Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1891)
- Date
- 1891-05-01
- Page
- Seite 216 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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216 aus einem Seitenwege zu ihm drang, wurde er inmitteii seines Laufes aufgehalten. i Mit zuriickgehaltenem Athem blieb er stehen; ein gewaltiger Baumstamm, dessen belaubte Aeste sich bis auf den Erdboden herabbogen, bot ihm ein willkommenes Versteck; seine kleinen, aber sehr scharfen Augen vermochten das Dunkel zu durchdringen. Zwei dicht aneinandergeschmiegte Gestalten, in. ein leises, wie es aber den Anschein hatte, sehr wichtiges Gespräch vertieft, traten aus einem Seitenwege Heralls, unl gerade auf Heimchen zuzuschreiten. (Fortsetzung folgt.) Baron Hirsch — ein Traum. Von Dr. Adolf Jellinek. Ruhm und Popularität verhalten sich zll einander wie die Aristokratie zur Demokratie. Der Ruhm führt zu den Höhen, die Popularität zu den breiten Schichten der Gesellschaft. Man kann berühmt sein, ohne der Popularität sich zu erfreuen, und populär, ohne mit dem Diadem des Ruhmes sich zu schmücken. Wir brauchen diese Parallele nicht durch Namen zu erläutern; aber ein Namen, den man kennt und nennt in allen Welttheilen, ist sicher der des Baron Hirsch! Er gilt als der hochherzigste, freigebigste Philanthrop, der Millionen und Millionen spendet, um seinen Mitmenschen Beistand zu leisten, sie arbeitstüchtig und erwerbsfähig zu machen, aus der tiefsten Noth emporzuheben und von bitterer Noth zll befreien. In Wien werden jeden Monat 10,000 fl., in Budapest, in Lemberg und Krakau zusammen gleichfalls monatlich 10,000 fl., in Newyork 10,000 Dollar zur Förderung des Guten und Nützlichen aus der Kasse dieses unvergleichlichen Philanthropen verwendet, abgesehen von den großen Summen, die in Paris der Alliance Israelite und den Wohlthätigkeits - Büreaus zur Verfügung stehen, und von den Millionen, welche bleibenden Stiftungen in Galizien und , in Ainerika gewidmet sind. Kein Wunder, daß sein Name im Munde aller Hilfsbedürftigen geführt wird und daß Hunderttausende zu ihm wie zu einem rettenden Engel emporschauen. Aber noch mehr! Baron Hirsch beschäftigt nicht.blos die wunden Herzen und die leidenden Gemüther am Tage, sondern erscheint auch als guter Genius in nächtlichen Träumen, wie folgende Geschichte, die vor einigen Wochen sich ereignet hat, beweisen mag. Eine junge Dame in Kroatien, die ich in einem Kurort kennen gelernt hatte, schrieb mir, daß Baron Hirsch ihr im Traum erschienen sei und ihr versprochen habe, der Gevatter des Kindes zu sein, dessen Geburt sie in zwei Monaten ungefähr erwarte. Dieser Traum wiederholte sich drei Nächte hintereinander. Diese Wiederholung eines und desselben Traumes in drei aufeinanderfolgenden Nächten beschäftigte ihre mütterliche Phantasie. Vielleicht, denke sie, würde es ihrem Kinde Glück bringen, wenn der große Menschenfreund wirklich die verheißene Gevatterschaft übernähme. Ja, ein Mutterherz liebe das Kind, das noch nicht einmal ins Leben eingezogen ist, und fühle sich beseligt durch den Gedanken, daß ihm ein schönes Loos auf Erden beschieden sein werde. Sie bitte nun um meinen Rath, was sie zu thun habe. Ich antwortete ihr, daß ich mich nicht wie Joseph in Aegypten auf Traumdeutungen verstehe. Nur das eine kann ich ihr sagen, daß sie in ungefähr zwei Monaten eines Kindes genesen werde, ob eines Knaben oder eines Mädchens, wisse ich nicht. Ich sei aber bereit, Herrn Baron Moriz Hirsch, mit welchem ich seit drei Jahren aus Veranlassung seiner großen galizischen Stiftung in brieflichem Verkehr stehe und der mich mit seinem Besuche einige Male beehrt habe, dieses Tramngesicht mitzutheilcn — und ich hielt auch mein Versprechen! Ich schrieb an Herrn Baron Hirsch, daß, wenn wir in einem griechischen Zeitalter lebten, er gewiß in die Reihe der Götter auf dem.Olymp erhoben worden wäre. Er erscheine den Menschenkindern auf Erden am lautert Tage und in stillen Nächten Arm in Arm mit der Göttin Fortuna, Glück verbreitend und Segen spendend, und, ein zweiter Aeskulap, bereite er ein Mittel, dessen Heilkraft sicherer und gefahrloser als die von Koch entdeckte Lymphe sich bewähre. Dann fuhr ich in meinem Brief fort, ihm das Traumgesicht der jungen Kroatin zu erzählen. Hierauf antwortete er mir, daß ihm bereits im Laufe der Jahre so viele Gevatterschaften offerirt worden wären, daß er mindestens die Hälfte der Knaben des jüdischen Stammes zu seinen Pathen zählen müßte, wenn er Zeit und Lust gehabt hätte, sie anzunehmen. Er bedaure daher, den Traum der jungen Kroatin nicht erfüllen zu können! Herr Baron Moriz Hirsch beglückt so viele Menschen am hellen, lichten Tage, daß er wahrlich nicht nöthig hat, auch noch nächtliche Visionen, die ihn als den unermüdlichen Spender des Glückes zeigen, zu erfüllen. Er ist einer der populärsten Männer der Gegenwart, und die Erinnerung an ihn wird durch seine wohlthätigen Werke unvergänglich für alle Zeiten bleiben/) U Literarische Mittheilungen. ----- Mit dem Aprilheft der von Paul Lindau herausgegebenen Monatsschrift „Nord und Süd" (Verlag der Schlesischen Buchdruckerei, Kunst- und Verlagsanstalt, vorm. S. Schottlaender, Breslau) beginnt diese ihren fünfzehnten Jahrgang. Man muß gestehen, daß diese Revue es nicht blos verstanden hat, sich dauernd das Wohlwollen aller Gebildeten zll erhalten, sondern daß sie dieses Wohlwollen auch im hohen Grade verdient. Ohne akademische Steifheit hat sie allen wissenschaftlichen Fragen — welche Gebiete sie auch immer betreffen mochten — in zeitgemäßer Weise von hervorragenden Gelehrten Erörterung angedeihen lassen; und ebenso ist'sie auf belletristischem Gebiete stets auf der Höhe der Zeit geblieben, willig den neuen und jungen Talenten ihre Spalten öffnend. Eil: Blick in das soeben ausgegebene April-Heft beweist das aufs Glänzendste. Da figurirt ein junger österreichischer Dichter, I. I. David aus Wien, mit einer sehr stimmungsvollen, künstlerischnaturalistischen Novelle: „Sonnenaufgang". Paul Lindau veröffentlicht den ersten Theil des ganz neu aufgefundenen Tagebuchs Ferdinand Lassalle's, welches wir bereits in diesem Blatte besprochen haben. Die vom Herausgeber dazu geschriebene Einleitung ist ein Muster der feinsten Charakteristik. — Der Straßburger Professor Georg Kaibel berichtet über die Papyrusrolle, die uns jüngst eine epochemachende Schrift des Aristoteles aus einem ägyptischen Grabe ans Licht des Tages gefördert hat. — Die geistreiche Schriftstellerin Helen Zimmern in Florenz entwirft ein charakteristisches Bild von dem Lebens- und Schaffensgang der italienischen Dichterin Matilde Serao. — Der Altmeister Heinrich Kruse steuert eine vortreffliche, packende „Seegeschichte" bei. — Professor Hans Müller in Berlin bringt ganz neue Aufschlüsse über den Maler Kaulbach, die Entstehung seiner Hunnenschlacht und seine Beziehungen zll dem Kunstmäcen Grafen Raczynski. — Reiche bibliographische Notizen bilden den Schluß. Das Heft schmückt ein bisher unbekanntes Portrait Lassalle's in jugendlichem Alter. l) Gerade als ich meinen Namen unter dieses Feuilleton setzte, erhielt ich die briefliche Mittheilung, daß die junge Frau in Kroatien am 16. April von einem muntern Knaben entbunden wurde. Die Mutter ist sehr glücklich, daß wenigstens ein Theil ihres Traumes, die'Geburt eines Knaben, in Erfüllung ging und hofft, daß ihr Söhnlein, wenn auch keine türkischen Bahnen bauen, doch im Leben sich Bahn brechen wird. Druck uno Verlag von Rudolf Mofje in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch will in Berlin.