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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-06-19 · Heft 25 (19.6.1891) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 25 (19.6.1891)
Date
1891-06-19
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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+ MaKdehrtzrg im Sunt. DerVerein für wissenschaftliche Pädagogik hielt hierselbst am 18., 19. und 20. Mai seine diesjährige, Generalversammlttttg ab. Die Mitglieder dieses Vereins betrachten hie Ideen der Herbartschen Pädagogik und Philosophie als Grundlage für ihre Untersuchungen durch Lehre und Schrift. Zum besseren Verständnis sei kurz erwähnt, daß Herbart als derjenige Philosoph gilt, welcher, um mit Professor Strümpell zu reden, „die Pädagogik nicht nur gelegentlich in seinen Werken berührte, sondern das ganze Gewicht seiner theoretischen und moralischen Lehren auf die ,Pädagogik einwirken Xieft iuib sie zu einem wissenschaftlichen System konstruirte". Herbart HÄ vor Allem die Forderung eines erziehenden Unterrichts betont. Die Krone der Bildung ist nach ihm „die Charakterstärke der Sittlichkeit^, eine strenge Konsequenz im Dienste sittlicher Ideen. Um den Ausbau der Herbartschen Pädagogik hat sich besonders Professor Ziller, der Gründer oben erwähnten Vereins, Verdienste erworben; doch sind seine Prinzipien der Stoffauswahl, der Konzentration des Unterrichtsstoffes (Gesinnungsstoff) und die von ihm aufgestellteu fünf sogenannter! Formalstüfen (nach Herbart führt der Weg ans dem Unterrichtsgebiet von der Klarheit zur Assoziatio n, zum System und zur Methode) Gegenstand heftiger Polemik geworden. Es trifft zu, daß die Herbart- Zillersche Richtung vielfach Ideen zu Tage gefördert hat, die sich in die Praxis nicht übersetzen lassen. Unsere jüdischen Weisen sagen aber mit vollem Recht: „Nicht die Theorie ist die Hauptsache, sondern die Praxis". — Der Verein zählt ungefähr 800 Mitglieder vom Landschullehrer bi^ zum Uuiversitätsprofessor und kennt somit keinen Unterschied des Standes, auch keinen der Konfession. Er giebt ein Jahrbuch heraus, das bei den Berathungen der Jahresversammlungen zu Grunde gelegt wird. So wurde ..unter anderem auf Grundlage des diesjährigen 23. Jahr^ buches verhandelt: „Der Pessimismus und die wissenschaftliche Pädagogik", „Pestalozzi und Herbart", „Präparationen für die Behandlung der Zeit der Aufklärung". Von hervorragenden Herbartianern, die der Versammlung beiwohnten, seien erwähnt: Professor Vogt-Wim, bei zeitige Vorsitzende des Vereins, Dr. Barth-Leipzig, Dr. Thrändorf- Auerbach, Wiget-Leipzig, Hartmann-Aunaberg und last not least Professor Lazarus-Berlin, von welch Letzterem das hier erscheinende Tageblatt in Nr. 115, vom 21. Mai schreibt: „Besonders hervor trat der berühmte Psycholog, der Autor von „Das Leben der Seele", Professor Lazarus-Berlin, der aus dem reichen Schatze seiner 40jährigen- Thätigkeit mit noch jugendsrischem Geiste schöpfte und durch seine Aus-' führungen die zahlreich erschienene Lehrerschaft erfreute. Die Sympathie; die ihm die Lehrerwell überhaupt entgegeubringt, hat vornehmlich darin ihren Grund, weil Lazarus in seinen bedeutendsten Werken: „Leben der Seele in Monographien" in drei Bänden und „Ideale Fragen", die Gemeingut aller wahrhaft Gebildeten sein sollten, nicht von metaphysischen Voraussetzungen ausgeht. Man findet heutzutage selten ein pädagogisches Werk, das nicht Citate aus dem „Leben der Seele" anführt, mag es auf orthodox-kirchlicher oder religiös-freisinniger Grundlage ruhen, mag es ans Herbartschem oder AntLherbartschem Lager her- - rühren. Auf die Besprechung der einzelnen im Jahrbuch enthaltenen Abhandlungen können wir nicht genauer eiugehen, so anregend sie sich' auch gestaltete, weil dem größten Theil der Leser der „Allg. Z. d. I." die Bekanntschaft mit den betreffenden Arbeiten mangelt; auch paßt es' vielleicht nicht in den Nahmen dieses Blattes, sich weiter über den Gegenstand zu verbreiten. * Memel, 12. Juni. Ueber die Art und Weise, wie hier das Hilfswerk für die auswandernden russischen Juden allsgeübt wird, sei Folgendes mitgetheilt. Die Zahl der täglich zu Befördernden beträgt , durchschnittlich 70—80, oft aber auch bis zu 130 Personen. Für die augenblickliche Unterbringung der Auswanderer hier am Platze sorgt ein besonderes Komitee. Dasselbe hat einen großen Speicher gemiethet ■ und in dessen drei Etagen Vorkehrungen getroffen, um darin den Ankommenden bis zu ihrer Abfahrt von hier ein Obdach bieten zu können. Diese Abfahrt geschieht vorzugsweise auf Frachtdampfern, welche die Juden als Deckpassagiere von hier namentlich über Stettill oder auch unmittelbar über Lübeck nach Hamburg oder Bremen, und zwar für 4 geringen Ueberfahrtspreis mitnehmen. Die Unterbringung der Allswanderer in dem genannten Massenquartier bietet einen wahrhaft, rührenden Anblick. Die Räume, die für 300 Persollen Platz bieten und zum großen Theil alltäglich besetzt sind, wurden in Abtheilungen geschieden, in denen einzelne Männer, einzelne Frauen mit Kindern und ganze Familien gesondert untergebracht werden. Zu Herzen gehende Szenen bringt die täglich sich wiederholende Vertheilung der Unterstützungen mit sich. Sie geschieht auf folgende Weise: diejenigen, welche Unterstützung verlangen, sammeln sich jeden Mittag zwischen 12 und 2 Uhr, und. wenn die Arbeit während dieser Zeit llicht bewältigt werden kann, auch noch zwischen 6 und 8 Uhr Nachmittags vor dem israelitischen Schullokal. Das Vertheilungsgeschäft selbst leitet Herr Rabbiner Dr. Nnlf. Mit der Schiefertafel in der Hand läßt er die Unterstützung Fordernden, und zwar die Familien auf die eine Seite und die einzelnen Personell auf die andere hintreten. Zuerst werden Frauen und Kinder heraugerufen und ausgeschrieben. Hierauf wird eine nochmalige Theilnng unter verheiratete Männer mib Junggesellen vorgenommen, dieselben werden einzeln oder in Gruppen zur Unterstützung notirt, und endlich jede einzelne Familie oder Gruppe oder Person behufs Vornahme des eigentlichen Vertbeilungsgeschäftes in das Schullokal gerufen. Hier wird mit Allen ein Verhör über ihr Begehren, ihr Reiseziel, ihr Herkommen, ihren früheren Wohnort, ihr Geschäft, ihren gegenwärtigen Besitzstand und sonstige Verhältnisse gepflogen, ein Verhör, dessen Ergebniß nach all den angeführten Momenten in eine wohlrubrizirte Liste eingetragen wird. Nach Verhältniß der Bedürftigkeit werden danil die Unterstützungen bestimmt. Ein Jeder erhält einx entsprechende, die Höhe der Beträge angebende Anweisung auf die Kassa und erforderlichen Falls außerdem auch noch einen Schein, der unter genauer Anführung der Personalien und der hier erhaltenen Unterstützung den Inhaber während seiner Reise für weitere Unterstützung Beförderung empfiehlt. Camen, 1? Juni. Am 17. und 18. Mai tagte die 36. Jahresversammlung der israelitischen Lehrer von Rheinland und Westfalen im Cafe Viktoria zu Münster. Der zweite Vorsitzende, Herr Steinweg-Rheda, eröffnet die erste Sitzung um 2*/2 Uhr Nachmittags mit herzlichen Begrnßungsworten und gedenkt der während der vorjährigen Konferenz Heimgegangenen Kollegen, zu bereu ehrendem Andenken sich die Anwesenden von ihren Sitzen erheben. Herr Senrinardirektor Dr. Steinberg-Münster bewillkommnet hierauf die Versammlung im Namen des Ortskomitees. Es 'wurde nunmehr in die Tagesordnung eingetreten. Ueber den Stand der Kasse ist zu berichten, daß das Gesammtvermögen derselben jetzt 69,307 Mk, beträgt. Drei Kollegen haben jüngst die Mitgliedschaft erworben, und drei erklärten ihren Beitritt zur Kasse während der Verhandlungen, so daß die Zahl der Mitglieder nun 79 beträgt. Herr M enke Muttster übergab den ihm vom Deutsch- Israelitischen Gemeindebund in Berlin für die Konserenzbesncher übersandten Reisezuschuß von 150 Mk. und wünschte den Berathungen im Namen des Gemeindebnildes Erfolg und Gedeihen. Herr Blumenau- Hameln begrüßt sodann die Versammlung mit dem Ausdruck seiner Freude über das Wiedersehen der Kollegen. Der Vorsitzende des Kuratoriums der Marks-Haindorf'schen Stiftung, Herr Blumenfeld- Münster, dankt für die Einladung zur Versammlung und heißt dieselbe im Namen des Kuratoriums herzlich willkommen. — Herr Spier wünscht sodann die Berichterstattung über die Verhandlungen durch die gesammte jüdische Presse, was auch, wie der Vorstand verspricht, fortan geschehen soll. Ersterer stellt auch den Antrag, der Vorstand möge bei beu Oberpräsidien von Westfalen und der Rheinprovinz vorstellig werden, daß zum Abhalten einer offiziellen Kollekte in den Gemeinden zu Gunsten unserer Kasse die Erlaubniß ertheilt werde; die Versammlung lehnt indeß den Antrag ab. Herr Coblenz-Bielefeld erhielt sodann das Wort zu dem Vortrag der Grnndzüge des von ihm im Aufträge des westfälischen Gemeindeverbandes abgefaßteu Lehrplans über den j üdischen Religionsunterricht in der Volksschule, ohne daß die Versammlung in die Debatte darüber eintrat. Nach diesem Vortrag wird in die Debatte über den vorjährigen Spier'schen Vortrag „Die gesetzliche Stellung der jüdischen Schule in Preußen, besonders in Rheinland und SBeftfciten" eingetreten. Es entspinnt sich hierbei ein sehr lebhafter Gedankenaustausch, und schließlich werden die vom Referenten ausgestellten Leitsätze angenommen. Nachdem der Vorstand der Syuagogengemeinde Münster die Lehrer zu einem geniüthlichen Beisammensein auf den Abend eingeladen hatte und als Ort der nächsten Konferenz M.-Gladbach bestimmt worden war, wurde die erste Sitzung um 6*/.i Uhr- Abends geschlossen. — Am Morgen des 18. hatten sich die Konferenzbesncher um 8 Uhr wieder eingefunden. Zunächst wurde die Tagesorduung für die nächste Konferenz festgesetzt. Eine lebhafte Debatte entspann sich mui über.die vom Kollegen Ostwald Witten im vorigen Jahre aufgestellte Resolution in Betreff der Errichtung einer Centralstelle, welche sich zur Aufgabe stellt, die Gemeinden beider Provinzen anznregen, ihre koufessionellen Schulen zu erhalten, neue zu errichten

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