Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- Seite 300 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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VIII. * Wir haben unserer Erzählung nicht mehr viel hinzuzufügen. | - Der Tod Rosa's hatte eine wohlthütige Veränderung in dem Wesen des alten Herzfeld hervorgerufen. S> An Stelle seiner Strenge und Härte war ein weicher, milder Ernst getreten. Er nahm Lheil an den Interessen seiner Familie, ohne sich wie früher als den Mittelpunkt derselben zu betrachten. Nach Jahresfrist trat David Frank als Bewerber um die Hand Doris auf. Er hatte das sanfte, aufopfernde Mädchen sehr lieb gewonnen. Doris kam ihm wie ein Theil Rosa's vor und er glaubte, das Andenken des geliebten Mädchen nicht bester ehren zu können, als wenn er die Schwester zum Weibe begehrte, die ihn, er hatte es mit Rührung erkannt, schon lange selbstlos geliebt hatte. Das Glück ist wie der Sonnenschein; es erwärmt und belebt; vor dem strahlenden Lichte des Glückes schwinden bald die Schatten der Trauer, welche so schwer auf dem' Herzen der Menschen lasten. Doris vermochte es kaum zu fasten, daß sie die Gattin des heimlich so heiß begehrten Mannes werden sollte; als er sie aber mit seinen starken Armen an sich drückte, um ihr den Verlobungskuß zu geben, da schmiegte sie sich innig an ihn, indem sie flüsterte: „Ich will versuchen, Dich ganz glücklich zu machen. Das Glück hat mir Rosa vom lieben Gott erbeten rind ihr Andenken soll uns heilig sein; ihr reiner Geist uns umschweben bei all' unserm Thun und Lassen." Frank blickte bewegt in das milde, gütige Antlitz seiner Braut. „Wie die Sonne, wenn sie aufgegangen ist, an dein Himmel des Herrn eine Zierde ist, also ist ein tugendsames Weib eine Zierde in ihrem Hause," citirte er einen Spruch aüs der Bibel. Dr. Josef Herzfeld hat sich bald nach der Hochzeit feiner Schwester mit einem liebenswürdigen und reichen Mädchen, einer Tochter des Doktor Leonhard, verlobt. Im Hause des Rabbiners hatte er die junge Dame kennen und lieben gelernt und schon nach kurzer Brautzeit legte Leonhard segnend die Hände des liebenden Paares ineinander. Auf den Wunsch Josefs sind seine Eltern nach Berlin übergesiedelt; sein ganzes Dichten und Trachten ist darauf gerichtet, ihnen das Leben angenehm zu machen. Seine Gattin bringt den Eltern ihres geliebten Mannes Ehrfurcht und Liebe entgegen. Sie unterwirft sich in dem eigenen Hause freundlich allen rituellen Gebräuchen, obwohl sie, in Folge der großstädtischen Erziehung, modernen Anschauungen huldigt. Die alte Frau Herzfeld widmet sich voll großmütterlichen Stolzes der Pflege ihres kleinen Enkelsohnes, der ihrem Josef zum Verwechseln ähnlich sieht, wie sie behauptet, und ihr Mann blickt befriedigt auf seinen Sohn, den viel beschäftigten Arzt, mit dessen w'ohlthätigem Beruf er sich vollkommen ausgesöhnt hat, wie er überhaupt, seit er in der Residenz wohnt und Theil an dem Leben der Großstadt nimnit, liebenswürdiger, besonders toleranter geworden ist. Seine Liebe zum Judenthum und zu den Juden ist ihm geblieben, — aber sein Empfinden für Andersglaubende ist milder geworden, seit er sich nicht mehr geflissentlich verschließt gegen die Fragen und Anforderungen unserer Zeit und der damit verknüpften Stellung der Juden in Deutschland, für dessen Einheit sie gelebt und gestritten; zu dem sie gehören mit Leib und Seele. Eonrad Hochbaum hat bisher nicht geheirathet. Nachdem er eine Zeit lang Urlaub genommen, um eine größere Reise anzutreten, ist er in die Heimath zurückgekehrt, wo er als Amtsrichter fungirt. Das Grab Rosa's, welches die ersten Jahre nur mit Riedgras, jetzt aber mit dichtem Epheu geschmückt ist, übt einen geheimnißvollen Zauber auf den noch immer schönen Mann aus, welcher seine erste und einzige Liehe, — das holde Judennrädchen, nicht vergessen kann. Doris und ihr Mann sind schon häufig auf dem Friedhofe mit ihm zusammengetroffen; das schöne Andenken, welches er der Todten weiht, hat versöhnend auf sie und ihre Angehörigen eingewirkt. Eine Trauerweide, welche Conrad der Geliebten hat setzen lassen, breitet ihre Zweige über das Grab des Mädchens aus, und die Nachtigall singt in den Zweigen ihr süßes Lied von Lieb und Leid. d Literarische Mittherlungen. Sprüche zur israelitischen Glaubens- und Pflichtenlehr e i n konzentrischen Krei sen. Von Dr. Bernhard Kuttner, Frankfurt a. M., I. Kaufmann. Diesem Merkchen ist auf jeder Seite anzumerken, daß es aus der Schulpraxis hervorgegangen ist, imb daher zeigt es sich auch für die Schulpraxi s so ganz besonders geeignet. Seitdem man begonnen hat, systenlatischen jüdischen Religionsunterricht zu ertheilen, sind eine Menge Spruchbücher erschienen, unter ihnen viele recht brauchbare. Vorliegendes Merkchen möchte ich aber allen anderen dieser Art vorziehen. Zum erstell Mal ist hier der Versuch gemacht, neben der systematischen Anordnung der biblischen und nachbiblischen Sprüche, diese tu konzentrische Kreise abzutheilen, und dieser Versuch ist vollkommen gelungen. Für jeden einzelnen Paragraphen der Glaubens¬ und Pflichtenlehre sind mehrere Spruche gegeben, passend für die verschiedenen Unterrichtsstufen. Die für die Unterstufe sind mit a, für die Mittelstufe mit b und die für die Oberstufe mit c bezeichnet. Nun ist Verfasser wohl weit entfernt voll der irrtümlichen Meinung, daß bereits in der Unter- oder Mittelstufe selbst der höheren Schulen systematischer Religionsunterricht gegeben werden soll. Die Sprüche werden dort entweder als gesonderter Memorirstoff oder im Anschluß an die anderen religionswissenschaftlichen Disziplinen gelernt und behandelt. Aber wenn auch deil Schülern kein System der Religionslehre vorgeführt wird, so muß doch der Lehrer auch auf diesen Stufen schon ein solches befolgen. — Bei manchen der angeführten Sprüche läßt sich wohl darüber streiten, ob sie für die angegebenen Stufen passen — die Abgrenzung ist eine schwierige — ein geschickter und erfahrener Lehrer wird dann wohl die angemessene Aenderullg eintreten lassen — aber im Großen und Ganzen muß anerkannt werden, daß die Auswahl der Sprüche eine passende ist. Auch daß Verfasser sich an die bereits anerkannte und vielfach in Schulen eingesührte Schul- und Hausbibel von Auerbach gehalten und darauf verzichtet hat, eigene Uebersetzung zu geben, gereicht dem Büchlein nur zum Vorzug. — Manche liebgewordene Sprüche werden aber in der Sanlmlung vermißt, besonders zu § 12 der Anfang des 139. Psalms, ebenso zu § 35 einzelne Verse aus Psalm 23 und 121, zu § 51 der 15. Psalm, und im Kapitel der Pflichtenlehre hätte irgenl wo die Stelle Micha 6 V. 5 ein Plätzchen finden müssen. Jedoch find dieses kleine Mängel, die dem Werth dieser mit pädagogischer Sachkenntniß zusammengestelllen Sammlung keinen Abbruch thun. A. L. O Soeben erscheint der längst erwartete zweite Supplementband zur „Real-Encyclopädre für Bibel und Talmud", Abtheilung I und II, von Dr. I. Hamburger, Landesrabbiner in Strelitz (Mcklbg.). Derselbe enthält folgende ausführliche Artikel: Alenu - Gebet, Amulettenwesen, Andersgläubige, Arbeiter, Artenmischung, Ahnungs- und Vorbedeutungszeichen, Konfessioneller Friedhof, Benediktion, Brauch und Sitte, Bräuche, heidnische, Besprechung der Krankheiten, Chiliasmus, Dispensation vom Gesetz, Fortdauer des Gesetzes, Feuerbestattung oder Leichenverbrennung, Gebeispoetik, Christenthum, Gesetz und Prophetenthum, Glaube, Göttliches Gericht, Habdala, Halacha, sinaitische, Leiden, Liturgische Poesie, Mehrung oder Minderung des Gesetzes, Messianische Bibelstellen, Mündliches Gesetz, Obergericht, Offenbarung, Tempelgeräthe, Tradition, Unmittelbarkeit Gottes u. A. m. Es wäre zu wünschen, daß bald zahlreiche Bestellungen auf diesen werthvollen Supplementband beim Verfasser einlaufen möchten. Druck und Verlag von Rudolf Mvfsc in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.