Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1891)
- Date
- 1891-01-22
- Page
- Seite 44 (sequence 8)
- Language
- German
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44 seinen höchsten Gipfel erreicht hatte und die jüdische Wissenschaft einseitig zu werden drohte, da erschien die Maimonidische Philosophie, welche dieselbe auf ganz andere Bahnen wie zuvor leitete, und schon der Titel seines berühmten religiösphilosophischen Werkes: „Führer der Verirrten", spricht deutlich genug dafür. Natürlich blieb die maimonidische Religionsphilosophie nicht ohne Folgen. Sie rief eine der größten Revolutionen auf dem Gebiet der jüdischen Wissenschaft hervor. Ein halbes Jahrtausend genügte nicht, die erregten Gemüther zu beruhigen; und die Leidenschaft, mit welcher die Gegenparteien ihren Streit führten, zeigt deutlich genug, daß für das Erscheinen der maimonidischen Religionsphilosophie, bei allen ihren Mangeln und Schwächen, doch höchste Zeit war. Der schärfste Gegensatz, und so zu sagen die Reaktion der maimonidischen Philosophie, ist aber die Kabbala, deren Entstehen dieser Philosophie einzig und allein zu verdanken ist, und die später, als sie schon in Verruf kam, noch immer im Kopfe eines Lnzzato speckte. Daß die Kabbala, die streng genommen nichts anderes als ein bemäntelter Polytheismus ist, sich dennoch der ansehnlichsten Gelehrten Spaniens bemächtigte, ist nur dadurch zu erklären, daß zu der Reaktion der maimonidischen Philosophie noch eine hinzutritt, nämlich die Vertreibung der Juden aus Spanien, die zu gleicher Zeit mit dem Erscheinen der Kabbala stattfand. Die Vertreibung der Inden aus Spanien bewirkte, das; dieselben in sich selbst sich znrückzogen, gegen alle äußeren Eindrücke sich abschlossen und sich somit in kabbalistischen Schwärmereien Luft zu machen suchten, die ihrer Phantasie genügende Beschäftigung gab und ihren Schmerz und die ihnen zugefügte» Kränkungen einigermaßen milderte. Was Wunder nun, daß der kabbalistische Spuk bei einem so klaren und tiefen Denker wie Spinoza ein ganz anderes Resultat, eine Reaktion hervorrief; da seine „Weltanschauung die absolute Einheit und sein System der abstrakteste Monotheismus, der sich denken läßt" ist. — Die Person des Spinoza stand wohl dem Judenthum fern, allein seine Ideen waren den Gegnern der Kabbala, einem KreskaS, einem Gersvnides, nicht fremd, welche auf den Ausbau seines Systems von entscheidendem Einfluß waren, wie cs Joel in seiner trefflichen Abhandlung zur Genüge »achwies; den Ausgangspunkt ihrer religionsphilosophischen Spekulationen bildet aber bei Gcrsonides ebenso ivie bei Kreskas immer die maimonidische Philosophie. Ueberhaupt waren alle Anhänger der maimonidischen Philosophie, was sich nicht anders denken läßt, entschiedene Gegner der Kabbala. Ein Auswuchs der Kabbala, der Chassidismus, welcher etwa gegen Ende des 17. Jahrhunderts sümmtlicher Juden Polens sich bemächtigte, wüthete mit aller Gewalt gegen die religionsphilosophischen Ideen eines Maimonides und seiner Anhänger, und selbst in Deutschland entgingen viele Ortschaften, wo Juden ansässig waren, dieser Strömung nicht, deren Endziel es lvar, sich gegen alles Wissenschaftliche zu verschließen. Mit dem Erscheinen Mendelssohns beginnt für das Judenthum auf religiösem Gebiete eine neue Aera, d. h. der Gegensatz der bisherigen Strömung machte sich tvieder geltend. Allein das wüste Treiben der nachmendelssohnschen Periode rmd die Reformbestrebungen im Judenthnm, die seit jener Zeit datiren, riefen auch ihre entschiedenen Gegner hervor. So ist es noch bis auf den heutigen Tag, und so wird es auch immer sein. Mit andern Worten: Der Geist des Judenthums, ebenso wie das Denken in der gesammten Menschheit, bewegt sich und schreitet immer in Extremen vorwärts, und bleibt stehen, sobald die Bewegung von Extrem zu Extrem ihm fehlt. Dieselben Bahnen, welche das Sonnensystem um die Sonne macht, dieselbe Bahn macht auch der menschliche Geist um seine Sonne, um die Wahrheit. Wenn aber alle Himmelskörper, die ihre Bahnen um die Sonne umschreiben, auf dieselbe, die ihnen die Kraft hierzu verleiht, losstürzen,' dann hört arich ihre Existenz auf, und der Gedanke würde auch seine Existenz verlieren, wenn er die absolute Wahrheit erreicht hätte. U Juni und Kerne. Ein Vortrag von Rabbiner Dr. Ziegler. 1. Geehrte Versammlung! Seit Menschengedenken wird auf allen, ganz besonders aber auf religiösem Gebiete über Jndifferentismus geklagt. Es ergeht diesem Worte und seinem Begriffe, wie es schon unzähligen ergangen ist, je mehr es gebraucht wird, um so weniger wird es verstanden. Die Philosophie hat es geschaffen, die Litteratur übernommen, die Menge aber aufgefangen; der Größe des Abstandes dieser einzelnen Klassen entsprechend, schwand das wahre Verständnis; des Wortes. Allgemein bekannt ist hellte nur der Schallwerth desselben, der Wortsinn; doch welch' Giftkern unter dieser Schale sich birgt, wird nicht untersucht, nach den Folgen eines solches Zustandes nicht geforscht. Es giebt zweierlei Jndifferentismus: einen bewußten und einen unbewußten, d. ch. einen natürlichen, nahezu nothwendigen, und einen künstlich, wissenschaftlich gewonnenen. Die große Masse der Menschen, die durch körperliche Arbeit ihr Brod sich erwerben muß, ist in gewiffer Beziehung stets indifferent, der Druck, die Sorge, die Noth des Lebens ermüden zu sehr, entfremden jedem abseits gelegenen Interesse. Ein anderer Theil der Menschen aber ist ans Prinzip indifferent, sie haben es sich philosophisch zurechtgelegt, daß alle drei Ringe falsch, der rechte verloren gegangen, doch ist ihre Folgerung nicht die edle Lessings, sondern eine viel bequemere, wie es aus den; Verlauf unserer Vorlesung erhellen wird. Gegen diese Klasse ist nicht anznkämpfen, die crstere aber, die unbewußt Indifferenten, können noch erweckt, begeistert, zurückgeführt werden. Einem mächtigen Staate, oder einer allmächtigen Konfession sind diese Letzteren unschädlich, doch die bewußt Indifferenten sind auch da der nagende Wurm, der das innere Mark verzehrt. Einem bedrückten Volke, einer geduldeten Konfession ist der Jndifferentismus in beiden Formen gefährlich. Die bewußt Indifferenten geben jedem schwerer lastenden Drucke aus Bequemlichkeit nach, die unbewußten haben keinen innern Halt und weichen aus Furcht und Bedrüngniß. Das sind die Folgen des Jndifferentismus. Worin besteht aber diese Gleichgiltigkeit? etwa in der Nichtbeachtung des religiösen Eeremoniells? — Nein! Die Gleichgiltigkeit gegen das Judenthum hat nicht im Ceremoniell ihren Ursprung, dessen Vernachlässigung führt noch nicht zum Abfall vom Judenthum, — doch die Unkenntniß der Geschichte des Jndenthums, seiner Bedeutung, seiner Wirksamkeit, mit einem Worte: die Nichtbeachtung der jüdischen Wissenschaft führt dazu. — Leopold Zunz, der Bahnbrecher jüdischer Forschung in diesem Jahrhundert, sagt in der Einleitung zu einem seiner bedeutendsten Werke: „Die Gleichstellung der Juden in Sitte und Leben wird aus der Gleichstellung der Wiffenschaft des Judenthums hervorgehen." Wohl wahr! So lange Lehrer und Professoren, Gebildete und Gelehrte mit einer Art Verachtung und Mitleid die jüdische Litteratur besprechen, so lange sie die Lage eines Dorfes im Kongo-Staate mit mehr Akribie und Objektivität bestimmen, als die bedeutendsten Ereignisse der jiidischen Geschichte, so lange wird auch die wahre Anerkennung ausbleiben. Der Mangel an wissenschaftlicher Beurtheilung bringt die lügenhaftesten Verleumdungen zu Tage, und Mangel an Kenntniß schenkt ihnen Glauben. Wie soll aber der Fremde die jüdische Litteratur würdigen, wenn wir