Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1891)
- Date
- 1891-07-03
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
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so sollte doch das Centralkomitee seinerseits nichts unternehmen, was einen Ansporn zur Einwanderung in dasselbe zu geben im Stande ist. Der Name „Palästina" übt einen eigentümlichen Zauber auf unsere armen russischen Glaubensgenoffen, Palästina ist ihre Hoffnung und ihre Zukunft, ihre Freude und das Ziel ihrer innigsten Wünsche; was Wunder, wenn sie die fürchterlichen Austreibungen als einen himmlischen Finger deuten, der auf jenes Land ihrer Träume hinzuweisen scheint? Wir würden eine große Mitschuld auf uns laden, wollten wir jene, wenn auch rührend naiven, so doch unklaren und verworrenen Ideen in ihren Köpfen befestigen. Wir dürfen uns bei einem Hilfswerk von solcher Tragweite keinen noch so angenehmen Jllusionm hingeben; für uns gilt es hier, nicht mit dem Herzen zu sprechen, das auch in uns bei der Erinnerung an die heilige Stätte unserer Volkswiege höher schlägt, sondern mit nüchternem Verstände an die Aufgabe zu treten und mit durchdringendem, klarem Blick zu prüfen. Bernhard Traubenberg. U Me Iellinekftier in Wien. Von Bernhard Stern. Erhebende Festtage haben wir miterlebt, da sich ganz Wien, ganz Oesterreich und fast alle Gemeinden des Auslandes an der Feier des siebzigsten Geburtstages unseres Adolf Jellinek betheiligten. In Anwesenheit des ganzen Kultusvorstandes, der hervorragendsten israelitischen Persönlichkeiten der Kaiserstadt und auch zahlreicher Christen wurden die Festlichkeiten Samstag um 8 Uhr mit einem Gottesdienst im Tempel der Seitenstettergaffe eröffnet. An dieser Stätte, wo Jellinek seit Jahrzehnten mit hoher Würde das Judenthum predigt und vertritt, hielt er vor den versammelten Besten seiner Gemeinde eine Predigt, welche an die Worte „Religion ist Licht — das Leben des Menschen ist Licht" anknüpfte, dann aber auf des Redners Leben selbst überging und über seine Anschauungen und seine Thätigkeit, über sein Denken, Sinnen und Glauben in schlichter und doch geistreicher Weise Rechenschaft gab ... Von den zur Thora Aufgerufenen wurden reiche Spenden für wohlthätige Zwecke gemacht. Einen tiefen Eindruck machte es, als der berühmte Schauspieler Adolf von Sonnenthal im Talith vor die Thora trat und dort mit lauter Stimme die Segenssprüche vortrug. David Ritter von Gutmann spendete 1000 Gulden zur Errichtung einer „Rabbiner- und Lehrerschule"; demselben Zweck hat auch Baron Königswarter schon 50,000 Gulden gewidmet. Das Unternehmen wird hoffentlich zu Stande kommen. An die Regierung wird in dieser Angelegenheit demnächst ein von Professor Müller ausgefertigtes und von Jellinek, Güdemänn, vom Vorstande der israelitischen Kultusgememde, sowie vom mährischen Landesrabbinate und dem Prager Rabbinate unterschriebenes Gesuch gerichtet werden. Nach dem Gottesdienste, bei welchem ein vom Oberkantor Singer eigens komponirter Psalm vorgetragen wurde, begab sich der Jubilar in den Sitzungssaal, wo der Empfang der Deputationen stattsinden sollte. Kostbare Teppiche bedeckten den Boden, Blumengewinde die Gänge, die Wände aber schmückten Porträts aller Ehrenmänner der Wiener israelitischen Gemeinde und das Bild des Kaisers Franz Josef. Die erste Gratulation brachte Adolf Ritter von Sonnenthal dar, dessen warme Worte Jellinek tief rührten und ihn veranlaßten, den Künstler vor den Versammelten mit dem Prädikat eines „echten Juden" auszuzeichnen, der an seinem Volke mit unverbrüchlicher Treue hängt: Beim Empfange waren ferner anwesend die Vorsteher der Wiener Kultusgemeinde, Landesschulrath Baumgarten, Reichsrathsabgeordneter Bloch, Prediger Güdemänn, Regierungsrath von Hahn, Ritter von Kuh, Profeffor Lieben, Ludwig August Frankl, Baurath Stiaßny und viele Damen, sowie zahlreiche Fremde, unter ihnen Dr. Gustav Karpeles aus Berlin, Dr. Tauber aus Prerau, Landrabbiner Dr. Weiße aus Deffau, Dr. Caro aus Pilsen u. A. m. Jellinek empfing die Gratulanten stehend, und es war geradezu wunderbar, wie er durch mehrere Stunden ununterbrochen Reden anhörte und mit immer geistreichen, ernsten und witzigen Improvisationen beantwortete. So sagte er dem Vorstande der Kultusgemeinde Wien/ welcher dem Jubilar ein hohes Ehrengeschenk überreicht hatte: „Wie im Judenthum giebt es im Gemeindevorstande Wiens eine Tradition, welche so wichtig ist, daß sie nicht verloren gehen soll. Sie ist lebendig und hängt nicht am todten Buchstaben. Nicht die geschriebenen und gedruckten Statuten der Gemeinde sind entscheidend, sondern die Art ihrer Interpretation, und dies bildet die Tradition des Gemeindevorstandes: der großstädtische, feine, vornehme Ton in der Amtsführung, das Vermeiden aller Pedanterie und aller juristischen Spitzfindigkeiten, das Streben, den Frieden und die Einigkeit zwischen Vorstand und Predigern zu erhalten. Differenzen entstehen allerdings bisweilen, wie im Staate, wenn es sich um das Budget oder, weniger parlamentarisch gesprochen, wenn es sich um Geldangelegenheiten handelt. Allein auch in diesem Punkte kann ich in Bezug auf meine Person mich nicht beklagen. Die verschiedenen Vorstände, unter denen ich meines Amtes in Wien waltete, haben jederzeit für mich und nieine Familie in würdigster Weise gesorgt." Den zweiten Glückwunsch überbrachte Herr Rabbiner Dr. Güdemänn in einer humoristischen und doch von tiefer Wärme erfüllten Ansprache. Dem Damenkomitee für das Mädchen-Waisenhaus sagte Jellinek: „Ein biblischer Spruch lautet: Gott verwundet und heilt. Tief ist die Wunde des Kindes, welchem Vater oder Mutter fehlen. Die Heilung aber ist sofort bereit. Denn Gott hat das Weib mit dem weichen, gefühlvollen, erbarmungsreichen Herzen geschaffen, dainit es sich der Verwaisten annehme." -- Als der „Beamtenkörper" seine Gratulation vorbrachte, entgegnete der Jubilar: „Sie sprachen von einem Beamtenkörper. Ich möchte aber einen größeren Werth auf die Beamtenseele legen. Die Seele der Wiener Kultusgemeinde-Beamten ist Ehrbarkeit. Das Hochgefühl, Stellungen in einer der größten und angesehensten Gemeinden einzunehmen, beseelt uns Alle. Wir sind Alle eines Sinnes. Wir sind verschiedene Beamtenkörper, aber haben Eine Beamtenseele." Dem Vorstand der Friedhofsvcrwaltung sagte er: „Wenn ich Ihre wahrhaft edle und humane Thäsigkeit würdigen sollte, so müßte ich der ernsten Stätte des Todes mich zuwende». Das möchte ich heute aber vermeiden, ich will Ihnen daher vom Leben reden — von einem langen, langen Leben, das Ihnen Allen zu Theil werden möge." Große Heiterkeit erweckte die Antwort an den Volksküchenverein. „Ihr Verein," meinte Jellinek, „interessirt mich besonders lebhaft. Denn der Prediger ist nichts Anderes als ein Koch, welcher für seine Gemeinde die Nahrung des Geistes aus den verschiedensten Stoffen bereitet. Gar viele Redner nehmen zu große Dosen scharfer Gewürze, zu viel Salz, zu viel Paprika zu ihrem geistigen Menu, so daß die Zuhörer sich oft die Nase reiben und unwillig werden. Ich liebe solche Kochmethode nicht. Ich koche mild. Ich nehme nicht zu scharfe Ingredienzien für den geistigen Tisch, den ich bereite, und zwar spielt dabei ein Bischen Egoismus mit. Ich möchte auch meinen Platz am Tisch haben. Ein Prediger, dessen Worte zu scharf gepfeffert sind, muß wohl hören: Versuche einmal, die von dir deiner Gemeinde eingebrockte Suppe zu essen. Kannst du's? ... Ich aber kann die