Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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2at,rgang. Ar. 25. derlm. 19. Zttnr ,891 NeiLLtge zur „Atlgemsinen Kettung des ZuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. X. Berlin, 15. Juni. Die Repräsentanten-Versammlung erledigte in ihrer gestrigen Sitzung mehrere Anträge des Vorstandes. Zunächst ward der Antrag angenommen, den Vorstand für die Alte und die Kaiserstraßen-Synägoge um 1 resp. 2 Personen zu vergrößern. Es wurden gewählt Herr Leichtentritt für die Alte Synagoge, die Herren MaxBurg, Bernh. Salz und Jakob Weinberg für die Kaiserstraßen-Synagoge. Sodann bewilligte das Kollegium 3130 Mk. zur Anschaffung von Vorhängen und Thora- Mänteln für die Synagoge Lindenstraße. — Debattelos wurden ferner 10,000 Mk. zum Ausbau der Alten Synagoge, sowie 2000Mk. nachträglich für bereits gefertigte Maurerarbeiten bewilligt. — Dagegen entspinnt sich eine etwas lebhafte Debatte über die Bewilligung von 75 Mk. für die Krankenanstalt der jüdischen Gemeinde in Ems. Der Referent, Herr Sachs, fand diese Summe für die Gemeinde Berlin etwas zu winzig; Herr Isaak wollte demnach die Summe von 200Mk. bewilligt wissen. Indessen blieb dieser Vorschlag in der Minorität, nachdem sowohl der Kommissär des Vorstandes wie der Vorsitzende der Versammlung auf die prinzipielle Seite solcher Bewilligung hingewiesen hatten. Zum Schluß referirte Herr Landsberger über den Rechenschaftsbericht der Gemeinde für das 1890. J25 Berlin, 16. Juni. Heute Vormittags 11 Vs Uhr fand auf dem Friedhof in Weißensee eine Gedächtnißfeier statt aus Anlaß der Enthüllung des Grabdenkmals, das die jüdische Reformgemeinde ihrem langjährigen verdienten Prediger Dr. Immanuel Ritter errichtet hat. Nach einem einleitenden Chorgesang sprachen die Herren Dr. Levin und Dr. Maybaum Worte der Erinnerung, die das Bild des Verewigten lebendig erstehen ließen. Während Ersterer, der Amtsgenosse Ritters, die Bedeutung des Verstorbenen hervorhob, pries Dr. Maybaum als Freund des Heimgegangenen dessen Andenken als des Verfechters der Zusammengehörigkeit der Neformgemeinde mit der großen Berliner jüdischen Gemeinde. Mit einem Chorgesang schloß die erhebende Feier. Der „Akademische Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" hatte durch eine Deputation einen kostbaren Kranz auf das Grab des Verewigten legen lassen. Berlin, 15. Juni. Seitens der städtischen Schuldeputation ist vor einiger Zeit eine Verfügung erlassen worden, daß die im Berliner Kommunaldienst angestellten jüdischen Lehrer und Lehrerinnen ohne besondere Urlaubsnachsuchung an den beiden Tagen des Roschhaschana-Festes, am Jom Kippur, sowie an je einem Tage des Peßach-, Schewuoth- und Suckothfestes vom Schuldienst dispensirt sind. X Berlin, 15. Juni. Ueber die internationale Delegirten- Konferenz, welche am vergangenen Dienstag hier tagte, finden sich merkwürdiger Weise gerade in den Antisemitenblättern ausführlichere Berichte. Daß dieselben nicht in allen Punkten den Thatsachen entsprechen, braucht kaum besonders erwähnt zu werden. — Eine neue Konferenz wird in einigen Wochen stattfindenzu derselben werden die Herren Dr. Pinsker aus Odessa und Sal. Mohilewer aus Bialystok als Delegirte der russischen Juden erwartet. chh Berlin, 16. Juni. Seitens des hiesigen „Vereins der russisch-jüdischen Studirenden" ist der in voriger Woche tagenden Delegirten-Konserenz ein Promemoria unterbreitet worden, welches den Zweck haben soll, die Aufmerksamkeit der Konferenz auf die Kolonisation Palästinas zu lenken. Die Schrift führt nachstehende Gründe für. die Wahl des heiligen Landes an: 1. Palästina selber, vornehmlich Galiläa und das Land jenseits des Jordans, dann Syrien und Mesopotamien enthalten viele Ländereien, welche zum Verkauf zu Gebote stehen und die sehr wenig bewohnt sind. 2. Das Land ist überall fruchtbar; wo der Boden zum Ackerbau nicht geeignet ist, da kann Wein gepflanzt werden. Das Klima des Landes ist ein gesundes. In der vor etwa neun Jahren gegründeten Kolonie „Rischon-L'zion" ist bis jetzt nur eine Person von 3—400 gestorben. 3. Es ist das einzige Land, welches einen jüdischen Bauernstand schaffen wird, da es doxt keinen Handel giebt. In Palästina blühen die durch BaronRothschild oder durch eigene Kraft entstandenen Ackerbau-Kolonien. Allerdings wirkt hier besonders ein Umstand mit, der für die ganze Sache ausschlaggebend ist. Ein unwiderstehlicher Drang zieht die russischen Juden gerade nach diesem Lande, an welches sich so glänzende historische Erinnerungen knüpfen. Dieser Umstand trägt dazu bei, den Kolonisten den Uebergang vom Handel zum Ackerbau leicht und möglich zu machen. Dank dieser Strömung sind bereits etwa 20 Kolonien vorhanden, das große Palästina-Komitee in Odessa unter Vorsitz von Dr. Pinsker vertheilt jährlich an dürftige jüdische Bauern Land und Instrumente im Werthe von etwa 200,000 Francs. Die Gesellschaft „Dorsche Zion" in Minsk von 1000 Familien beruht auf dem Grundsatz, daß dieselben Land auf Abzahlung bekommen und dafür ein Kapital von etwa 600,000 Francs zu bezahlen haben. Eben solche Gesellschaften fiitb in Kowno, Bialystok, Wilna, ferner kleinere Gruppen in Riga, Warschau, Moskau rc, Ja selbst in New-Aork und in Boston sind von russischen Juden Gesellschaften mit je 500 Mitgliedern unter deni Namen „Schwi Zion" gegründet, um für sie Boden in Palästina anzukaufen. 4. Der sittlich und geistig höher stehende Theil der russischen Judenheit wird nur nach Palästina wandern, um Ackerbau zu treiben. Die Ersten, welche aus Rußland nach Palästina behufs Kolonisation gegangen und den schlimmsten Entbehrungen sich ausgesetzt haben, 'waren Studenten aus 'Charkow, welche die Kolonie „Gedera" gegründet und in „Rischon- L'zion" bis jetzt arbeiten? Daß jetzt wohlhabende Elemente hinziehen, beweisen die vielen neuen Ansiedelungen, so die Kolonie „Rechowoth", welche aus 40 Familien bestehen wird, von denen jede 7000 Francs geben wird. 5. Da das Land sehr nahe an Europa liegt, so werden die Inden nicht in Verfinsterung verfallen, ja es ist sogar möglich, daß sie die Kultur weiter beförbern könnten. Jedenfalls ist der Bildungsgrad in den Kolonien ein über das Mittelmaß hinausgehender: überall fiub nach europäischem Muster eiugerichtete Schulen, die Bebauung des Landes ist vollkommen nach den modernen MethodM..—.Ein.en Bescheid hat der „Verein russisch-jüdischer Studenten" auf obige'Vorstellung noch nicht erhalten. Wie wir hören, ist in der Konferenz die Ansicht vorherrschend, daß mit Rücksicht auf die bereits von privater Seite , in Palästina unternommenen GebiekseMerbungen und Kolonisationsversuche eine Ausdehnung der Arbeilen des Centralkomitees auf dieses Gebiet nicht angezeigt sei. □ Berlin, 16. Juni. Der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" hat dem Anwachsen des Vereins entsprechend sein Beamtenpersonal vermehrt und in Folge dessen ein größeres Büreau eingerichtet. Dasselbe befindet sich Magdeburgerstr. 13. . Der Borstand beabsichtigt, demnächst ein Wochenblatt herauszugeben. Die Zahl der Mitglieder beträgt bereits 8000. X Berlin, 17. Juni. Der Verkauf von Eintrittskarten zu dem morgen in der Philharmonie stattfindenden großen Sommer fest und Konzert zum Besten der aus Rußland vertriebenen nothleidenden jüdischen Familien ist so stark gewesen, daß sämmtliche für beide Theile des Festes giltige Karten vergriffen sind. — Vorgestern hat im Walliler-Theater zu gleichem Zwecke eine Wohlthätigkeits- Vorstellung stattgefunden. — Für den 23. d. M, ist die Veranstaltung eines Volksfestes in Weimanns Volksgarten in.Aussicht genommen. O Berlin, 2. Juni. Ihren ersten Jahresbericht versendet die Darlehnskasse des Vereins der Hörer d er Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums. Dieselbe wllrde am28. Mürz 1890 begründet und konnte dank der regen Betheiligung zahlreicher Gönner schon wenige Wochen später ihre Thätigkeit beginnen. In dem Berichtsjahr wurden an 24 Hörer der Lehranstalt Darlehen im Gesammtbetrage.von 446 Mk. gewährt. Von diesen haben 11 Entleiher in .Voll¬ oder Theilzahlungen zusammen 171 Mk. zurückerstattet. Am Schluß des Berichtsjahres besaß die Kasse noch ein verfügbares Kapital von 438 Mk. Wir wünschen dem jungen Unternehmen zu seiner humanen Thätigkeit gesegneten Erfolg.