Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-01 · Heft 18 (1.5.1891) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 18 (1.5.1891)
Date
1891-05-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227896--47910-3270400
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

55. Äatsrgang. Nr. 18. Wei^crge Dev GerneLn-rbote. zur „Allgemeinen Jeitnng öes InöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. * Berlin, 26. April. Am Freilag. den 25. d. M. ist der Generalfeldmarschall Graf Moltke nach langem ruhmreichen Leben gestorben. Als treue Söhne des deutschen Vaterlandes betrauern auch die deutschen Juden den Heimgang des großen und edlen Mannes, des genialen Heerführers, dessen Weisheit und Tüchtigkeit Deutschlands Siege geleitet und die Einigkeit des Vaterlandes gefördert haben. Graf Moltke war ein erhabener Denker, ein wahrhaft humaner und vorurtheilsfreier Mann. Er war streng konservativ und innig gläubig, aber er verwarf jede Intoleranz, jeden Haß gegen Andersgläubige, jeden Versuch, die Grundlagen des Rechts und der religiösen Freiheit anzutallen. Wie er früher entschieden und unbedingt für die volle bürgerliche (gmanätpattou der Juden in Deutschland eingetreten, so hat er auch später im Herrenhause wie im Reichstage bei jeder Gelegenheit sein schwerwiegendes Votum zu Gunsten völliger Rechtsgleichheit abgegeben und alle Versuche, seinen reinen und großen Namen im Interesse der antisemitischen Agitation auszubeuten, mit Entrüstung von sich gewiesen. Noch in den letzten Monaten haben es die Antisemiten gewagt, in einem Flugblatt sich auf die Autorität des größten Schlachtenlenkers zu berufen, indem sie aus einer. Schrift, die derselbe 1832 als junger Offizier über die Zustände in Polen geschrieben, einige Stellen aus dem Zusammenhang rissen und als das allgemeine Urtheil Moltkes über die Juden triumphirend verbreiteten, während Graf Moltke, nachdem ihm vor etwa sieben Jahren jene Schrift behufs Neudrucks vorgelegt wurde, selbst die Streichung der Stellen vorgenommen hat, die sich allein auf die Autorität älterer Schriftsteller, wie Chodzko, Malte-Brun u. A. stützten und über die Juden in Russisch-Polen vor sechzig Jahren ein weniger günstiges Urtheil fällten. Zu einer solchen Höhe der Erkenntniß, der Wahrheitsliebe und einer wahrhaft cuttifeu Bescheidenheit vermochten sich allerdings die antisemitischen Mannesseelen nicht aufzuschwingen. Ihr Versuch aber, sich an die Rockschöße des großen Mannes zu hängen, darf als völlig mißglückt angesehen werden. Ein so erlauchter Geist, der mit feinem hellen Auge alle Gänge und Entwickelungen des Geschichtslebens überschaut, konnte nichts gemein haben mit den kleinen Naturen, die Klassenhaß und Rassenhaß säen, um dabei ihre eigene Rechnung zu finden. Graf Moltke war ein viel zu frommer Christ, um ein Gegner der Juden zu seiner war ein viel zu freier Denker, um nicht in allen Menschen Kinder Gottes und in Allen, die treu zu Kaiser und Oletct) in Sturm und Noth standen, gleichberechtigte Söhne des Vaterlandes zu achten. So werden auch die deutschen Juden sein Andenken stets in hohen Ehren Hallen. Moltke's Name wird auf den Blättern der Weltgeschichte mit goldenen Lettern verzeichnet stehen, nicht nur neben den größten Feldherren, sondern auch neben den größten und edelsten Molschen aller Zeiten! * Berlin, 26. April. Gestern Nachmittag fand voll der Leichenhalle des Friedhofes iit Weißensee aus die Beerdigung des jüngst verstorbenen ehemaligen Direktors der Nationalbank für Deutschland, Dr. Hermann Löwenfeld, der in der Berliner Gesellschaft vor Jahren eine angesehene Rolle spielte und sich auch als Schriftsteller auf nationalökonomischem und politischem. Gebiete ausgezeichnet hat, statt. Eine zahlreiche Trauerversammlung hatte sich zu derselben eingefundell und umstand den reich mit Blumenkränzen, Lorbeer und Palmen bedeckten Sarg. Nach dem Gesänge des Gemeindechors hielt der Prediger an der Reform-Gemeinde, Herr Dr. Levin, die Leichenrede, in der er ein treues Lebensbild des Dahingeschiedenen gab, seiner wissenschaftlichen und praktischen Thätigkeit und Erfolge gedachte, der Liebe erwähnte, die er in reichem Maße den Seinen und den Freunden bethätigt und die er in den schweren Leidenstagen, die seinem Tode vorangingen, namentlich durch die aufopfernde Thätigkeit seiner Gattin erfahren. Nach dem der Rede folgenden Gebet trat Albert Träger, ein langjähriger Freund des Verstorbenen, an den Sarg. Er sprach etwa Folgendes: Der lange sehnsüchtig erwartete Frühling, der endlich zu uns gekommen, der in duftigen Blumen auf diesem Sarge ruhe, er hat auch den Weg zu dem Leidenslager unseres Freundes gefunden und ihm Erlösung gebracht. Wer den Verewigten gekannt, dem steht er vor Augen nicht hinfällig, des Lebens müde, ein gebrochener Mann, sondern in der Vollkraft des Daseins, schaffensfreudig, lebens- und wirkensfroh. Das Schicksal habe diese starke Natur nicht mit einem Schlage zu treffen vermocht. Langsam, von innen heraus, habe ein tückisches Uebel ihn vernichtet. Wir aber wollen ihm ein treues Gedächtniß bewahren allezeit, dem Manne, wie' er war, ehe ihn das Leiden niederwarf: starken Geistes, voll von Wissen und glänzenden Gaben, voll Liebe und dem Herzensdrange, sie an Allen, die ihm nahestanden, der Gattin, den Geschwistern, den Freunden zu bethätigen. Seine Lebensbahn sei stetig aufwärts gegangen; in immer herrlicherer Bethätigung seiner reichen Gaben, und noch sei sie lange nicht abgeschlossen gewesen, denn er strebte unablässig weiter für das, was er als recht und wahr erkannt. Aber wie groß sein Verstand und sein Wissen, das reiche Gemüth hielt ihnen die Waage, und wie herrlich sein Gemüth — der Verstand war es, der dessen Bethätigung in die rechten Wege leitete, ihn zum Rathgeber, zum Helfer seiner Freunde machte. Dafür sei ihm auch reicher Lohn in der Liebe der Seinen, der Freunde, vor Allem aber der Frau geworden, die in selbstloser Hingebung, in steter Hoffnung, durch ihre Liebe seine Leidenstage verklärte. So lebe denn wohl, schloß der Redner, du treuer Freund, dein Gedächtniß wird in uns leben, und die Saat, die du in unsere Herzen gelegt, aufgehen; wir werden dein theures Bild in uns tragen, allezeit! — Unter erneutem Gesang wurde der Sarg an die Gruft getragen und dann mit den üblichen Gebeten die Feier beendet. * Berlin, 17. April. Ein Comite, aus hochangesehenen Mitgliedern unserer jüdischen Gemeinde bestehend, versendet an wohlhabende Glaubensgenossen den nachfolgenden Aufruf: „Das Bestreben, die in den denkbar ärmlichsten Verhältnissen Heranwachsende Jugend durch Errichtung von Ferien-Kolonien zu gefimden Menschen zu erziehen, findet in neuerer Zeit immer größeres Interesseimmer weitere Kreise bringen diesem schönsten Zweige der Menschenliebe ihre Theilnahme entgegen. Das große Comitö der städtischen Ferien-Kolonien, das außerordentliche Erfolge verzeichnet, kann den jüdischen, rituell erzogenen Kindern nicht besondere Kolonien einrichten, deshalb haben die hiesigen Logen des unabhängigen Ordens Bnei Briß schon vor 7 Jahren begonnen, armen jüdischen Kindern einen geeigneten Sommer- Aufenthalt zu schaffen und im Jahre 1884 zum ersten Mal 10 Kinder in einer fernen Kolonie untergebracht. Angespornt durch den vorzüglichen Erfolg, wurden die Kolonien von Jahr zu Jahr vergrößert: 1885 ----- 25, 1886 - 33,1887 43,1888 62, 1889 78 und 3890 sogar 100 Kindern in Voll-Kolonien bei sorgfältiger Pflege die Erholung und Genesung ermöglicht. Leider ist es nicht zu erzielen gewesen, auch nur die Hälfte der berechtigten Gesuche zu erfüllen, dazu reichten die Mittel nicht aus, obzwar die Mitglieder der hiesigen Logen in hochherziger Weise alle Ausgaben allein bestritten. Um nun das schöne Werk in weiterem Umfange fortzusühren, um thunlichst allen Kindern unserer armen Glaubensgenossen die Möglichkeit zu schaffen, gesund und dadurch zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft zu werden, find die Unterzeichneten zu einem Comite zusammen getreten mit der Aufgabe, diejenigen Mittel zu schaffen, welche erforderlich sind, um diese Ferien- Kolonien der hiesigen Logen zu einer dauernden Einrichtung umzubilden. An die Mitglieder der hiesigen Gemeinde wenden wir iut§ mit der dringenden und herzlichen Bitte, entweder durch regelmäßige jährliche oder einmalige Gaben uns zu unterstützen. Glaubensgenossen! Wem von Ihnen es vergönnt ist, mit den Seinigen im Sommer hinaus zu wandern in Gottes freie Natur, der öffne sein Herz und schaffe armen dahinwelkenden Kindern eine ähnliche Möglichkeit der Erholung. Wer einmal Zeuge gewesen, wie die mit der Noth des Lebens kämpfenden Ellern ihre Kinder, so oft ihr einziges Glück, blaß und siech uns gegeben, und gesund mit rothen Wangen und leuchtenden Augen aus den Kolonien zuriick empfangen, wer die Thräneu der Dankbarkeit über die abgehärmten Wangen dieser Eltern hat fließen sehen, der ist für alle Zeit ein begeisterter Anhänger dieser werkthätigen Nächstenliebe und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.