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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-22 · Heft 4 (22.1.1891) · p. Seite 43

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 4 (22.1.1891)
Date
1891-01-22
Page
Seite 43 (sequence 7)
Language
German
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43 & So, mein lieber Freund, sah die jüdische Theologie bis in unser Jahrhundert aus, und die letzten altrabbüiischen Größen, welche auf die werdende jüdische Wissenschaft mit wahrer Verachtung herabblickten, welche in Männern wie Zunz und Geiger Ignoranten oder im besten Fall Dilettanten sahen. Männer wie Moses Sofer und Atiba Eger können uns nicht immer als leuchtende Vorbilder gelten. Wenn der Erstere die Frage untersucht, ob man in der Ehescheidungsurkunde den Namen einer Frau, welche den melodischen Namen Patsche führt, aber in ihrem gegenwärtigen Aufenthaltsorte Pepi genannt wird, so oder so schreiben solle, und der Letztere sich wieder damit abquält, ob man einen Mann, der einmal in einem Raseurladen mit eingeseiftem Gesicht gesehen wurde, schon ebenso behandeln dürfe, als hätte er sich rasirt, und er darum als Trauungszeuge nicht zuzulassen sei, so wird von dem Allen heute imierhalb und außerhalb des Judenthums nichts Anderes herauskommen, als daß man unsere Theologen verlacht. Darum, mein lieber Freund, müssen wir Spreu und Weizen scheiden, und zwar nicht nur in unserem Bewußtsein, sondern auch in der Lehre, einerlei, ob wir sie im Unterricht oder auf der Kanzel ertheilen. Wir erfüllen aber auch dann nicht unsere Pflicht, wenn wir an diesen Dingen stillschweigend vorübergehen, sondern wir müssen unseren Genwinden das versöhnende Bewußtsein einpflanzen und erhalten, daß auch die religiöse Anschauung-ihre Geschichte hat, und daß unsere Religion nicht blos ein Rest alter Religiosität, eine Ruine einer ehemaligen Festung ist, sondern daß sie einen neuen Ban auf alten Fundamenten darstellt. Wir müssen die Ueberzeugung vertheidigen, daß unser festes Gottesbewußtsein eine Religion ist, daß mit unserer Beurtheilung der rabbinischen Litteratur Achtung verbunden sein kann, und zwar eine höhere Achtung, als sie diejenigen besitzen, welche allen Schwächen zum Trotz ihre absolute Unfehlbarkeit behaupten. Wir werden dann begreifen und beweisen, daß alle Ideale ihre Zeit haben und dann sich ausleben, um neuen Platz zu machen, denn für das Geistesleben gilt nicht minder wie für das Naturleben das göttliche Gesetz, das wir in unserem Thora-Abschnitt lesen: „So lange die Erde steht, wird Aussaat und Ernte, Sommer und Winter,! Külte und Hitze, Tag und Nacht nicht aufhören." Sie aber, mein ' lieber Freund, wollen stets im Auge behalten, daß nicht die Zweckmäßigkeit , sondern die Wahrheit über die Zukunft von Ideen entscheidet, und der Talmud sagt: Die Wahrheit ist das Siegel Gottes. 9 Nie Extreme im Iudenthum. Von N. I. Weinstein. In einem seiner berühmten Aufsätze, in welchem Börne die gesellschaftlichen Zustände der damaligen Zeit in Deutschland auf’s Schärfste rügt, sagt derselbe Folgendes: „Wenn mechanische Kräfte von gleicher Geschwindigkeit auf einander stoßen, halten sie sich wechselseitig auf und bleiben stehen. Sind aber die Kräfte oder ihre Geschwindigkeit ungleich, treibt eine die andere fort und alle kommen in Bewegung. So ist es auch mit den Geisteskräften. Das ist das Geheimnis; der Verdrießlichkeit deutscher und der Annehmlichkeit französischer Gesellschaften. Wo nur Standesgenossen zusammenkommen, da wird immer Langeweile prüsidiren und die Dummheit das Protokoll führen." Dieser treffliche Vergleich Börnes der geistigen Kräfte mit den mechanischen ist nicht blos ans die Gesellschaft im gewöhnlichen Sinne allein, sondern ans die geistige Entwickelung und auf den Jdeengang der ganzen Menschheit zutreffend. Das Geheimniß, warum eine Gesellschaft angenehm ist oder nicht, ist auch |g das Geheimnis;, warum ein gewisser Zeitabschnitt in der Geschichte f|| des menschlichen Denkens an Ideen, an regen Gedanken mehr oder |j weniger fruchtbar ist. Werfen wir blos einen flüchtigen Blick auf U die Geschichte der Philosophie der Griechen, so erkennen wir sofort, -fl daß zu einer Zeit, wo die philosophischen Systeme geradezu Gegen- Ä säße bildeten, die Philosophie in ihrer höchsten Blüthe stand. Je mehr!fj! aber die Gegensätze an Schürfe abnahmen, desto mehr welkte die Philosophie bei den Griechen hin, bis sie schließlich steril wurde. Selbst die vorsokratische Philosophie zeigt diese Merkmale. Während u; die erratische Schule behauptete, nur das Sein ist, das Werden aber sitz gar nicht, behauptet Heraklit das Gegentheil. Der Sophismus aber |j; negirt diese beiden Systeme und ist antipod. Denn während diese!V« beiden Systeme die Objektivität behaupten, behauptet der Sophismus die Subjektivität. Dieses neue und dein vorigen entgegengesetzte System, das System der Subjektivität, hat aber eine der größten fll Revolutionen auf dem Gebiete des griechischen Denkens hervor-!;> gerufen, eine Revolution, die einen Sokrates und einen Plato zu!' Tage förderte. Freilich ist der Begriff von Subjektivität bei Sokrates;|: ein ganz anderer als bei dem Sophismus. Das war keine empirische, if sondern eine absolute, ideale Subjektivität des objektiven Wvllens und tvernünftigen Denkens, aber immerhin doch eine Subjektivität. fj Vollends war dies erst der Fall, als die Philosophie des Sokrates |j in ihrer höchsten Blüthe stand. Die Systeme seiner Nachfolger, die § sogenannten unvollkommenen Sokratiker, bildeten unter sich die nur denkbaren Gegensätze unter einander. Aber auch das System des | vollkommenen Sokratikers, des Plato, bildet mit dem seines Schülers § Aristoteles zwei Gegensätze. Jene Zeit aber, wo die aristotelische t Philosophie die allein herrschende und von Allen anerkannt war, ist : die ödeste in der Geschichte des menschlichen Denkens. Sie bildet die ’ j dichteste Wolke des Mittelalters; und nur erst, als in der aristotelischen ‘ fl Philosophie sich Gegensätze zu bilden ansingen, als der Nominalismus! und das System des Realismus entstanden, da begannen auch die Wolken des Mittelalters sich zu zerstreuen, und die Sonne der Aufklärung dämmerte allmählich auf. ,i Es kann hier nicht meine Absicht sein, speziell auf die Geschichte des menschlichen Denkens einzugehen, hier soll nur auf eines ihrer il' deutlichsten Merkmale aufmerksam gemacht werden, wodurch wir ein V Kriterium und zugleich einen schnellen Ueberblick über dieselbe ge- ' winnen. Arich mit dem geschichtlichen Jdeengang des Judenthums ist fl; es nicht anders bestellt. Der Monotheismus oder der Idealismus, j welchen das Judenthum zuerst in die Welt rief, war der strengste Gegensatz der Götzenknltur des Heidcnthums. Während der ganzen j Periode des ersten Tempels machten sich diese beiden Gegensätze im •- Iudenthum geltend. Die Prophetie!var der schönste Gegensatz des - Götzenkultus, und nur durch diese ist erstere hervorgerufen worden, i Die herrlichsten Schöpfungen eines Jesaia, eines Jeremia, entstanden : zu einer Zeit, als ein großer Theil des Judenthums der Götzenkultur i sehr ergeben war. Daher erklärt es sich, warum die Prophetie ‘ während des zweiten Tempels nicht existirte. Es fehlte damals ihr I Gegensatz, der Götzendienst; als aber während der Zeit des Antiochus J i Epiphanes dieser Gegensatz sich geltend machte, da erlvachte der alte ij | prophetische Geist Israels, da wurden viele Psalmen und Apokryphen fl oder Hagiographen, deren Entstehen nur jener Zeit zu verdanken ist, j zu Tage gefördert. Der ganze Aufbau des Talmuds entstand zu > einer Zeit, als die verlockenden Ideen des griechischen Polytheismus; das Iudenthum zu verschlingen drohten, und später, als srernde Nationen ihre theosophischen Ideen dem Iudenthum durchaus aufdrängen oder dasselbe von der Religion seiner Väter gewaltsam trennen wollten. ' Als aber während der gaonäischen Zeit das Studium des Talmud

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