Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1891)
- Date
- 1891-07-03
- Page
- Seite 319 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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SIS Am Dienstag den 24. Juni ist Dr. Hermann Adler feierlichst in sein Amt eingeführt worden, und dem imposanten Festgottesdienst in der großen Synagoge wohnten der Bischof von London, der Gesandte von Griechenland, der Lord Mayor von London und seine Frau, sowie die Scherifs von London — und als Vertreter der Juden Frankreichs der Ober-Rabiner M. Zadoc Kahn aus Paris bei. In seiner tief empfundenen Antrittspredigt bezeichnete Dr. Hermann Adler „Wahrheit und Frieden" als die Ziele, für welche er streben und wirken wird. Die Juden haben nun wieder ihr geistliches Oberhaupt, in besten Hände sie vertrauensvoll ihr Interesse gelegt haben — und wir sind sicher, daß Dr. Hermann Adler dies Vertrauen rechtfertigen und alle seine Kräfte aufwenden wird zum Wohle seiner Gemeinden und zum Besten aller Juden. 9 Der arische Ursprung der Juden und ihre welthistorische Bestimmung. Eine Reihe von Briefen. Von Prof. Dr. G. M. Asher in London. I. Lieber W.! Du hast mich vor einiger Zeit aufgefordert, Dir meine im Jahre 1882 verfaßte Schrift über den arischen Ursprung der Juden behrifs Veröffentlichung zur Verfügung zu stellen. Mir scheint aber das Urtheil der vortrefflichen Männer, welche, obwohl sie die Schrift intereffant und lcsenswerth nannten, ihre Veröffentlichung nicht für gerathen hielten, höchst richtig. Der Gegenstand verlangt eine ganz andere, zugleich Anstoß vermeidende und tiefer greifende Behandlung. Ehe ich damit beginne, möchte ich eine fürs Erste nur zu berührende Thatsache erwähnen, die ich im Jahre 1882 seltsamer Weise nicht beachtet habe; nämlich die handgreifliche Identität des, der jüdischen poetischen Ueberlieferung nach, die jüdische Religion begründenden Brüderpaars Aäron und Moses mit der arischen Nationalgottheit Auramusa. Nicht diese, wie Du weißt, in jener Schrift nicht erwähnte Thatsache, sondern auf innerliche, geistige Bewegungen gerichtete Beobachtung hat in mir die Ueberzeugung erweckt, daß die Juden der europäischen Welt nicht a!s ein fremdes Element, sondern als die unvermischte Fortsetzung des wichtigeren der in den europäischen Nationen vereinigten beiden ethnischen Elemente gegenüberstehen. Auf das Entspringen der europäischen Nationen aus der Vermischung eines späteren arischen mit einem älteren mongolischen Volkselements wird unsere Aufmerksamkeit durch ein merkwürdiges Phänomen gelenkt, von dem Mme. Hommaire de Hel in der Beschreibung der von ihrem Manne und ihr gemachten Reise Kunde giebt. Sie sah in Astrachan eine Anzahl Sprößlinge aus Verbindungen von Parsen und Mongolinnen und bezeugt, daß dieselben sowohl körperlich als geistig nicht den asiatischen Vätern oder Müttern, sondern Europäern ähnlich waren. Indem ich die hierdurch angeregten Erörterungen, was die europäischen Nationen anbetrifft, späteren Briefen Vorbehalte, verweile ich jetzt nur dabei, daß wir, von jenem Phänomen ausgehend, zu obiger Erklärrmg der Aehnlichkeit der Juden mit und ihrer Verschiedenheit von den europäischen Völkern gelangen. Freilich muß, um das durchzuführen, gerade unsere Hauptthesis, die geistige Identität und ethnische nahe Verwandtschaft des jüdischen Elements mit dem parsischen bewiesen werden. Zu diesem Behuf ist zuvörderst das allgemein verbreitete Vorurtheil, daß die Nationalität der Juden sich aus der Sprache ihrer heiligen Bücher erkennen ließe, auf das, was es ist, ein völlig werthloses Vorurtheil, zu reduziren. Dieser Aufgabe sei nunmehr der Rest des gegenwärtigen Briefes gewidmet. Wie wenig die Sprache ein Kriteriuin für Abstammung ist, sehen wir am besten, wenn wir unsere Augen auf die Gegenden im äußersten Westen, äußersten Osten und äußersten Norden Europas richten, wo Prozesse, die sonst überall in Europa bereits Endresultate herbeigeführt, noch in Fortgang sind. In allen drei Gegenden sehen wir die Bevölkerungen nach und nach die Sprachen ihrer Voreltern aufgeben und diejenigen der Nationen, unter deren Herrschaft sie sich befinden, annehmen, ohne dazu auch nur im Geringsten gedrängt zu sein. Daß Aehnliches überall in Europa geschehen, lehrt theils die klare, theils die dunkle Erinnerung, theils die analytische Forschung. Für unsere Zwecke genügt ein durch die klare Erinnerung der Vorgänge völlig unzweifelhaft gemachtes Beispiel, das der französischen, spanischen und portugiesischen Sprache und der Herrschaft des Lateinischen als Religionssprache in Frankreich, Spanien und Portugal. Die Bezeichnung der Franzosen, Spanier und Portugiesen als „ruees latines“, obwohl handgreiflich falsch, ist es doch weniger als die Bezeichnung „Semiten" für die Juden. Denn bei Franzosen, Spaniern und Portugiesen trifft wenigstens zu, daß nicht nur ihre Religionssprache lateinisch ist, sondern auch ihre Landessprache abgeleitet vom Lateinischen mit, indeß geringer, Beimischung von Elementen der Sprache, die vor der römischen Eroberung in jenen Landen geredet wurde. Umgekehrt verhält es sich mit der praktischen Bedeutung des Hebräischen für die Juden. Für sie ist Hebräisch nur Religionssprache und absolut nicht Redesprache. Hingegen haben sie überall in Europa eine höchst merkwürdige Hinneigung zur Sprache derjenigen europäischen Nationalität, mit der sie auch am nächsten verwandt sind. Die einzige, den Juden eigenthümliche Sprache, das Jüdischveutsch, ist, wie schon der Name sagt, Deutsch mit Beimischung von Elementen aus der hebräischen Religionssprache, ein um so beachtenswertheres Phänomen, als von den diese Sprache redenden Juden nur ein geringer Theil in Deutschland lebt, während die übrigen allerseits von Polen, Russen, Ungarn, Rumüniern u. s. w. eingeschloffen sind. Alle nicht jüdischdeutsch sprechenden Juden bedienen sich der Sprachen ihrer Umgebungen, aber in England und Frankreich ist der Accent der Juden so entschieden deutsch, daß dies allgemein auffällt und ihnen in Frankreich einen vom Deutschenhaß abgeleiteten Haß zuzieht. Diese, wie gesagt — und in meinem nächsten Briefe nachzuweisen — der sich in allen geistigen Dingen zeigenden Verwandtschaft entsprechende Zuneigung der Juden zur deutschen Sprache ist ein allerdings charakteristisches Merkmal, und die wirklich von den Juden geredete Sprache ist daher nicht ein Beweis gegen, sondern ein starker Belveis für die Richtigkeit unserer Thesis. London, 29 Duke Str. Bloomsburg, den 6. März 1891. Dein 0. U