Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1891)
- Date
- 1891-01-22
- Page
- Seite 41 (sequence 5)
- Language
- German
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41 Bildung kommt uns zu Gute. Früher wurde jedes begabte Kind — und wo gäbe es Eltern, die ihr Kind nicht für begabt halten — im Talmud unterrichtet. So ein Junge hatte unter den Püffen und Stockhieben des Lehrers die Diskussion über das am Feiertage gelegte Ei gelernt. Das war wohl Alles, was er davon behielt, aber es reichte hin, uni ihm später, wenn er eine andere religiöse Richtung eingeschlagen hatte, eine volle Verachtung der ganzen rabbinischen Litteratur beizubringen. Das ist heute wohl anders geworden, aber die'Mehrzahl der Juden ist noch immer der Ansicht, daß im Talmud nichts Anderes enthalten ist, als ewige Streitigkeiten über das, was mau essen und was man nicht essen dürfe, über die Art, wie man sich beim Gebet bücken und wie mau vorher die Hände waschen solle. Stellen Sie sich nun auf den Standpunkt, daß Alles, was der Talmud enthält, eine heut zu Tage unerreichbare Weisheit ist, so etwa, wie Moses Sofer behauptet hat, daß ohne Zweifel die Schulen der alten Tanaiten allen heutigen Universitäten überlegen gewesen seien, so ist Ihre Partie verloren. Die talmudische Haggada enthält einmal verschiedene Stellen, die nicht zu retten sind. So . hat z. B. vor Jahren in Prag ein Verleger cs unternonnnen, die Sammlung talmudischer Haggadas in deutscher Sprache herauszugebe». Kaum war der erste Probebogeu gedruckt, als mit Blitzesschnelle sich die Nachricht verbreitete, im Talmud sei zu lesen: „Gott brüllt wie ein Löwe" lBerachoth 3, rr). Es entstand ein förmliches Halloh unter allen lustigen Brüdern, welche sich darüber freuten, daß sie sich über etwas, das vielen Leuten für heilig galt, lustig machen durften. Der selige Rappaport legte sich ins Mittel, und der Verleger, sowie der Uebersetzer verzichteten auf die Ausführung des Unternehmens. Sie sehen also, daß auch ein Mann von so konservativer Gesinnung, wie Rappaport, nicht Alles rechtfertigen konnte, was im Talmud steht, denn sonst hätte er ja das Unternehmen fördern müffen, statt es zu unterdrücken. Und in der That läßt sich ja diese Stelle wohl erklären, wie ja schon vor fast 400 Jahren Jakob ibn Chabib gefunden hat, daß sie, wörtlich aufgefaßt, den Spöttern einen Schein des Rechts gebe. Ich will ja zugestehen, daß R. Eliezer, wenn er sagt: „Die Nacht wird in drei Vigilien eiugetheilt, und beim Beginne einer jeden sitzt Gott und brüllt wie ein Löwe", den Gedanken ausdrücken wollte, daß selbst in der stillen Nacht, wo der wohlthätige Schlaf uns an Leiden, Schmerzen und Sorgen vergessen macht, der Schmerz Gottes über den Untergang seines Heiligthums wach ist, und daß dieser Gedanke, allgemeiner gefaßt, sagen will, daß Gott, unser liebender Vater, unser gnädiger Richter, nur ungern Strafen über die Menschheit verhängt, aber der grobe Anthropomorphismus und die gewaltsame Anlehnung an das prophetische Bild (Jer. 28, 30) läßt diesen Gedanken aus seiner Verkleidung gar nicht erkennen, diese aber provozirt den Spott. Das aber, was ich zitirt habe, läßt sich noch nach verschiedenen Richtungen durch andere Citate ergänzen. So heißt es (Moed Katan 18, a): der Pharao, welcher Moses Zeitgenosse war, war selbst eine Elle lang, sein Bart war gleichfalls eine Elle langTind — weiter kann man in guter Gesellschaft nicht übersetzen. Hier ist jeder Versuch einer vernünftigen Erklärung vergeblich, und thatsächlich habe ich in der mir zugänglichen Litteratur nichts Derartiges finden können. Denn man kann es doch nicht eine Erklärung nennen, wenn die Verheißung damals: „den niedrigsten der Menschen wird er darüber setzen", durch eine solche Deutelei ausgedrückt werden soll. Uebrigens ist die Erkenntniß, daß manches, was im Talmud steht, dem religiösen Gemüth Anstoß gebe, nicht von heute und gestern, Im Talmud selbst wird erzählt, daß ein ' Ä Jünger Rabban Gamaliels es lächerlich fand, als sein Lehrer be- G hauptete, daß im messianischen Reiche die Bäume alle Tage Früchte |j zeitigen, die Weiber alle Tage Kinder gebären und der Boden Pa- 1 lüstinas Semmel und inilesische Wollenzeuge Hervorbringen werde. 1 (Sabbath 30). Wenn der Talmud diese Geschichte so erzählt, daß ~| der Tadel auf den kritischen Jünger füllt, so ist dieser für uns noch jf nicht ins Unrecht gesetzt. Im Laufe der späteren Jahrhunderte $• haben nicht nur die Karäer und die christlichen Judenfeinde durch k Heranziehung solcher Stellen einen Sturmlauf gegen das gesammte ll rabbinische Judenthum unternommen; auch innerhalb des letzteren jf;:. waren es die besten Geister, welche vor der Verhimmelung der Haggada warnten. Obenan nenne ich Ihnen Ibn Esra, auf deffeu j; Studium ich Sie von jeher hingeleitet habe. k Lesen Sie mir fleißig in seinem Bibelkommentar; Sie werden jli es nicht bereuen. Man hat Ihnen von anderer Seite gesagt, daß 1 Ibn Esra durch seine Neigung zu boshafter Satire sich derartig;!• leiten lasse, daß er um ihretwillen die Wahrheit preisgiebt. Lieber jj Freund, das ist eine Verleumdung. Ter Mann hat freilich ebenso, •! wie andere unabhängige Geister, die unter dem Drucke konventioneller!; Vorurtheile seufzten, in sich eine gewisse Verachtung der engherzigen;! Traditionsgläubigkeit großgezogen, er war in der gleichen Lage, wie | die französischen Encyclopädisten gegenüber dem feudal-klerikalen $,■ Staatswesen oder wie Heine und Börne gegenüber der Metternichjp1 scheu Reaktion; der Zwang, der ans ihm lastete und den er als z! schweres Unrecht empfand, machte ihn bitter. Es ist so unrecht nicht, j j wenn Treitschke die satirische Manier als eine Eigenheit der jüdischen ' Dichter darstellt; ja es steckte in ihnen ein Stück Jbn-Esra-Natur,;! sie mußten ebenso wie er gegen verjährtes, durch Vorurtheile gestütztes Ä Unrecht kämpfen, was Wunder, wenn sie die Gegner, welche nicht | besser belehrt werden wollten, ihre Ueberlegenheit recht empfindlich .!? fühlen ließen. | Ich schweife scheinbar von dem Thema ab, aber ich bin gerade jj dabei, wenn ich von Ibn Esra rede, um die Pflicht der Wahrjj" Hastigkeit gegenüber der gedankenlosen oder spekulativen Quasijj; Gläubigkeit zu erörtern. Ein bekannter Herr hat, wie Sie mir ) schreiben, einmal gemeint, daß ich Ibn Esra deswegen so sehr schätze, h weil ich selber gern den Leuten das sage, was ihnen unangenehm ’’ ist. Nun, ich könnte mir das ruhig gefallen lasten, denn einem 1; Vergleich mit diesem größten Geiste, den das Judenthum im Mittelj alter erzeugt hat, brauche ich nicht aus dem Wege zu gehen. Ich weiß wohl so gut wie Sie, mein lieber Freund, wie das gemeint ist. Man wollte Ihnen sagen, Ihr ehemaliger Lehrer sei ein Gassenjunge, der gern aller Welt eine lange Nase macht, aber die Ansichten solcher Herren, die meinen, weil sie um so und so viel mehr Einkommen j haben nnd so und so viel Jahre länger im Amte sitzen, ohne etwas gethan zu haben, als auf die Schwächen des Publikums zu spekuliren, müßten sie auch Alles besser verstehen, sind mir noch viel gleichgiltiger, als der Unmuth eines ungarischen oder galizischen Fanatikers der alten Schule. Ehe Sie ein Amt antreten, welches Sie, wie ich nicht zweifle, ) würdig und, was die Hauptsache bleibt, mit sittlichem Ernste verwalten j werden, erinnern Sie sich an das Testament Alexander Jannais: jj „Meide jene Gefärbten, welche thun die Thaten eines Simri und jj begehren den Löhn eines Pineas", es sind dieselben Leute, die „vor jj jeder Welle das Haupt neigen" und dann mit ihrer Ueberzeugungsjj treue paradiren, Leute, welche z. B. immer die Nothwcndigkcit des ij Unterrichts in der hebräischen Bibel betonen, während ihre eigenen j Kinder nicht im Gebetbuch Bescheid wissen, welche von der Kanzel j Philippiken gegen den Abfall vom Glauben herunterdonnern, während sie anderseits nicht den Muth haben, die Macht persönlicher Inter-