenden Zeitschrift „Nineteenth Century“ veröffentlicht hat. Dr. Hermann Adler stammt aus einer alten Rabbiner-Familie, denn sowohl sein Vater Nathan, als sein Großvater Marcus Adler hatten den Rabbinerstuhl in Hannover inne; Ersterer bis zu seiner Berufung nach London. Die Familie stammt aus Frankfurt a. M., wo sie in der Judengaffe ein Haus, das mit einem Adler als Wappen verziert war, bewohnte. Ihren Namen aber leitet die Familie aus der Zeit vor dem 30jährigen Kriege her, und die Chronik erzählt, daß ein Urahne der Familie den Juden im Jahre 1615 den römischen Adler vorantrug, als sie wieder in Frankfurt a. M. cinziehen konnten, von wo sie durch Vincenz Fettmilch vertrieben waren. Dem Bannerträger wurde vom Kaiser Matthias als Belohnung die Erlaubniß ertheilt, das Ghetto zu verlassen und den Namen „Adler" anzunehmen. Jahrhunderte sind seitdem vergangen, aber dem Adler gleich strebte Geschlecht auf Geschlecht in Gottesfurcht und im Studium der heiligen Schrift dem Lichte und der Wahrheit zu, die Lehre Gottes erforschend und verkündend. In gleichen Bahnen wandelt auch der nun zum Ober-Rabbiner gewählte Dr. Hermann Adler. Ein schweres, verantwortliches Amt hat er übernommen, denn unter seiner Oberaufsicht stehen nicht nur sämmtliche Synagogen Großbritanniens (mit Ausnahme der Reform^und Portugiesischen Gemeinden), sondern auch die Synagogen in Australien, Indien und Canada. Allerdings steht den Pflichten gegenüber auch ein Einkommen, wie es sonst wohl kein Rabbiner in der Welt bezieht; 40,000 Mark (£ 2000) sind ihm als jährliches festes Gehalt bewilligt worden, und dazu kommen noch nicht unbedeutende Nebeneinkünfte.

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