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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-03 · Heft 27 (3.7.1891) · p. Seite 314

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 27 (3.7.1891)
Date
1891-07-03
Page
Seite 314 (sequence 2)
Language
German
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314 wandelt, ihre Propheten, Psalmisten und Könige gelebt und gewirkt könnten die Juden unter der milden und toleranten türckischetr Regierung ein sicheres und friedliches Asyl sür sich und ihre Kinder gründen. — Zieht man noch in Betracht, daß die Kultur in fortwährendem Vordringen gegen Osten ist, so kann man sich unmöglich der Wahrheit verschließen, daß der Zeitpunkt nicht mehr allzufern ist, wo auch Palästina und Syrien wieder in den Gang der Weltgeschichte zurückkehren, sich wieder zu ihrer alten Blüthe emporschwingen werden. Daß aber Palästina noch jetzt ein sruchtbares, gesegnetes Land ist, bekunden mehr als die günstigen Reiseberichte von Stangen, Robinson, Ritter u. A. die in den letzten zehn Jahren dort gegründeten, nun blühenden jüdischen Kolonien und Dörfer, die dem alten Hebräerlande eine glückliche Zukunft verheißen. Albert Katz. II. Es ist sehr bedauerlich, daß das mit so viel Opfern ins Werk gesetzte Ansiedlungsprojekt seitens des Barons Hirsch durch sträfliche Unentschloffenheit oder Widerstand sich zerschlagen soll. Der planlosen Weiterbeförderung nach irgend einem gewünschten Orte ließe sich ruhig zusehen, wenn das Komitee den Zweck hätte, Bahnen und Schiffe um Millionen zu bereichern. Das gehetzte, zu Tode gejagte Wild hat kein unverrückbares Ziel vor Augen, es wird nur von der Sehnsucht getrieben, den matten Fuß auf sichern Boden zu setzen, es hat nicht Zeit und Rast, zu berechnen, ob er ihm auch die nöthige Nahrung bieten wird, ob sich nicht Hinderniffe und Schwierigkeiten seinem Verbleiben auf der ihm augenblicklich Freiheit verheißenden Scholle entgegenstellen. Diese Erwägungen können in dem Chaos von Rechtlosigkeit, gewaltsamer Vertreibungen und Bedrückungen, das über unsere armen Brüder hereingebrochen, nicht ruhigen Sinnes und gefaßter Ergebung von ihnen angestellt werden. Das ist, meines unmaßgeblichen Dafürhaltens, die wesentlichste Aufgabe eines Unterstützungskomitees. Die bloße Darbietung von Beförderungsgeldern ohne zielbewußte Thätigkeit führt die Flüchtlinge einer so ungewiffen Zukunft entgegen, daß schwer zu sagen ist, ob ihnen damit eine Wohlthat geschieht. Die Auswanderer müffen hier mit Auskünften versehen werden, wo die besten Vorbedingungen für das fernere Fortkommen vorhanden sind. In solch planvoller Arbeit muß das Hilfskomitee seine eigentliche Aufgabe erblicken. Zu lösen scheint sie aber nur im Rahmen fcstorganisirter Kolonien, wie sie Baron Hirsch beabsichtigt. Auch ist Südamerika, wo der unermüdliche Philanthrop weitere Schritte zur Erwerbung von Ländereien gethan hat, entschieden geeigneter zur Verwirklichung all dieser Pläne, als etwa Palästina. Es soll hier nicht auf das, was bei Anlegung von Ackerbau-Kolonien von fundamentaler Wichtigkeit ist, auf die natürliche Bodenbeschaffenheit und die Wafferverhältnisse näher eingegangen werden. Mögen berufenere Federn diese Seite der Frage unbefangen beleuchten und sich nicht durch schwärmerische Verehrung für das heilige Land, welche in ihren praktischen Konsequenzen für unsere russischen Glaubensgenoffen verhängnißvoll werden kann, allzu stark beeinfluffen lassen. Der fromme pietätsvolle Blick nach dem Osten darf uns das Auge nicht trüben, der sehnsuchtsvolle Hang der gepeinigten Brüder nach dem Lande der Väter darf unsere Sinne nicht bethören, darf uns, die wir nüchterner diesem instinktiven Herzensverlangen gegenüberzustehen die Pflicht haben, nicht gefangen nehmen. Wie stellt die türkische Regierung sich nun zu der Sache? Hat die Gleichberechtigung, deren sich unsere Glaubensgenossen in der Türkei erfreuen, so große Fortschritte gemacht, daß ein so gewaltiger Zustrom von Juden dorthin nicht beängstigende Gedanken wachrufen sollte? Es steht fest, daß der gegenwärtige Beherrscher der Gläubigen die wärmsten Sympathieen für die Juden bei den verschiedensten Anlässen zu erkennen gegeben hat und daß er, einer der humansten Fürsten unserer Zeit, ihrer Einwanderung wohlwollend gegenüber steht. Aber damit ist nicht die geringste Gewähr für die Zukunft gegeben. Dem persönlichen Wohlwollen eines — und wäre es des besten — Monarchen darf das Geschick eines Volkes nicht anvertraut werden. Dem menschenfreundlichsten Fürsten kann der blutgierigste Tyrann folgen, und wehe dem Volkewenn kein weises Gesetz den mächtigen Willen des Despoten zügelt und mäßigt. Hier gilt das nur zu wahre Psalmenwort: lntoan b« Es hat ja auch Rußland nicht an hochsinnigen, auch auf das Wohl ihrer jüdischen Unterthanen bedachten Monarchen gefehlt. Aber auf Alexander I. kam die eiserne Zuchtruthe Nicolans, und das milde, civilisationsfreundliche Szepter eines Alexanders II. löste die Geißel schwingende Faust Alexanders I II. ab. So wenig der den Fortschritt der Judeir begünstigende und ihre Gleichberechtigung anstrebende Vorgäirger die barbarischen Willkürakte des jetzt regierenden Selbstherrschers. aller Reußen verhindern konnte, so wenig kann Abdul Hamid seine menschenfreundliche Gesinnung gegen die jüdischen Unterthanen auf seine Nachfolger übertragen. Nur ein Verfaffungsstaat kann diejenige Sicherheit gewähren, die zu einer ruhigen, auch die äußeren Existenzbedingungen erträglicher gestaltenden Entwickelung dringend erforderlich ist. So lange Recht und Gesetz irgend eine Schranke errichtet zwischen den Glaubensgenoffenschaften, können wir nicht mit Vertrauen in die Zukunft sehen. Keine persönliche Gnade und Gunst darf uns hinwegtäuschen über den Mangel eines auch den Schutz der Juden überwachenden gesetzlichen Faktors. Die Türkei vermag den Juden keinen solchen nach menschlicher Voraussicht dauernden Schutz zu verleihen, und da wäre es nicht zu verantworten, der Einwanderung in das heilige Land auch noch seitens des Komitees Vorschub zu leisten. Wer sagt uns gut dafür, daß auch das gelobte Land nicht in Jahr und Tag ein zweites „heiliges" Rußland geworden ist? Aber vorausgesetzt, die türkische Regierung werde immer den guten Willen haben, auch die jüdischen Unterthanen mit demselben Maße wie die anderen zu messen, wird sie auch die Macht dazu haben? Es flößt einem geradezu Mitleid ein, wenn man ihre Nachgiebigkeit selbst gegen den kleinsten Nachbarn beobachtet. Ganz besonders gefährlich ist die bedenkliche Nachbarschaft Rußlands, dessen Machtsphäre durchaus noch bis nach.Palästina reicht, ja, das sogar seine kirchlichen Interessen mit gar zu starkem Nachdruck an den heiligen Stätten vertritt. Rußland hat es nur zu leicht in der Hand, einen Druck auf die Pforte zu Ungunsten der Juden auszuüben, wie die vor einigen Jahren vorgenommenen Ausweisungen russischer Juden aus Palästina auf russische Wünsche zurückzuführen sind. Welches Unglück bräche von Neuem herein, wenn der nordische Bär wieder solchen Mißbrauch mit seiner Gewalt treiben wollte! Die Türkei ist leider zu unselbstständig, um die energische Zurückweisung solcher in ihre Hoheitsrechte eingreifenden Zumuthungen ihrerseits erwarten zu lassen. Die ganze Rechtspflege unh/die Paschamißwirthschaft, die Beamtenbestechlichkeit und die mangelhafte persönliche Sicherheit, die in türkischen Ländern zu Hause sind, sind auch nicht geeignet, das Sehnen nach Freiheit und Rechtsgleichheit der dieser herrlichen Güter so lange beraubten russischen Glaubensgenossen zu stillen. Wenn nun Niemandem, der über eigene Geldmittel verfügt, ab-' gerathen zu werden braucht, sich im heiligen Lande niederzulaffen,

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