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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-22 · Heft 4 (22.1.1891) · p. Seite 42

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 4 (22.1.1891)
Date
1891-01-22
Page
Seite 42 (sequence 6)
Language
German
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vention zu erproben, für die das ganze „Um und Auf" der amtlichen Thätigkeit darin besteht, daß sie bei einer Trauung oder bei einer Beerdigung allen Vettern und Basen aus der Verwandtschaft ein paar Artigkeiten sagen. Solche Leute werden auch gern das religiöse Gewissen der Gemeinde einschläfern, weil sie dabei ein bequemes Leben führen und ihren materiellen Interessen am besten dienen, über diese Herren ruft Zephania sein „Wehe denen, die auf ihren Weinhefen liegen und sprechen: Gott thut nicht Gutes und nicht Böses." Solche Herren können begreiflicherweise den Namen Jbn Esras nicht vertragen, weil er eine stete Mahnung ist, daß mau „die Wahrheit rede in seinem Herzen". Man sagte Ihnen auch, daß ich Jbn Esra falsch ausfasse, wenn ich ihn neben Hitzig stelle. Nun, ich denke, daß Jedermann einsieht, wenn ich sage: Der Ausspruch eines Tanaiten wiegt nicht schwerer, als der eines Jbn Esra oder eines Ferdinand Hitzig, so stelle ich diese Beiden nur im negativen Sinne in eine Parallele, insofern, als Beide sich von der blinden Autoritütsgläubigkeit frei gemacht haben. Und darin steht Jener höher. C’est le premier pas, qui route. Jbn Esra hat doch als Erster mit der naiven Auffassung des Midrasch gebrochen. Während die ganz haltlose Haggada Jochebed, die.Mutter Moses, auf dem Zuge nach Aegypten geboren sei» läßt, um die Zahl der 70 Personen, die mit Jakob nach Aegypten kamen, heraus zu rechnen, weist er nach, daß Jakob selbst mitgezahlt werden müsse und fügt in seiner sarkastischen Weise hinzu: „Es ist merkwürdig, daß die Thora, welche es als ein Wunder erzählt, daß Sarah, die Neunzigjährige, geboren hat, den merkwürdigen Umstand verschweigt, daß Jochebed, als sie Aaron gebar, 210—83, also 127 Jahre alt geworden sein muß, und, als wäre es nicht genug an diesem Jammer, läßt sie der Dichter eines Pijut noch Moses überleben, so daß sie 250 Jahre alt gelvorden sein muß." (Komm, zu I. Mos. 46, 27). Wenn ihn nun auch Nachmnnides ob dieser Ketzerei auf das Bitterste angreift, so liefert er damit uns nur den Beweis, wie nothwendig das scharfe, Auftreten Jbn Esra v gegen die Ueberschützung des Midrasch war. Gelinder als Jbn Esra urtheilt Maimonides über die talmudische Haggada, aber auch er sagt ausdrücklich, daß eine wörtliche Auffassung dieser Aussprüche, wie z. B. der Erzählung, daß die Geister der Abgeschiedenen sich in der Neujahrsnacht über die Ernteaussichten des kommenden Jahres unterhalten, dahin führen müsse, daß die alten Rabbinen unbefangenen Geistern nicht als Weise, sondern als Narren erscheinen. Und ausdrücklich sagt er, daß er Niemanden verketzern wolle, der die Ansicht ausspricht, daß Einzelnes im Talmud unhaltbar sei. ruiEXn H1D’1? mTlD ITO fW (Einleitung zu Moreh Nebuchim). Dieses Urtheil ist um so wichtiger, als Maimonides in seinem Erstlingswerke, dem Kommentar zur Mischnah, (Sanhedrin Kap. 11) noch auf dem Standpunkt steht, daß es viel schlimmer sei, den Glauben an die wörtliche Bedeutung der talmudischen Haggadah gegen die Autorität der alten Rabbinen ins Feld zu führen, als ihn allen Angriffen zum Trotz zu behaupten. Wir finden aber noch später, trotz der geistigen Finsternis;, mit welcher die kanonische Gesetzgebung das Judenthum umgeben hatte, erleuchtete Geister, deren Religiosität ernst genug war, um das Licht der Kritik nicht zu scheuen. Hier steht Asariah de Rosst obenan. Er ist von dem kopernikanischen Weltsystem ausgegangen, um zu beweisen, daß unsere alten Lehrer im Talmud nur auf dem wissenschaftlichen Niveau ihrer Zeit standen, daß sie auf dem Gebiete der Geschichte und der Naturwissenschaft weder Autoritäten sein wollten, noch konnten. Sein Standpunkt ist der, daß das Gesetz allein Tradition sei. Können wir aber heute auch nur diesen Standpunkt einnehmen? Läßt es unser wissenschaftliches Gewissen zu, daß wir glauben, Mose habe dem Josua und dieser den weiteren Geschlechtern überliefert, daß das geringste Maß des Aussatzes ein Graupenkorn sei, daß aus derselben Quelle der Ausspruch der Mischnah flamme: wer ein Gelübde gethan hat, alles Gemüse zu meiden, dürfe Melonen effen, oder was zu geschehen habe, wenn das Blut einer als Ganzopfer dargebrachten Taube auf der unteren und einer als Sühnopfer dargebrachten auf der oberen Hälfte der Altarwand gesprengt wurde? Nein, das können wir nicht, und darum dürfen wir auch die Halacha nicht überschätzen, sondern müssen sie halten für das, was sic ist, für einen aus allzu großer Gewissenhaftigkeit entstandenen Versuch, das religiöse Leben nach der Seite des Gesetzes zu regeln. Das Alter der Halacha ist aber nicht die einzige Richtschnur unseres Verhaltens zu ihr, wir müssen auch ihren Inhalt prüfen. Ihr Prinzip ist, wie bereits gesagt, die minutiöse Regelung des Gesetzes. Damit soll ein Frönnnigkeitsideal aufgestellt werden, durch dessen Erreichung oder Anstreben die Seligkeit erlangt wird. Geben wir also unserem Herrn Gegner Recht, nehmen wir an, ich verstehe wirtlich nicht „ein Blatt Gemara". Nun wird von den späteren Gesetzeslehrern z. B. viel darüber verhandelt, was zu geschehen habe, wenn man eine Stelle iin Gebete etwa einmal weggelassen 'hat, wenn man sie sagen sollte oder hinzngefügt hat, wenn man sie nicht sagen sollte. Zugegeben, ich verstünde die Beweise aus Talmud, Tossaphvt rc. nicht zu würdigen, aber, wenn ich behaupten wollte, daß es unrecht sei, an solche Fragen Witz, Scharfsinn und Gelehrsamkeit zu verschwenden, daß es eine unwürdige, weil ganz äußerliche Auffassung des Gottesdienstes und Gebetes verräth, über solche Fragen Gesetze zu erlassen, daß derartige Grübeleien sogar dem Geiste des Talmud zuwider find, der sagt: Gebet ist Dienst des Herzens! Ich habe nicht nöthig, die Beispiele zu häufen, aber zwei Autoritäten aus der neueren Zeit will ich noch anführen. Jehuda Rosanes, gestorben 1727 als Rabbiner in Konstantinopel, wird, wie Sie wissen, als einer der scharfsinnigsten Halachisten gefeiert, und ich habe mir als Knabe manches Zehnkreuzerstück verdient, wenn ich einen jener Kniffe, durch welche er einen wirklichen oder vermeintlichen Widerspruch in Maimonides löst, richtig aufgefaßt habe. Derselbe Jehuda Rosanes widmet in seinem 'bftb Nw» eine zwei Druckbogen lange Untersuchung der Frage, ob ein Hoherpriester ein Mädchen heirathen dürfe, welches — weiter geht es nicht. Ein zweites Beispiel ist eine Untersuchung, die der Frankfurter Rabbiner Arjeh Lob, Verfasser des nn« Mtw darüber anstellt, warum Maimonides in den Gesetzen des Pessachfestes sich der Ansicht R. Jehudas im Talmud anschließt, aber die Begründung eines Gesetzes von R. Simon acceptirt. Wir wollen die Einzelnheiten seiner Erörterungen nicht verfolgen, genug, daß zuletzt dabei das Resultat zu Tage tritt, daß man die Mazzoth, wenn man gezwungen sei, sie aus unverzehntetem Weizen zu bereiten, etwa in Pulverform zu sich nehmen dürfe, denn dadurch werde das Verbot nicht übertreten und das Gesetz dennoch erfüllt. Man möge nun ruhig sagen, daß ich die scharfsinnigen Untersuchungen des Rabbi Arjeh Löb nicht verstanden habe; ich lasse es nur gern gefallen, man möge mir ruhig vorwerfen, daß ich die Beweise, welche Jehuda Rosanes für sein merkwürdiges Problem anführt, nicht richtig erfassen kann, aber das kann die Thatsache nicht ändern, daß der Gegenstand der Untersuchungen ein solcher ist, daß er unserer Theologie durchaus nicht zur Ehre gereichen kann, umsomehr, wenn dabei die wichtigsten Gegenstände der Theologie, die Religionsphilosophie, die Bibelforschung, dieschebräische Sprachlehre, die Geschichte des Judenthums und was sonst unser modernes Bewußtsein dahin rechnet, als etwas gar nicht oder nur sehr.nebensächlich dazu Gehöriges angesehen wird.

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