Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1891)
- Date
- 1891-07-03
- Page
- Seite 316 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mentioned entities
- Budapest 2× ep/1002374
- Adolf Jellinek 1× ep/1002869
- David Kaufmann 1× ep/1000043
- Gustav Karpeles 1× ep/1004713
- Joel Müller 1× ep/1002980
- Karl Emil Franzos 1× ep/1026099
- Ludwig August von Frankl 1× ep/1023644
- Opava 1× ep/1048047
- Ostrava 1× ep/1002363
- Salomon Buber 1× ep/1000030
- Timișoara 1× ep/1002522
- Uherský Brod 1× ep/1048159
- Wrocław 1× ep/1002369
- Znojmo 1× ep/1046086
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bön mir gekochte Suppe in friedlicher Gemeinschaft mit meiner Gemeinde essen/' So ging es fort stundenlang. Deputation drängte sich auf Deputation, im Saale wurde es erstickend schwül, aber Jellinek wich nicht vom Platze, und wohl lange noch wäre er da geblieben, hätte man ihn nicht durch eine List hinausgebracht. Der Rest der Gratulanten brächte seine Glückwünsche anderen Tages vor. Es waren die Deputationen sämmtlicher Bethäuser und Religionsschulen Wiens, Vertretungen der israelitischen Allianz, der israelitischen Wohlthätigkeitsvereine, zahlreicher Gemeinden des In- und Auslandes, sowie der neugegründeten Baron Hirsch-Stiftung. Die-Deputirten der letzteren: Hofrath von Gniewotz, Dr. Arnold von Rappoport und Dr. von Fürth, überbrachten folgende Adreffe: „Es ist uns die ehrenvolle Mission geworden, Sie Namens des Kuratoriums der Baron Hirsch-Stiftung zu begrüßen und Ihnen die herzlichsten Glückwünsche auszusprechen. Mit Befriedigung dürfen Sie auf Ihre aufopferungsvolle Thätigkeit für die Stiftung zurückbljcken, sie sichert Ihnen die dauernde Dankbarkeit der Bevölkerung jener Länder, deren kulturelle Entwickelung durch die hochherzige Widmung des Baron Hirsch gefördert werden soll . . ." Im Ganzen überreichten fast hundert Deputationen Adressen. Aus allen Welttheilen kamen ferner 219 Telegramme und 344 Briefe. Darunter waren Gemeinden und Privatpersonen von Berlin, Wien, Budapest, Rechnitz, Prag, Piesting, Graz, Jägerndorf, Modena, Ungarisch Brod, Mährisch Ostrau, Ungarisch Hradisch, Pilsen, Heidelberg, Baden bei Wien, Triest, Pleß, Frankfurt a. M., Teplitz, Buczacz in Galizien, Prerau, Brünn, Schlau, Lemberg, Linz, Alexandrien in Aegypten, von vielen Städten Amerikas, Rußlands, von Paris, London, Casate, Monferrate in Italien, Dresden, Leipzig, Brody, Oppeln, Venedig, Krakau, Gmunden, Breslau, Bukarest, Freiburg, Karlsruhe, Köln a. Rh., Gastein, Preßburg, Hamburg, Spira Kula, Raab, Czernowitz, Eger, Sophia, München, Arad, Kolomea, Wottitz, Grundlsee, Ems, Siklos, Troppau, New-Pork, Atlantic.City in New-Zersey, Cincinnati, Temesvar, von den versammelten Rabbinern aus Fünfkirchen, von Kiel, St. Gallen, Stettin, Auffee, Rostock, Serajewo, Königsberg, Kiew, Warschau, Witebsk, St. Petersburg, Lodz, Nürnberg, Bodenbach, Brüx, Cambridge, Gablenz, Znaim, Essegg u. s. w. Bon den bekannten Namen erwähne ich: Baron Felder, den einstigen Bürgermeister Wiens, Profeffor Gomperts in Wien, den Dichter Hermann Rollett in Baden bei Wien, den Dichter Ludwig August Frankl von Hochwart, Dr. Gustav Karpeles aus Berlin, S. Kohn, Verfasser des „Gabriel", Professor Kaempf in Prag, den Großrabbiner von Alexandrien, den Großrabbiner von Paris, den Rabbiner Sabbato Raffaele Melli in Triest, die Professoren Mauthner, Schnitzler und Pollitzer in Wien, Dr. Carl von Kißling in Linz, Dr. S. Mandelkern in Leipzig, Dr. Joel Müller in Berlin, Wilhelm und David von Gutmann in Wien, Leone Luzzatto in Venedig, Redakteur Herzog in Wien, Jenny Ris-Neumann in Paris, Karl Emil Franzos in Berlin, den Reichsrathsabgeordneten Dr. Heinrich Friedjung, Baurath Stiaßny und Ritter von Boschan in Wien, Dr. Adolf Kohut in Berlin, Profeffor D. G. Müller in Wien, den Staatsrath Dr. A. Harkavy in St. Petersburg, Regine Friedländer, Sälomon Buber in Lemberg, Dr. Leimdörfer in Hamburg, Theodor Hertzka in Wien, Professor David Kaufmann in Kajetan, Dr. M. Kayserling in Budapest, Dr. Ungerleider und Dr. Maybaum in Berlin, den Rabbinerverband Deutschlands in Berlin, Professor Dr. Lazarus in Berlin, Baron Moritz Hirsch, Dr. L. Neubauer in Oxford, Dr. Schlechter in Cambridge, Hofrath Profeffor Nothnagel in Wien, Baron Schey, Baron Königswarter, Baron Rothschild, u. A. Die erste schriftliche Gratulation kam von dem Bürgermeister des mährischen Dorfes Drslowitz, wo Adolf Jellinek vor 70 Jahren geboren ward. Seine Eltern waren damals die einzigen Juden im Dorfe, sie lebten jedoch im besten Einvernehmen mit den christlichen Mitbürgern, welche der Familie ein freundliches Andenken bewahrten und ihren Kindern und Kindeskindern überlieferten, so daß der heutige Bürgermeister Bincenz Hrubosch an den Jubilar mit Recht schreiben durfte: „Freudig gedenken alle Bewohner von Drslowitz Euer und stolz sind wir, daß ein solcher Mann aus unserer schlichten Ortschaft seinen ruhmreichen Weg genommen!" In Drslowitz wurde auch eine Festfeier veranstaltet, bei welcher eine namhafte Spende des Jubilars zur Bertheilung kam. Ganz prächtig ist ein Schreiben des greisen Politikers Adolf Fi sch Hof, des alten Achtundvierzigers. Ich bin in der Lage, daffelbe hier wörtlich wiedergeben zu können: Hochverehrter Herr! Chasäk! „Sei stark, sei fest, lasset uns mannhaft bleiben!" Diese altehrwürdigen, unser Märtyrervolk aufrichtenden und ermuthigenden Worte bildeten das Thema der ersten Ihrer Kanzelreden in Wien und zugleich einer der ergreifendsten, die je mir in die Seele gedrungen. Mit flammender Beredtsainkeit sprachen Sie von der Kraft, die ihre Wurzeln im Bewußtsein etticr hohen Mission hat, zu welcher der Einzelne oder ein ganzes Volk sich berufen fühlt. Begeistert und begeisternd wiesen Sie darauf hin, daß unser winziges Völklein den Beruf hatte, der ethische Lehrmeister eines großen Theiles der Menschheit zu fein. Der tiefe Eindruck, den ich von dieser Rede empfing, blieb bis heute ungeschwächt. Und so rufe ich an Ihrem siebzigsten Geburtstage Ihnen das Wort zu, auf dem Sie vor mehr als drei Dezennien einen so mächtigen rhetorischen Bau aufgeführt, das Wort: Chasäk! Möge Ihre geistige, Ihre sittliche und rednerische Kraft ungeschwächt bleiben, auf daß durch ihre Impulse die unsrige sich erhöhe und die Fähigkeit des Ausharrens in den Tagen der Gefahr sich nicht verringere; denn wahrlich, unser Volk bedarf derselben heute nicht minder als in den Jahrhunderten barbarischer Verfolgungssucht. Man will uns ja zu Heloten, 31t Parias erniedrigen, aber wir sind nicht das Volksmaterial, aus dem man Heloten macht. Das Bewußtsein der hohen geschichtlichen Ausgabe, die wir erfüllt, das Bewußtsein, daß alles Sittigende und Veredelnde, das in den Religionen der civilisirtesten Völker ruht, aus dem Borne unserer heiligen Bücher floß, schützt uns vor Selbsterniedrigung, ohne die man kein Paria wird. Man kann uns bedrücken, man kann uns erdrücken, — uns zum Heloienthum hinabdrücken, das kann man nicht. Die Bibel, dieses Büch der Bücher, war bte Feuersäule, die auf dem schier endlosen Wüstenpfade uns voranleuchtete in der Finsterniß geistig umnachteter Jahrhunderte. Der Bildungstrieb, der Wissensdrang, dem unser Völklein, trotz steter Verfolgung und Verbannung, neun Litteraturperiodeu verdankt, war das Salz, das uns vor Fäulniß bewahrte und auch heute bewahrt. Nehmen wir ja auch jetzt, wie ein geistig und seelisch vornehmer Mann der Wissenschaft jüngst bezeugte, redlich an der Kulturarbeit der Nationen Theil. Und selbst diese geistige Regsamkeit wird von Menschen pöbelhaftester Gesinnung uns zum Vorwurf gemacht. Lassen wir uns nicht beirren, wahren wir uns in Hinkunft wie in der Vergangenheit den Respekt vor der Wissenschaft, das Streben nach Bildung, das einzige Besihthum, das selbst die kannibalische Gier des Antisemitismus uns nicht zu entreißen vermag. Bleiben Sie, verehrter Herr, tn diesem Streben unser Vorbild. Gingen Sie ja in Bezug auf Gelehrsamkeit und Forschersinn uns jederzeit mit leuchtendem Beispiel voran. Möge Ihr Wort nach wie vor an heiliger Stätte ertönen! Was der Mund des Weisen spricht, frommt der Gegenwart und gereicht auch der Zukunft zum Heil. So sprechen Sie denn mit der Beredtsamkeit, die aus den Tiefen der Seele quillt, zur jüngeren ganz so wie zur älteren Generation; denn jedes Ihrer edlen Worte ist eine edle That. In warmer Verehrung Ihr ergebener Dr. Fr sch Hof. Ludwig August Frankl sandte sein neuestes Buch, den Briefwechsel Lenaus mit Sophie Löwenthal, mit einigen Versen, welche die unverwüstliche Frische dieses Zweiundgchtzigjährigen zeigen: