Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1891)
- Date
- 1891-05-01
- Page
- Seite 215 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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jetzt, nachdem er das Geschäft von den Eltern übernommen, konnte er ernstlich ans Heirathen denken. Während seiner Soldatenzeit hatte er sich sehr modernisirt, und man sah ihm das „Medinegehen" nicht mehr an, wenn er auch getreu der Tradition, die Elle unter dem Arm, die reichen Bauernhäuser besuchte, sobald die Bauern „des Juden" bedurften. Er besuchte auch weiter entfernt liegende Dörfer, und wenn er mit seinem Planenwägelchen die Landstraße befuhr, kam er sich frei und glücklich wie ein König vor, denn sein Handel blühte und die hübschen Dorfdirnen freuten sich sehr, sobald er kam. Wenn ihnen David die Stoffe und Bänder zeigte und dabei mit derben Galanterien nicht geizte, zeigten sie lachend die weißen Zähne und bewunderten seine glänzende Beredtsamkeit. Bei der Wahl einer Gattin hatte er nicht nöthig, auf viel Vermögen zu sehen; tüchtig, betriebsam und vor allen Dingen hübsch mußte sie sein; er wollte etwas für's Herz haben, denn seit kurzer Zeit regte es sich lebhaft in ihm. Wenn er hinter dem Ladentische stand, ohne daß er einen Kunden bedienen mußte, trat das Bild eines sehr schönen Mädchens vor sein geistiges Auge. Der Wunsch, es'in Wahrheit neben sich zu sehen, wurde immer lebhafter in ihm, denn Rosa Herzfeld hatte es ihm angethan, und obwohl er wußte, daß ihr Vater für die jüngere Tochter keinen Heller Mitgift hergeben würde, wenn Rosa vor Doris heirathete, war seine Leidenschaft für das anmuthige Mädchen so mächtig geworden, daß er mit Heimchen Lewy in Unterhandlung getreteri war, um durch diesen auf den alten Herzfeld einwirken zu lassen. Welch' schweren Stand er mit diesem haben würde, wenn er um die Jüngere warb, wußte Frank ebenso gut, wie Heimchen, der seinen klugen Kopf sehr bedenklich geschüttelt hatte, als ihm der junge Mann seine Absichten auf die Hand Rosa's klar gemacht. „Warum wollen Sie sich nicht bequemen, die Doris zu Ihrer Frau zu nehmen?" hatte er achselzuckend gemeint. „Das ist ein Frauchen für Sie, die kann arbeiten wie ein Vieh. Rosa ist ganz apart, schön, lieblich und zart, ich fürchte nur, wenn Sie werden um sie frei'n, wird sie einfach sagen, nein." David Frank wollte aber an das Nein Rosa's nicht glauben; seit er sie zum letzten Male gesehen, war der Entschluß, sie sich zu eigen zu machen, nur noch fester geworden. Gewiß war Doris viel tüchtiger als die jüngere Schwester: er hätte in ihr eine rechte Hand gehabt; einen Korb sich zu holen, brauchte er bei ihr auch nicht zu befürchten, allein er hatte es sich einmal in den Kopf gesetzt, nach dem Herzen zu heirathen. Er machte es auch jetzt Heimchen Lewy plausibel, mit dem er in einer von dicken Weinranken umgebenen, mit starken Bohlen gedielten Laube saß, Jeder sein Krügchen Bier, Butter, Brod und Käse vor sich, in eifrige Unterhaltung vertieft. Am Nachmittage war ein tüchtiges Gewitter über das Städtchen hingegangen; jetzt hatte sich die Luft prächtig abgekühlt, und in wundervoller Bläue wölbte sich der Himmel mit seinen Millionen Sternen über die vom Mondlicht begossene Erde. Aus dem Dunkel der Waldwege ragten die hohen Wipfel der Bäume gespensterhaft hervor: es war heute nicht belebt, wie sonst im Walde. Der heftige Regen hatte den Waldboden schlüpfrig gemacht, und die Irrlichter, welche aus dem feuchten Moose hervorleuchteten, konnten gar leicht einen Wanderer in den Sumpf locken. Nicht umsonst nennt man den Duft des Waldes den Odem Gottes; belebend und erquickend wehte es aus den Bäumen und Gesträuchen, aus der feuchten Erde mit ihren Kräutern und Waldblümchen, ihren Moosen und Waldbächen, welche durch den Gewitterregen angeschwollen, ihren Lauf durch die grüne Einöde beschleunigten; die Vögel waren schon ins Nest geflogen, um müde die Köpfchen unter die Flügel zu stecken; nur das melancholische Zirpen der Grille, der Ruf eines Kälizchens drang durch die Stille des Waldes, der sonst von fröhlichen Menschenstimmen wiederhallte; einzelne bunte Käfer schwirrten von Blume zu Blume, von Blatt zu Blatt; muntere Eichhörnchen kletterten an den Baumstämmen empor, um in den hohen, feuchtschimmernden Kronen auszuruhen von den Mühen des Tages. Eine tiefe Stille herrschte in dem Walde, nur von Zeit zu Zeit drang aus der „Waldschänke" oder aus dem Gasthaus „Zur goldenen Krone" ein lauter gesprochenes Wort, ein Helles Mädchenlachen hervor. Ein paar luftbedürftige Menschen hatten es sich nicht nehmen lassen, den gewohnten Spaziergang zu machen und dabei in den Stammkneipen einzukehren. Die Waldschänke zeigte heute allerdings nur wenig Gäste; die Damen der Haute - volee, wie die Frau Steuerräthin Hochbauni, die Frau Oberprediger Rudolf rc. rc., hatten es vorgezogen, nach dem Unwetter nicht mehr auszugehen, aber Else Hochbaum hatte ihren Vater und ihren Bruder veranlaßt, den gewohnten Abendspaziergang zu machen, und Rosa Herzfeld, welche bei ihnen zu Besuch gewesen, schloß sich ihnen nach kurzem Zögern an, nachdem ein bittender Blick aus Conrads heißen Augen ihr erröthendes Antlitz getroffen. Auf dem Wege nach dem Walde waren die beiden Mädchen Arm in Arm gegangen; sie scheuten weder die feuchte Luft noch die kleinen Hindernisse, welche die herabgeschleuderten Baumzweige, wie der nasse, schlüpfrige Erdboden bot; sie schritten tapfer vorwärts. Die beiden dicht hinter ihnen schreitenden Herren freuten sich der Sicherheit, mit welcher die beiden reizenden, zarten Mädchengestalteu über die kurzen Baumstämme, über die durch den Wolkenbruch hervorgerufenen Seen vor ihnen hinschwebten, als wäre der Waldbodcn mit seinen knorrigen Aesten und Steingeröll das glatte Parquet eines Ballsaales. Auf dein Heimwege hing sich Else Hochbaum an den Arm ihres Vaters; Conrad bot anfangs nicht Rosa seinen Arm, aber er hemmte absichtlich seine Schritte, bis Vater und Schwester eine ziemlich weite Strecke voraus hatten. Plötzlich aber hatte der junge Mann den Arm der Jugendfreundin sanft in den seinen gezogen; sein Antlitz bog sich, mit einem glücklichen Lächeln zu Rosa nieder, welche die Augen zu Boden gesenkt, über und über erglühend, nicht die Kraft fand, sich dem zärtlichen Drucke zu entziehen, mit welchen Conrad ihren Arm festhielt. Kurz nachdem Hochbaums und Rosa Herzfeld die Waldschünke verlaffen, uni langsam, die herrliche Nachtluft iu vollen Zügen genießend, den Heimweg anzutreten, hatten auch die beiden Bekannten, Heimchen Lewy und David Frank, von einander Abschied genominen. Der Erstere ging denselben Weg, den Hochbaums genommen, Frank wandte sich links, feinem heimathlichen Dorfe zu, welches er als guter Fußgänger in einer Stunde erreichen konnte. Heimchen liebte den Wald nur dann, wenn er sich in Gesellschaft befand; die gespenstischen Formen, welche die Zweige der Kastanien- und Lindenbäume, der Eichen und Tannen, vom Monde beschienen aiinahmen und unheimliche Schatten auf den dunklen Erdboden warfen, erzeugten in ihm ein beängstigendes Gefühl; für die wundervolle Poesie einer einsamen, im Walde verlebten Sommernacht hatte unser Heimchen kein Verstündniß. Vorsichtig nach den verschiedenen Kreuz- und Querwegen spähend, suchte er sich die trockensten Stellen des Waldweges aus, wo er jedes Steinchen, jeden hervorragenden Ast kannte. Ganz im Stillen Frank verwünschend, der ihn so lange aufgehalten, wollte er, von einer plötzlichen Flircht gepackt, schleunigst das Hasenpanier ergreifen, allein durch ein leises Geflüster, welches